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07/04/06

Das Friedenspotential der Religionen

Von Dr. Markus A. Weingardt


Folgt man den Massenmedien und auch der wissenschaftlichen Literatur, so liegt die "Faszination Glaube" vor allem in Krieg und Gewalt: Hinduistische Inder attackieren ihre muslimischen Nachbarn, nationalreligiöse jüdische Siedler schießen auf Palästinenser, fanatische Buddhisten schüren den Bürgerkrieg in Sri Lanka, radikale Moslems stürmen Botschaften und verüben Selbstmordattentate, und christliche Regierungen führen in eigenen wie fremden Ländern Kriege im Namen der Freiheit oder Gottes. Dieses Konflikt- und Gewaltpotential von Religionen existiert, es ist nicht weg- oder schönzureden, es ist ein Skandal. Aber auch wenn es anders scheinen mag: Religionen sind in den seltensten Fällen die Ursache von Konflikten. Vielmehr werden sie als Instrument, als Waffe im Kampf eingesetzt: Religionen "also nicht als Brandursache, sondern allenfalls als Brandbeschleuniger" (Andreas Hasenclever).

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Doch das ist nur die eine Seite der Wirklichkeit. Die andere Seite sind Martin Luther King, Mahatma Gandhi, der Dalai Lama. Sie verkörpern die eigentliche, positive Faszination des Glaubens: Dass Menschen aus religiöser Überzeugung Gewalt ablehnen, dass sie versöhnen, dass sie Frieden stiften – und dafür sogar zu sterben bereit sind! Jede Weltreligion nimmt für sich in Anspruch, dass sie ‚im Grunde’ eine friedliche Religion sei, dass ‚ihr Gott’ ein Gott des Friedens sei. Doch die täglichen Nachrichten sprechen eine andere Sprache. Klaffen theologischer Anspruch und politische Wirklichkeit tatsächlich so weit auseinander? Sind die wenigen bekannten religiösen Friedenstifter denn die einzigen, die ihre Überzeugung lebten und in politische Aktivität übertrugen?

Keineswegs. Bei genauer Betrachtung finden sich Dutzende von Beispielen, in denen religiöse Akteure – Einzelpersonen, Initiativen, Institutionen – ganz entscheidend zur Vermeidung von Gewalt und zur Beilegung von Konflikten beigetragen haben. Akteure aus allen Religionen, in allen Kulturkreisen, in unterschiedlichsten Konflikten, auf unterschiedlichste Weise:

- Nach jahrzehntelangen Spannungen standen Argentinien und Chile 1978 unmittelbar vor einem Krieg. Zahlreiche Vermittler aller Art waren gescheitert, bis schließlich der frisch gewählte Papst Johannes Paul II. intervenierte. Sein Sondergesandter verhinderte den Kriegsausbruch und brachte die Kontrahenten wieder an den Verhandlungstisch. Beharrlich und kompetent entwickelte er Lösungsvorschläge. Als sich 1983 dann die politischen Verhältnisse in Argentinien wandelten, war es eine Frage von wenigen Monaten, bis die beiden Staaten ein Friedens- und Freundschaftsabkommen auf der vorbereiteten Grundlage unterzeichneten. Damit war ein Jahrhundertkonflikt mit Hilfe des Papstes friedlich und endgültig beigelegt worden.

- Als 1994 in Ruanda christliche Hutus in 100 Tagen eine Million christlicher Tutsis umbrachten, waren es einzig die ruandischen Moslems, die sich – unter Berufung auf den Koran – der Gewalt verweigerten. Mehr noch: Sie versteckten Flüchtlinge und versorgten sie mit Lebensmitteln, sie gaben ihnen Zuflucht in ihren Moscheen und zeigten sich mit ihnen solidarisch, vielfach um den Preis des eigenen Lebens. Sie halfen Hutus und Tutsis, Moslems und Christen gleichermaßen. Kein einziger führender Moslem wurde wegen des Völkermordes angeklagt. Stattdessen bat der ruandische Staatspräsident die Moslems des Landes, sie „zu lehren, wie man zusammenlebt“.

- Ende der 1980er Jahre war es die Evangelische Kirche in der DDR, die auf mehrfache Weise unverzichtbar dazu beitrug, dass der Systemwandel ohne Gewalt verlief. Die Friedensgebete bereiteten eine friedliche Atmosphäre für die sich anschließenden Montagsdemonstrationen, die entscheidend zum Umbruch beitrugen. Die Kirche bot das schützende Dach, unter dem sich Oppositionelle jeder Couleur zusammenfinden und organisieren konnten. Sie nutzte ihre Beziehungen zu Kulturschaffenden ebenso wie zu Politikern, um Gewaltanwendung auf beiden Seiten zu verhindern. Und Kirchenvertreter übernahmen nach der Wende vielfach politische Verantwortung an ‚Runden Tischen’, in Parlamenten und Regierungen.

- Wenige Jahre zuvor, 1986, hatte die katholische Kirche auf den Philippinen entscheidenden Anteil, dass der Diktator Marcos ohne Gewalteskalation und Bürgerkrieg gestürzt wurde. In Basisgemeinden und Ordensgemeinschaften wurde (gegen den Willen der meisten Bischöfe) schon Jahre vorher friedliche Konfliktbearbeitung gelehrt und geübt. Widerstandsbewegungen wurden durch Kirchenvertreter von gewaltfreien Methoden anstatt des bewaffneten Kampfes überzeugt. Kirchliche Medien waren die einzige unabhängige Informationsquelle und ein unverzichtbares Instrument zur Koordination der ‚Rosenkranz-Revolution’. Als sich die Situation dann im Februar 1986 zuspitzte, war es Kardinal Sin von Manila, der den Wahlbetrug der Regierung brandmarkte, der die Menschen zu Massendemonstrationen aufrief, der im Hintergrund verhandelte und damit schließlich das Ende des Tyrannen besiegelte.

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Erstellt: 07-04-06
Letzte Änderung: 07-04-06