„Wo ist die Leiche?“ fragt die Polizistin am Tatort. „Überall“, antwortet Kommissar Adamsberg von der Pariser Brigade Criminelle und breitet die Arme aus. In diesem Zimmer wurde ein Mensch in 460 Teile zerstückelt, zerhackt und zermalmt.
Kann man so ein Verbrechen noch steigern? Im gleichen Roman? Die Französin Fred Vargas kann es. Vor dem Eingang zum Londoner Friedhof Highgate (dort liegt Karl Marx begraben) stehen 17 Schuhe. Das Besondere ist: Die Füsse der Besitzer sind noch drin, der Rest wurde oberhalb des Knöchels abgetrennt.
Willkommen in der kuriosen Welt von Frau Vargas, 51. Auch in ihrem zehnten Kriminalroman geht es wieder reichlich irre zu. Diese Frau braucht das. In ihrem Brotberuf ist sie Archäozoologin (d.h., sie analysiert alte Tierknochen), also Wissenschaftlerin. Zur Entspannung flüchtet sie in ihren Romanen in eine Welt der Märchen und Mythen.
Da toben Werwölfe („Bei Einbruch der Nacht“, 1999), die Pest wütet im heutigen Paris („Fliehe weit und schnell“, 2001), oder eine Nonne spukt im Haus von Kommissar Adamsberg („Die dritte Jungfrau“, 2006). Fred Vargas bohrt in unseren Urängsten. Mit diesen schrägen Plots hat sich die Französin obendrein ein grosses Publikum erschrieben und die wichtigsten europäischen Krimipreise abgeräumt.
Wenn im Herbst das ZDF vier Vargas-Verfilmungen ausstrahlt - mit Jean-Hugues Anglade („Betty Blue“) als Adamsberg und Gastauftritten von Jeanne Moreau und Charlotte Rampling -, dürfte ihr Ruhm hierzulande noch ein wenig grösser werden. Und zu dem trägt jetzt schon ihr jüngster Kriminalroman „Der verbotene Ort“ bei.
Der neue Fall führt den eigenwilligen Bauchmenschen Adamsberg in das serbische Dorf Kiseljevo - und an den Rand des Irrsinns. In Kiseljevo nämlich nahm einst der Vampirglaube seinen Anfang. An einem verwunschenen Ort im Wald haust der 1725 getötete Dämon Peter Plogojowitz (den gab es wirklich), der in seiner Gruft kaut und schmatzt. Obendrein ist er noch für die Hals- und Fussabschneidereien verantwortlich.
Das klingt nach starkem Tobak. Doch das ist noch nicht alles. Hier gibt es noch Menschen, die Schränke essen, einen Mann, der das Sofa besitzt, das einmal dem Kammerdiener von Immanuel Kant gehörte, und einiges mehr.
So skurril die Handlung auch sein mag - sie wird wie immer absolut logisch und sinnvoll aufgelöst. Alles andere würde die rationale Seite von Fred Vargas wohl gar nicht durchgehen lassen. Zugleich bleibt der Roman märchenhaft und poetisch.
Das zeigt sich nirgendwo besser als bei dem häufig verwendeten Ausdruck „Plog“. Der hat einerseits mit dem Ur-Vampir zu tun. Darüber hinaus variiert seine Bedeutung je nach Kontext. Vargas schreibt: „Es kann ‚gewiss’ bedeuten, ‚genau’, ‚einverstanden’, ‚kapiert’, ‚gefunden’, eventuell auch ‚Quatsch’. Es ist wie ein Tropfen Wahrheit, der fällt.“ Alles klar?
Müsste man diesen ebenso lebensklugen wie verrückten und spannenden Roman mit einem Wort beschreiben, dann so: Plog.
Sven Boedecker/
Sonntagszeitung 19.4.2009
Es beginnt mit der Parade von abgeschnittenen Füßen vor den Toren des Londoner Friedhofs Highgate: der gelernte Vampyrologe weiß, dass dieser Ort etwas Besonderes ist. Erinnerungen an die makabre Exhumierung der Rossetti-Geliebten Elizabeth Siddal und andere sinistre Vorkommnisse leben auf. Kommissar Adamsberg, der sich gerade dienstlich in London aufhält und den gruseligen Fund in natura sieht, ist erleichtert, dass ihn diese abgeschnittenen Füße nichts angehen, und die gelehrten Anmerkungen seines Kollegen Danglard lassen ihn auch kalt.
Fred Vargas scheint hier auf den ersten Blick mit Gothic-Nostalgie zu spielen. Doch genial wie sie ist, wendet sie ihren Plot bald in die aktuelle Gegenwart. Zurück in Paris, wird Adamsberg mit einem bestialischen Mord konfrontiert. Ein alter Mann ist nicht nur umgebracht, sondern seine Leiche buchstäblich zu Brei zerstampft worden. Danglard glaubt indessen, unter den mumifizierten Füßen die Überreste eines serbischen Onkels entdeckt zu haben. Um die Verwirrung vollständig zu machen, meldet sich ein „graziöser Wiener“ Kommissar und erzählt Adamsberg, dass in Pressbaum bei Wien ein ganz ähnlicher Mord passiert ist. Adamsberg reist in ein serbisches Dorf, wo er in einem Waldstück ein uraltes unheimliches Grabmal entdeckt...
Vargas ist die aufregendste Krimiautorin Europas, weil sie eine brillante Konstrukteurin ist, immer wieder ganz neue Facetten erfindet und mit Adamsberg eine so spannende, vielfach gebrochene Persönlichkeit geschaffen hat. Ausserdem hat sie subtilen Humor und spickt ihren Roman mit gelehrten Anspielungen, die dem Kenner abseitiger Literaturgeschichte großes Vergnügen bereiten: großartig!
Ingeborg Sperl (
www.krimiblog.at) Mai 2009