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Kino auf ARTE - 07/07/10

Friedliche Zeiten

Ein Film von Neele Leana Vollmar


Deutschland in den 60er Jahren: Nach der Flucht aus dem Osten sollten friedliche Zeiten für Familie Striesow beginnen, doch die junge Mutter Irene kann die vergangenen nicht loslassen. Sie sehnt sich nach der DDR zurück, misstraut der Waffenruhe und ihrem Ehemann Dieter, der nicht nur die wieder gewonnene Freiheit, sondern auch die Frauen im Westen zu genießen scheint. Mehr und mehr verwandelt sich die Wohnung der Striesows in einen Kriegsschauplatz, bis sich die Kinder selbstständig auf Friedensmission begeben ...


Kurz vor dem Mauerbau sind die Striesows aus der DDR geflohen. Ihren Besitz ließen sie zurück und haben stattdessen die Zwietracht in die Familie gebracht. Dieter zog es in den Westen, Irene zieht es zurück in den Osten; er will raus aus der Wohnung, sie will alle sicher zu Hause halten; er erzählt gern Witze, während sie gerne weint: über ihre erste große Liebe, die nach Kriegsende von den Russen erschossen wurde; über ihren Mann, der sie bestimmt auch bald alleine lassen wird und über das Leben, das es nicht gut mit ihr meint.
Am liebsten würde Irene Striesow jung sterben, damit sie nicht mehr erleben muss, wie die Russen einmarschieren oder ihr Mann sie wegen einer "Zweitfrau" verlässt. Bewusst und unbewusst übt sie sich deshalb im Unglücklichsein und Verursachen von Autounfällen.
Kein Wunder, dass es auch den drei Kindern nicht gelingt, sich im Westen einzuleben. Nina, Wasa und Flori müssen sich permanent um die neurotische Mutter kümmern, mit ihr in Nostalgie schwelgen, ihr das Bad einlassen und die Wohnungstür verriegeln. Und auch der Vater wirkt unerwachsener als seine Kinder: Statt sich um die Familie zu kümmern, geht er lieber in die Kneipe und seinen Leidenschaften für Witze, Alkohol und Frauen nach.
Ute, Wasa und Flori haben sich an den alltäglichen Streit der Eltern gewöhnt, aber an das Leid ihrer Mutter werden sie sich nie gewöhnen. So versuchen sie trotz eigener Sorgen, Irene keinen Anlass zur Sorge zu geben, behalten deren Schlaftabletten im Auge und knüpfen lieber Bekanntschaften für die Mutter statt für sich selbst. Als das alles nichts hilft und die Eheprobleme der Eltern immer bedrückender werden, bewahren die Geschwister einen kühlen Kopf und treffen einen radikalen Entschluss: "Nur noch die Scheidung kann Mama jetzt retten!" Doch wird der Plan der drei ungewöhnlich reifen, uneigennützigen Kinder aufgehen? Wird Irene endlich glücklich sein? Kann Dieter wieder unbeschwert Witze über den Osten machen und kann der dritte Weltkrieg verhindert werden?

Nach dem Überraschungserfolg "Urlaub vom Leben" legt Neele Leana Vollmar nun ihren zweiten Spielfilm vor: Mit "Friedliche Zeiten" ist der Jungregisseurin eine lakonische Tragikomödie über eine liebenswerte Familie im West-Chaos gelungen. So trifft Vollmar mit Leichtigkeit und melodramatischen Zwischentönen den Stil der Romanvorlage von Bestseller-Autorin Birgit Vanderbeke, welche die kleinen und großen Probleme der Erwachsenen aus der unverstellten Sicht der Kinder erzählt und dabei auf ansprechende Weise Humor und Emotionen verknüpft.
Trotz des artifiziell anmutenden Szenenbildes, welches den Charme der "Swinging Sixties" dennoch authentisch einfängt, lassen sich die interfamiliären Ängste und Konflikte auf die heutige Zeit übertragen. Dass sich tradierte Rollen vertauschen und Kinder sich für ihre Eltern verantwortlich fühlen, ist kein spezifisches Phänomen der 60er Jahre. So verweist "Friedliche Zeiten" auf einen wenig friedlichen, aber potenziell versöhnlichen Mikrokosmos und offenbart eine verkehrte Welt im Kleinen, in der sich eine Mutter wie ein Kind bewegt und dabei von ihren eigenen Kindern bemuttert wird. Es ist die Geschichte einer Frau, die ihren DDR-Kosmos in die Bundesrepublik verpflanzt hat, die vor lauter Angst stets rückwärts gewandt lebt und die ihre Macken kultivieren muss. Schauspielerin Katharina Schubert ("Shoppen") verkörpert diese anstrengende Mutter auf derart einfühlsame und charmante Weise, dass Irene im Laufe der Handlung von einer sympathisch-verrückten zu einer liebenswerten Figur avanciert, trotz oder gar wegen ihrer Neurosen.
"Friedliche Zeiten" ist ein Film über eine andere 68er-Generation, untypisch, da er den Rückzug ins Private wagt und sich mit den Fragen nach Schuld beschäftigt, ohne dabei die virulenten politischen Probleme und Entwicklungen einer Epoche direkt mit einzubeziehen. Umso realitätsnäher vermag er die Atmosphäre der 60er Jahre in Westdeutschland abzubilden: Eine mitreißend schnelle, unbeschwerte Geschichte über kluge Kinder, Kalten Krieg und klein-großen Kummer.

Friedliche Zeiten
Mittwoch 7. Juli 2010 um 22.00 Uhr
Keine Wiederholungen
(Deutschland, 88mn)
BR

Erstellt: 01-07-10
Letzte Änderung: 07-07-10