Sie sind ein französischer Manga-Autor. Erzählen Sie uns, wie Sie zum Manga-Zeichnen kamen.Ich lebe in Japan und arbeite dort natürlich auch zeitweise. Deshalb interessiere ich mich selbstverständlich auch stark für japanische gezeichnete Bildstories, die unbestritten auch einen Einfluss auf meine eigenen Arbeiten haben. Aber ich würde mich trotzdem nicht als „Manga-Zeichner“ bezeichnen!
Während der gesamten 80er Jahre, als ich noch ausschließlich in Frankreich lebte und arbeitete, war ich immer darauf bedacht, dass sich meine Arbeiten nicht in die Schublade „BD“, also des typischen französisch-belgischen Comics, einordnen ließen. Als ich dann in den 90er Jahren nach Japan kam, wollte ich mich natürlich genauso wenig in die Schublade „Manga“ stecken lassen!
Ich sehe mich weder als „Manga“- noch als „BD“-Autor. Ich bin einfach jemand, der Bilderstories zeichnet und ganz nebenbei in Japan lebt.
Können Sie für uns in kurzen Worten definieren und abgrenzen, was „Nouvelle Manga“ ist ?
Der Begriff kam Ende der 90er Jahre in Japan auf und wurde geprägt, um meine eigenen Werke zu beschreiben, die man grafisch als der „BD“ nahestehend empfindet, während sie sich lesen wie Mangas und in den Augen der Japaner an den Stil des französischen Kinos erinnern.
Nach ihrem offiziellen Launch im September 2001 bei einer „Nouvelle Manga“-Show in Tokyo ist die „Nouvelle Manga“ heute eine Initiative von Autoren, die sich darum bemüht, durch Brückenschläge zwischen Autoren, Verlagen, und Lesern mit unterschiedlichsten Interessen gezeichnete Bilderstories als universelle Kunstform zu fördern und das Beste aus den Genres Manga, Comics und BD zu präsentieren, und zwar nicht unter rein kommerziellen Gesichtspunkten, sondern vielmehr im Hinblick auf universelle Kategorien wie Alltagsleben, Autobiografisches, Dokumentarisches und Fiktion.Es gibt drei Hauptmärkte für gezeichnete Bilderstories – Japan, USA und Frankreich -, die jeweils ein eigenes Genre, nämlich „Manga“, „Comics“ und „BD“, repräsentieren.
Diese auf der geografischen Herkunft und gewissen kommerziellen Gesichtspunkten basierende Kategorisierung lässt sich zum Teil auch historisch erklären (bis in die Mitte der 80er Jahre verlief die Entwicklung dieser drei Märkte unabhängig voneinander, praktisch ohne irgendwelche Überschneidungen) und wird meines Wissens bei keiner anderen künstlerischen Ausdrucksform so angewandt. Malerei, Prosa, zeitgenössische Kunst oder Kino galten immer schon als universell. Selbst bei der erdrückenden Masse der Hollywood-Kinofilmproduktionen kommt niemand auf die Idee, darin ein feststehendes Genre zu sehen, ihm den Stempel „Movie“ aufzudrücken und so zu tun, als sei damit ein für alle Mal das „amerikanische Kino“ in seiner Gänze definiert.
Bei den gezeichneten Bilderstories dagegen hat sich die Definition „Manga“, „Comics“ und „BD“ aus der Gegenüberstellung ihrer kommerziell tonangebenden Produktionen ergeben.
Weil sie sich dafür vielleicht auch gut eigneten: Gezeichnete Bilderstories aus Japan, Amerika und Frankreich in ihrer kommerziellen Erscheinungsform weisen insgesamt hinsichtlich der erzählerischen und zeichnerischen Gestaltung eine Reihe von Grundmerkmalen, Stereotypen und nostalgischen Referenzen auf, die leicht zu erkennen und einzuordnen sind.
Durch diese Abschottung haben sich Manga, Comics und BD schließlich so gegenläufig entwickelt, dass sogar ihre Leserschaft mittlerweile gespalten ist: In Frankreich sehen immer noch die „Otaku“ – die Manga-Liebhaber – und die Fans der BD diese beiden „Genres“ in direkter Konkurrenz zueinander.
Betrachtet man aber nicht die Produkte der „Unterhaltungs“-Industrie, sondern Autorenwerke, dann stellt man schnell fest, dass sich diese Unterschiede durchaus verlieren: Während eine Reihe von Serien mit exakt definierten Formaten und Zielgruppen nur die jeweiligen Fans von Mangas, Comics oder BD ansprechen, die mit den Codes und Marotten des jeweiligen „Genres“ vertraut und emotional verbunden sind, glaube ich, dass so innovative und akribisch gezeichnete Bände wie die der Japanerin Kiriko Nananan (Blue), des Amerikaners Craig Thompson (Blankets) oder des Franzosen Fabrice Neaud (Journal) ebenso gut von Manga-, wie von Comic- oder BD-Fans, von Kennern wie von Neulingen, von Europäern wie von Amerikanern oder Japanern gelesen und geschätzt werden können.
Tatsächlich habe ich den Eindruck, dass zwischen kommerziellen Produkten und Autorenwerken eine klarere Grenze verläuft als zwischen Manga, Comics und BD. Genau diese Gemeinsamkeit, dieses Verständnis der Universalität von Autorenwerken versucht die „Nouvelle Manga“-Initiative zum Ausdruck zu bringen.„Nouvelle Manga“ steht mittlerweile für einige Kreationen, die weltweit erschienen sind: l’Épinard de Yukiko wurde 2001 zeitgleich in Frankreich und Japan veröffentlicht und liegt inzwischen in vier weiteren Sprachen vor [in Deutschland 2003 erschienen unter dem Titel Yukikos Spinat] oder auch Mariko Parade, ein Werk, das in Kooperation mit Kan Takahama entstanden ist und in vier Sprachen übersetzt wurde. Darüber hinaus ist „Nouvelle Manga“ ein gemeinsames Label von sechs Verlagen - Casterman, Ego comme X, La Boîte à Bulles in Frankreich, Ohta Shuppan in Japan, Ponent Mon in Spanien, Fanfare in Großbritannien und in den USA -, unter dem Lesern in der ganzen Welt unabhängig von geografischer Herkunft und „Genre“-Kategorien Kreationen oder Übersetzungen in verschiedene Sprachen präsentiert werden, die zum Besten gehören, was die internationale Szene zu bieten hat, von Bänden anerkannter Meister wie Emmanuel Guibert und Jirô Taniguchi bis hin zu Werken junger Autoren wie der Französin Vanyda oder des Japaners Little Fish.
Kennen Sie weitere französische Manga-Autoren ?
Wie ich bereits zu erklären versucht habe: Den Begriff „französischer Manga-Autor“ finde ich ziemlich verschwommen.
Wenn Sie französische Autoren meinen, die in Japan leben und dort auch regelmäßig veröffentlichen, fällt mir nur Vincent Lefrançois ein, der seit vielen Jahren in Fukuoka ansässig ist.
Unter den Nachwuchsautoren, die in Frankreich leben und dort Werke veröffentlichen, die sich an die Manga-Codes anlehnen, verfolge ich mit Interesse die Arbeit der jungen Vanyda, die im Januar dieses Jahres bei La Boîte à Bulles ein sehr schönes Album herausgebracht hat, l’Immeuble d’en face, für das ich, nebenbei bemerkt, ein kleines Vorwort geschrieben habe.
Welches Manga würden Sie einem Neuling empfehlen?
Auf jeden Fall "L’Homme sans talent" von Yoshiharu Tsuge! Ich selbst habe dieses Album für Ego comme X ins Französische übersetzt. Seine Veröffentlichung im Januar dieses Jahres war für mich der Schlusspunkt unter eine mehr als 10jährige Arbeit daran. "Quartier lointain" von Jirô Taniguchi, das 2002 beziehungsweise 2003 bei Casterman erschienen ist, und Blue von Kiriko Nananan, das im September bei demselben Verlag herauskommt, wären sicherlich auch absolut gut geeignet für einen Einstieg in die Materie.Was haben Sie für 2004 und 2005 geplant?
Mein größtes Projekt für die nächsten Jahre ist, dass ich bei Casterman die Leitung einer neuen Manga-Kollektion übernommen habe, die sich an erwachsene Leser richtet und unter dem Namen „Sakka“ (japanisch für „Autor“) ab September erscheinen soll. Das ist eine Aufgabe, die sehr viel Spaß macht, aber auch seit fast 9 Monaten den größten Teil meiner Zeit in Anspruch nimmt und mich bisher gezwungen hat – und auch noch einige Zeit zwingen wird – die eigene kreative Arbeit auf Eis zu legen.
Dieses neue Projekt ist sozusagen für mich die Fortschreibung von fast 15 Jahren, in denen ich mich persönlich mit der Welt der japanischen gezeichneten Bilderstories vertraut gemacht habe. Nur am Rande: Einer der Auslöser, warum ich überhaupt nach Japan gegangen bin, war, dass mich 1987 ein japanisches Fernsehteam bei mir zu Hause besuchte. In ihrem Gepäck hatten sie auch Manga-Bände dabei, unter anderem auch ein Album von Fumiko Takano, einer Zeichnerin, die wir im Oktober in der Sakka-Reihe veröffentlichen und die mich damals sofort begeistert hat.
Zu den weiteren Autoren, mit denen wir die Kollektion starten, gehört selbstverständlich auch Kan Takahama, mit dem zusammen ich Mariko Parade gemacht habe und der immer schon gezeichnete Bilderstories als etwas Universelles angesehen hat sowie Kiriko Nananan, die zum ersten Mal – und mit einem bewegenden Werk, wie ich finde – im Westen erscheint. Was mich an der Sakka-Kollektion besonders freut, ist, dass damit endlich einmal in Frankreich auch – zumindest ein Teil - des interessanten Angebots von weiblichen Manga-Autoren bekannt gemacht wird. Natürlich haben auch die männlichen Kollegen ihren Platz in der Kollektion: Wir präsentieren Yôji Fukuyama, einen ganz speziellen Autor mit einer ganz eigenen Fantasiewelt und großen erzählerischen Qualitäten, Satoshi Kon, der eher für den breiteren Publikumsgeschmack zeichnet, dies aber mit einem raren Qualitätsanspruch sowie Kenji Tsuruta, dessen leicht zu lesende Geschichten von grafisch hervorragender Qualität sind. Komplettiert werden die ersten Ausgaben im September und Oktober schließlich noch mit tollen Werken von Iô Kuroda und Usumaru Furuya, zwei Schlüsselautoren der neuen Generation.
Frédéric Boilet, Tokyo, den 15. Juni 2004
Dank an Julien Bastide






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