Zyklus Stephen Frears - 08/10/08
Frears: Porträt
Ob im Waschsalon eines schwulen Pakistanis oder im britischen Königshaus, Regisseur Stephen Frears deckt unbeirrt auf, dass nichts ist, wie es scheint. ARTE ehrt den diesjährigen Jurypräsidenten der Filmfestspiele in Cannes mit einer großen Retrospektive.
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Welcher Regisseur isst schon mit der Queen zu Mittag? Die ältere Dame sei ein bisschen wie seine Mutter und exporttauglich wie Harry Potter oder James Bond, fand der Brite Stephen Frears. So wagte er sich an seinen Film „Die Queen“ (2006), der in der Zeit spielt, als Prinzessin Diana einen tragischen Unfalltod starb und die Königin es sich mit ihrer unterkühlten Reaktion um ein Haar mit ihrem Volk verdorben hätte. Ein heikles Projekt. Wer aber glaubte, ein Film über das gekrönte Oberhaupt Großbritanniens müsse in Klamauk ausarten, hat sich getäuscht. Mit dem Porträt Elisabeths II. – von Helen Mirren präzise und mit Zurückhaltung gespielt, wofür sie den Oscar gewann – gelang Frears ein Werk von trockenem Humor, das die Monarchie als Institution der Lächerlichkeit preisgibt, die Mutter der Nation aber mit großem Respekt behandelt.
Ist Frears vom Rächer der Entrechteten, der in früheren Jahren keine Gelegenheit ausließ, Gift und Galle auf die Eiserne Lady Maggie Thatcher zu spucken, zum Königinnenversteher geworden? Wer einen Film über noch lebende Personen drehe, trage eine große Verantwortung und müsse „fair und sehr sorgfältig“ vorgehen, erklärte der Regisseur kürzlich im Interview. Schließlich wolle er Menschen, keine Karikaturen zeichnen. Die Queen dankte ihrem Untertan die Zurückhaltung mit einer Einladung zum Lunch im Buckingham Palast – Eingang über die Hintertreppe, versteht sich.
Dirigent eines Orchesters ...
Stephen Frears ist kein Autorenfilmer. Er schreibt seine Geschichten nie selbst und gibt sich auch keine Mühe, beim Filmen eine eindeutige Handschrift zu hinterlassen – im Gegenteil: Mit der eigenen Bescheidenheit kokettierend, bezeichnet sich der Brite nicht als Künstler, sondern als „Auftragsregisseur“ und vergleicht sich mit dem austauschbaren Dirigenten eines Orchesters, der eigentlich nur die Arbeit des Komponisten umsetze. Für Frears sind die wahren Autoritäten die Autoren. Auf ihre Kenntnis und Intuition verlässt er sich und eignet sich das für die Regiearbeit nötige Rüstzeug durch Recherche an. Der Sohn einer Sozialarbeiterin und eines Physikers, der 1941 in den englischen Midlands geboren wurde, versucht nicht krampfhaft, die Authentizität seiner Filme mit seiner Herkunft zu belegen. So schrieb der britisch-pakistanische Autor Hanif Kureishi das Drehbuch zu dem Film „Mein wunderbarer Waschsalon“ (1985), der Frears mit 44 Jahren einen späten Durchbruch verschaffte. Das Londoner Immigrantenmilieu dieser Schwulenromanze sei ihm persönlich ebenso fremd gewesen wie das Adelsleben im Frankreich des 18. Jahrhunderts, das er drei Jahre später in „Gefährliche Liebschaften“ (1988) auferstehen ließ.
... mit liebevollem Blick
Stephen Frears ist Humanist und Moralist. Im Mittelpunkt seiner Werke stehen der Mensch und seine Beziehungen, und er bewegt sich im Vorort-Reihenhaus der achtköpfigen irischen Familie Curley in seiner TV-Komödie „The Snapper – Hilfe, ein Baby!“ (1993) mit ebenso viel Respekt wie im Schlafgemach seiner Queen. Mit zärtlichem Blick verfolgt er die Charaktere und legt dabei lustvoll menschliche Schwächen und Intrigen offen. Ob hinter den dicken Wänden des Buckingham Palastes oder im Londoner Luxushotel, dessen Manager in „Kleine schmutzige Tricks“ (2002) mit Organen illegaler Einwanderer handelt – bei Frears wird immer am schönen Schein gekratzt. Und auf den zweiten Blick unterscheiden sich die erotisch aufgeheizten Machtspiele des französischen Adels in „Gefährliche Liebschaften“ kaum mehr von den Tricksereien der Zocker aus L.A. im Neo-Noir-Film „The Grifters“ (1990).
Wie seine Landsleute Ken Loach und Mike Leigh kam auch der Cambridge-Absolvent Stephen Frears
Ende der 1960er Jahre vom Theater zum Film. Gemeinsam kämpften sie sich durch die mageren Jahre des Thatcherismus und begründeten mit ihren frechen und sozialkritischen Milieustudien das „New British Cinema“. Frears’ Kollegen verbitten sich noch heute jeden Gedanken an Hollywood. Leigh behauptete sogar einmal großspurig, er würde sich lieber Stahlnägel in die Augen stechen, als nach Hollywood zu gehen. Frears dagegen ergriff nach dem Erfolg seiner London-Trilogie „Mein wunderbarer Waschsalon“, „Prick Up Your Ears“ und „Sammy und Rosie tun es“ Ende der 1980er Jahre seine Chance, das graue London gegen die kalifornische Sonne einzutauschen – und beteuert seitdem seine Liebe zu Amerika.
Die üppige Kostümverfilmung des sarkastischen Briefromans „Gefährliche Liebschaften“ von Choderlos de Laclos, die Frears 1988 im Auftrag der US-Produzenten Warner Bros. auf einem französischen Schloss drehte, galt für viele Kritiker als Seitenwechsel zum massentauglichen Kommerzkino. Doch selbst Neider mussten zugeben, dass dem Briten weit mehr gelungen war als leicht verdauliches Fastfood – nicht zuletzt dank der herausragenden Besetzung mit Glenn Close als heuchlerischer Marquise und John Malkovich als berechnendem Verführer Valmont, der die tugendhafte Madame Tourvel (Michelle Pfeiffer) umgarnt. Frears selbst gibt gerne zu, dass er Filme für ein großes Publikum machen will. Das heiße ja nicht zwingend, dass man sein Hirn an der Kasse abgeben müsse. Und so oszilliert der Brite seitdem zwischen großen Kinoproduktionen und ambitionierten kleinen Projekten fürs britische Fernsehen.
Jurypräsident unter Palmen
Dass er noch immer Zähne zeigen kann, machte Stephen Frears zuletzt an der Figur des Tony Blair in „Die Queen“ deutlich. Gespielt wird er von Michael Sheen, der den Labour-Politiker schon 2003 in Frears’ TV-Produktion „Doppelspitze“ verkörperte. „Die Queen“ zeigt Blair in einer Zeit, in der die Briten noch auf ihren neuen Premier als großen Modernisierer hofften. Heute, sagt Frears, sei Blair ein „Antidemokrat“ und ein „Kundenwerber ohne Prinzipien“, der ausnahmsweise und im Gegensatz zur Queen keine Fairness verdiene. Einen Film über den späteren Blair könne er nicht machen, das wäre einfach „zu deprimierend“. Dann noch eher eine Geschichte über den russischen Präsidenten Putin – aber dabei laufe man wohl Gefahr, selbst ermordet zu werden, mutmaßte Frears kürzlich in einem Interview. Und so engagiert wäre er wohl doch nicht für einen solchen Film. Schließlich sucht er sich seine Projekte noch immer vornehmlich nach persönlichem Interesse aus.
Strahlend und mit weißem Seidenschal erschien Frears im Februar zur Oscar-Verleihung – seine „Queen“ war in sechs Kategorien nominiert. Doch auch ihm hilft er nicht weiter, der schöne Schein, den er so gerne entlarvt. Der Brite flog ohne das stramme Goldmännchen auf die Insel zurück. Gleich zwei davon nahm dagegen sein US-Kollege Martin Scorsese, der einst Frears’ oscarnominierte „The Grifters“ produziert hatte, für „Departed – Unter Feinden“ mit.
Als Jurypräsident der 60. Filmfestspiele in Cannes kann Frears im Mai wieder strahlen, wenn er mit der Goldenen Palme die begehrteste Trophäe Europas verleiht. Das taten vor ihm schon andere älter gewordene und jung gebliebene Wilde wie Quentin Tarantino, Emir Kusturica oder David Lynch. Frears freut sich bereits, „in einer berauschenden Gegend grandiose Filme aus allen Ecken der Welt anzuschauen“ – 20 Jahre nachdem er die Künstlerbiografie „Prick Up Your Ears“ an die Croisette brachte. Bis dahin verabschiedete er sich mit britisch-diplomatischer Ironie: „God Save Cannes! As well as the Queen.“
Maike van Schwamen für das ARTE Magazin
Erstellt: 02-04-07
Letzte Änderung: 08-10-08