Der afroamerikanische Free Jazz entwickelte sich in den sechziger Jahren parallel und im Verlaufe des Jahrzehnts zunehmend auch korrespondierend zur Bürgerrechtsbewegung, zum Kampf gegen Rassismus und dem sich radikalisierenden Bewusstsein für gesellschaftliche Veränderungen in den USA. Die Spontaneität, Expressivität und Intensität des Spiels spiegelte das emotionale Klima der Kämpfe und gab ihnen zugleich eine musikalisch manifeste Gestalt.
Welche Musiker sind in diesem Zusammenhang besonders wichtig und einflussreich?
Alle bedeutenden afroamerikanischen Free-Jazz-Musiker sind im Kontext dieser Prozesse gesellschaftlichen Auf- und Umbruchs zu sehen: Albert Ayler, Archie Shepp, Cecil Taylor, Sun Ra, Don Cherry, das Art Ensemble of Chicago… Sie alle waren Teil einer „Bewegung“, auch wenn sie sich, was die musikalischen Konzepte und die verbalen Verlautbarungen anbelangt, oft stark voneinander unterschieden. Albert Ayler setzte auf “Spiritual Unity” und die Beschwörungsformel „Music Is The Healing Force Of The Universe“. Archie Shepp äußerte sich bekennend politisch, zitierte in seinen Konzerten die Vokabel „Revolution“ und schuf mit Alben wie „Fire Music“ flammende musikalische Pamphlete. Und auch der eher spirituell orientierte John Coltrane reflektierte das politische Geschehen, beispielsweise mit dem Titel „Alabama“. Das Art Ensemble Of Chicago fundierte die Jazz-Avantgarde in der Tradition afroamerikanischer Musik, indem es die Losung „Ancient To The Future“ auf seine Fahnen schrieb. Sun Ra integrierte seine Musik in ein kosmisches Bewusstsein, das virtuell von den irdischen Niederungen abhob. Unabhängig von den Statements der einzelnen Musiker, sind es aber vor allem ihre Klangvisionen, die sich so wohl nur in dieser Zeit entwickeln konnten.Lassen sich Form und Ästhetik des Free Jazz direkt mit der Befreiung von den Ketten, vom Erbe der Sklaverei in Verbindung bringen?
Sicher lässt sich diese Musik nicht in ein so eng gefasstes Interpretationsmuster pressen. Die Jazzentwicklung entfaltete sich auch aus einer inneren Logik heraus in Bereiche eines immer freieren Spiels. Andererseits war Jazz nie „l’art pour l’art“, standen seine Ausdrucksformen immer in Kontakt zu gesellschaftlichen Prozessen bzw. Veränderungen. Mit dem Free Jazz der sechziger Jahre intensivierte sich dieses Verhältnis. Die Befreiung von den konventionellen Regelsystemen des jazzmusikalischen Musizierens, das Aufbrechen einer starren Rollenverteilung innerhalb einer Jazzgruppe, die Dynamisierung der musikalischen Prozesse und ihre Ausweitung in Bereiche des Schreis, das Insistieren auf spontanem Ausdruck wie auch die Selbstorganisation von Musikern (AACM in Chicago, BAG in St. Louis oder Jazz Composers’ Guild in New York) – all das stand in unmittelbarem Zusammenhang mit den politischen Stimmungen dieser Zeit.Wie wurde der amerikanische Free Jazz in Europa aufgenommen (und verändert), wo doch der soziokulturelle Hintergrund hier praktisch fehlte?
Free Jazz in Europa entwickelte sich einerseits in der Abkehr von den amerikanischen Vorbildern, andererseits auch unter deren Einfluss. Authentizität wurde mehr denn je zu einem Schlüsselwort. Immer stärker drang ins Bewusstsein, dass, dass die noch so getreue Kopie gar nichts bedeutet. Der von den Afroamerikanern praktizierte Free Jazz eröffnete ein völlig neues Spektrum von Möglichkeiten. Einigen europäischen Free-Jazz-Musikern ging es darum, aus der Tradition (der des Jazz und der der europäischen Musik) etwas Neues zu schaffen, andere setzten auf Tabula rasa. Obwohl der soziokulturelle Hintergrund der afroamerikanischen und der europäischen Free-Jazz-Szenen erheblich differierte, ging es auch in Europa unter anderem um das Ausreizen des Protestpotenzials einer sich gegen das Establishment auflehnenden Alternativkultur. Welche Rolle spielt der Free Jazz heute?
Free Jazz hat sich differenziert in eine unübersehbare Vielzahl von Spielarten. Die Mannigfaltigkeit der gegenwärtigen Ausdrucksformen im Jazz wurde zum Teil überhaupt erst durch den Free Jazz ermöglicht, auch wenn der „klassische“ Free Jazz heute eher eine Randerscheinung darstellt. Mit der sozialen Relevanz, die den Free Jazz auszeichnete, hat er Maßstäbe gesetzt, auch wenn sich solche Art von Bedeutung gegenwärtig sehr viel schwieriger und wohl auch nur auf andere, komplexere Weise hervorbringen lässt.
Interviewfragen: Thomas Neuhauser
Text: Bert Noglik







per E-Mail verschicken
Der afroamerikanische Free Jazz und die Great Black Music waren von Anfang an eng mit den schwarzen Bürgerrechtlern und der Black Power Bewegung verbunden, der Ruf nach Freiheit und Bürgerrechten artikulierte sich auch im Jazz vehement.
Facebook
Twitter
RSS

