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Jahrhundertaufnahmen Jazz

Ab sofort präsentiert ARTE-Online zusammen mit der SWR 2-Jazzredaktion in einer neuen Reihe die "Jahrhundertaufnahmen des Jazz" – von den Anfängen bis zur (...)

Jahrhundertaufnahmen Jazz

Jahrhundertaufnahmen des Jazz - 28/11/08

Fred Frith: "Step across the border"

Recommended Records 1990


"Ihr Zufall ist nicht der gleiche wie mein Zufall, genauso wie Ihr Würfelwurf selten der gleiche sein wird wie meiner."
(Marcel Duchamp)
von Harry Lachner

Die Auswahl im Überblick

Nehmen wir an, der Zufall sei tatsächlich nur zufällig. Eines jener plötzlichen Ereignisse, das ohne Beziehung zum ach so sorgsam strukturierten Kontext über den Hörer - und nicht zuletzt auch den Musiker - hereinbricht, ihn aus der Gedankenbahn zu werfen droht. Aber vielleicht spricht dieser Zufall, auf den der improvisierende Musiker reagiert, doch auch ein wenig von der sedierenden Redundanz des Vorhersehbaren.
Vom Balsam der leicht identifizierbaren Strukturen, von der Absurdität, in die jede künstliche Ordnung - in welcher Maske auch immer - münden muß. Der britische Gitarrist (und Violinist, Bassist) Fred Frith fordert den Zufall heraus; weniger in seinen durchstrukturierten Werken oder bei seinen Auftritten in einem eher von den Parametern der Rockmusik eingegrenzten Kontext. Dafür läßt er ihm bei seinen frei improvisierten Konzerten umso größeren Raum. Aber nicht der Zufall an sich ist interessant, sondern allein wie der Musiker ihn im Rahmen seiner Ästhetik nützt. Doch wo unorthodoxe Technik, das Traktieren des Instruments mit Haushaltsgegenständen sich mit Aleatorik verbindet, kann das Ereignis leicht undurchschaubar geraten.

Bei seinen Improvisationskonzerten muss man sich in der Tat vom Gedanken einer einzigen narrativen Linie verabschieden: Der Hörer ist gefordert, den verschiedensten Sprechweisen, die gleichzeitig ablaufen, zuzuhören. "Hier wird dem Publikum", erzählt Frith, "keine Struktur aufgezwängt. Vom Hörer wird lediglich verlangt, daß er dem, was er hört, seine eigene Ordnung auferlegt, daß er für sich selbst eine Ordnung ableitet." Für die Improvisation, die Begegnung mit dem Unerwarteten müsse man leer sein, sagt Frith. "Leer und erdverbunden, wie beim Tai Chi. Man versucht, alle Ideen und Pläne zu vergessen - dann kommen die Dinge auf einen zu und man beginnt, damit zu arbeiten. Neue Klang- und Spielmöglichkeiten zu finden, ist keine Suche nach dem Neuen, sondern vielmehr der Ruf nach einer Ausdrucksform, die wahr ist. Und um diese Wahrheit auszudrücken, muß sie aus dir selbst kommen - sonst imitierst du nur etwas."

Sein 1990 erschienenes Album "Step Across The Border" wurde ursprünglich als Soundtrack zu dem gleichnamigen filmischen Porträt Fred Friths veröffentlicht. Mittlerweile aber hat dieses Album einen eigenen Stellenwert: als eine der vielseitigsten Gitarrenplatten des Jazz - und als ein Meilenstein der Moderne. Die Regisseure Nicolas Humbert und Werner Penzel begleiteten Frith auf seinen Reisen quer durch die Welt - immer auf der Suche nach Spielpartnern, nach neuen Klängen, neuen ästhetischen Impulsen. Der Film ist mehr als nur das äußerliche Porträt von Fred Frith, mehr als nur das psycho-akustische Bild eines Musikers. Er zeigt vielmehr eine von Klängen und Klangfarben besessene Persönlichkeit, die Instrumente jenseits des Gewohnten führt, jedes noch so alltägliche Geräusch auf seine Brauchbarkeit testet.
Die Musik des Fred Frith ist offen für die Klänge der Welt, so profan sie auch sein mögen. Er sucht nicht nur nach der musikalischen Qualität des Geräuschs, sondern vielmehr nach der Möglichkeit, das Geräusch in einem musikalischen Kontext von seinem bloßen Lärm-Charakter zu befreien. Das penetrante Piepen eines Weckers kann zum Taktgeber für einen Song werden, ein Sägegeräusch markiert einen flexiblen, unregelmäßigen Rhythmus, gegen den die Gitarre anspielt - und vielstimmiges Autohupen formt gleichsam ein Orchester. Er erkundet gleichsam das Zwielicht der Töne, löst das Rauhe ihrer Sprache ab und führt sie in ein neues Territorium über, das von der Pflicht zur Funktionalität entbunden ist; ein Ort, an dem sie jederzeit neu codierbar werden.
"Step Across The Border" - diese kleine Gesamtschau der vielen Facetten Friths - zeigt am eindrücklichsten die stilistische Vielfalt, die zahllosen Wege und Winkelzüge des rastlosen Klang- und Formensuchers: von der Weiterführung des Art-Rock, wie er ihn in den siebziger Jahren mit der Gruppe Henry Cow erarbeitet hatte, über listige Klangcollagen und sarkastisch humorvollen Popminiaturen bis zu rigid strukturierter Musik. Diese CD ist der beste Einstieg in eine facettenreiche Welt des Zufalls und der Ordnung.

Text: Harry Lachner

Fred Frith
Step Across The Border
Recommended Records reCDec30
Erschienen 1990

Erstellt: 21-12-07
Letzte Änderung: 28-11-08


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