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KrimiWelt auf www.arte.tv - Rezensionen aus der Jury - 30/10/09

Friedrich Ani - Totsein verjährt nicht

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Ramersdorf ist so beliebig, wie ein Stadtteil am Rande der Großstadt nur sein kann. Eine Hauptstraße für den Bus, Seitenstraßen für die Einfamilienhäuser. Hier kann nichts Schlimmes geschehen.

Im April 2002 hat hier die achtjährige Scarlett Peters, fünf Minuten Fußweg von der elterlichen Wohnung entfernt, dem Busfahrer fröhlich zugewinkt. Seitdem ist sie verschwunden. So erzählt es Friedrich Ani in „Totsein verjährt nicht“, seinem dritten Buch mit Polonius Fischer, dem Münchner Kommissar, der einmal ein Mönch war. Dieser Roman enthält mehr Wirklichkeit, als man glauben, und mehr Dichtung, als man verkraften kann. Immer, wenn wieder ein Kind vernachlässigt, verhungert, erschlagen aufgefunden wird, schwappt ein rituelles Aufschluchzen durch die Medien, um in leeren Anklagen und gut gemeinten Reformprojekten zu verläppern. Bis das nächste Kind gefunden wird. Friedrich Ani bohrt mit dem Finger in einer Wunde, die kein Politiker und keine Jugendbehörde verpflastern kann. Die Wunde ist die Lieblosigkeit einer verlorenen Gesellschaft – und Ani fragt mit seinen Geschichten von Ermordeten, Erschlagenen, Vergessenen, ob wir zur Liebe noch fähig sind. Oder schon tot.

Obwohl Scarletts Leiche nicht gefunden wird, schnappt die Justiz einen Schuldigen: Ein geistig zurückgebliebener junger Mann wird als Mörder - und Sündenbock - verurteilt. Zwei Menschen trauen dem Gerichtsbeschluss nicht. Polonius Fischer und ein Junge mit Phantasie. Sechs Jahre nach Scarletts Verschwinden schreibt er an Fischer, er habe die Schulfreundin lebend am Marienplatz gesehen. Fischer kocht vor Wut und Verzweiflung. Seine Freundin, Taxifahrerin, ist verschleppt und fast erschlagen worden. Später wird sich herausstellen, das sie zufällig Objekt im Abhärtungsprogramm zweier Machos war, die sich für den Kampf aller gegen alle fit machen wollten. Im Fall Scarlett findet Fischer ein Ziel für seine Wut. Ohne Genehmigung, bedroht mit Disziplinarstrafen, wühlt er sich zurück in Familienverhältnisse, Zeugenaussagen, Tathergänge. Trifft auf ein Kind, das lieber sechs Jahre im Keller versteckt als von einer gleichgültigen Mutter versorgt sein will. Stößt auf eine Mutter, die für ihre Tochter eine Grabstelle gekauft hat, obwohl es keine Leiche gibt.

Friedrich Ani ist der Schubert der deutschen Kriminalliteratur. Auch in „Totsein verjährt nicht“ gibt es Passagen, bei denen man vor Verzweiflung über die Kälte der Menschen schreien möchte, und betörende Lieder voll Hoffnung. Die aber in Dissonanz abbrechen.

In einer doppelten Dissonanz, um genau zu sein. Denn den Fall Scarlett und den zum Himmel schreienden Justizirrtum, der keiner sein darf, hat es gegeben, und er schwärt fort. Das Mädchen, dessen Tod unaufgeklärt ist, heißt Peggy Knobloch, und der Mann, der als ihr Mörder verurteilt wurde Ulvi Kulaç. Bereits das ist ein Abgrund. Doch in den, der sich mit Anis fiktiver Lösung auftut, möchte man erst recht nicht blicken. Aber wer ein Herz im Leibe hat und den Verstand nicht verloren, muss es.

Tobias Gohlis/Die Zeit, 19.8.09

Erstellt: 26-05-09
Letzte Änderung: 30-10-09


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