Schriftgröße: + -
Home > Kultur entdecken > Buch- und Krimiwelt

Buch- und KrimiWelt

Am 17. März 2011 feiert Siegfried Lenz seinen 85. Geburtstag: ARTE gratuliert mit einem Schwerpunkt. Kommen Sie mit auf Entdeckungstour!

> Ani, Friedrich > Ani, Friedrich

Buch- und KrimiWelt

Am 17. März 2011 feiert Siegfried Lenz seinen 85. Geburtstag: ARTE gratuliert mit einem Schwerpunkt. Kommen Sie mit auf Entdeckungstour!

Buch- und KrimiWelt

Krimiautoren A-Z - 07/04/11

Friedrich Ani

Friedrich Ani, geboren 1959 in Kochel, ist einer der besten deutschen Krimi-Autoren. , will, nachdem der letzte Band der Reihe um Kommissar Tabor Süden erschienen ist, keine Krimis mehr schreiben.Mit den Romanen um Tabor Süden, Kommissar auf der Vermisstenstelle der Münchner Kriminalpolizei, hat Ani Literaturgeschichte geschrieben. Seine Romane über „Vermissungen“ sind formal einzigartig. Aber auch in den inzwischen drei Romanen um den Mordermittler und ehemaligen Mönch Polonius Fischer und in der Serie um den blinden Ex-Kommissar Jonas Vogel und seine mit ihm ermittlende Familie gibt Ani denen, die in dieser Gesellschaft am Rand stehen - den Einsamen, den Kindern, den Losern – Leben, Hoffnung und Stimme. Friedrich Ani erhielt 2002, 2003 und 2009 den Deutschen Krimipreis. 2009 wählte die Jury der Krimi-Bestenliste „Totsein verjährt nicht“ zu einem der zehn besten Krimis des Jahres. Ani schreibt außer Kriminalromanen Jugendbücher, Theaterstücke, Lyrik und Drehbücher.

Previous imageNext image

Rezensionen zu „Süden”


  • Hendrik Werner/Weser-Kurier 27.3.2011

KrimiZeit-Bestenliste April 2011


Der Krimischriftsteller Friedrich Ani ist auf Charaktere abonniert, die verschroben und unzeitgemäß anmuten. Diese Neigung ist nicht nur in seinen Romanen zu beobachten, sondern auch in einigen Folgen des Münchner „Tatort“, zu denen er das Drehbuch schrieb. Dabei spielt die Handlung oft nur eine untergeordnete Rolle. Und wer als Leser oder Zuschauer auf Action spekuliert, ist ohnedies verkehrt in den Werken des 52-Jährigen, Sohn eines Syrers und einer Schlesierin. Vielmehr erklären sich Sog- und Suggestivkraft seiner Fabeln aus detailgenauen, neorealistischen Milieuschilderungen – und aus der akribischen Ausleuchtung verwüsteter Seelen auf Seiten von Tätern, Opfern, Ermittlern.

Ani ist ein Exot im Literaturbetrieb. Als Genre-Neuerer beweist er sich auch, was die in seinen Büchern thematisierten Fälle anbelangt. Befasst er sich doch fast nur mit verschwundenen Personen und der Fahndung nach ihnen. Tabor Süden heißt sein vor gut zwölf Jahren in Serie gegangener Kommissar vom Münchner Vermisstendezernat, der seinem Erfinder den Deutschen Krimipreis und viele Fans eingetragen hat. In mehr als zwölf Fällen hat der Eigenbrötler zwischen zwei Buchdeckeln ermittelt; 2010 erhielt er für das von Dominik Graf verfilmte Drehbuch zu „Kommissar Süden und der Luftgitarrist“ den Grimme-Preis.

In „Süden“, dem neuen Werk der Reihe, hat die Figur als Privatdetektiv angeheuert – und spürt alten Wunden nach. Am Beginn ihrer Beschäftigung mit abgängigen Personen stand nämlich die Suche nach dem Vater. Wer Südens Dämonen begreifen will, lese diesen vorzüglichen Roman.

 

.................................................
 
  • Volker Albers/Hamburger Abendblatt 14.3.2011

KrimiZeit-Bestenliste April 2011


Des Suchens war er müde geworden. Er war es leid, Menschen aufzuspüren, die eigentlich gar nicht gefunden werden wollten, weil sie ihr altes Leben gegen ein neues eingetauscht hatten. Tabor Süden heißt er, dieser Mann, der seinen Dienst als Hauptkommissar auf der Vermisstenstelle der Münchner Kripo quittierte, weil auch er weg, selbst Neues erleben, nicht mehr allein suchen wollte.

Seinen Abschied nahm er im Jahr 2005 in "Tabor Süden und der Mann im langen schwarzen Mantel": Friedrich Anis 13. Kriminalroman mit diesem ungewöhnlichen Ermittler, der auf der Vermisstenstelle arbeitet und doch seinen eigenen Vater nicht finden kann. Vor mehr als 30 Jahren hat der Vater den Sohn allein zurückgelassen. Später ging der Sohn auf die Suche, nicht nur nach seinem Vater. Bis er es am Ende eben leid war.

Grimme-Preisträger Friedrich Ani, Münchner aus Passion, der das Landleben hasst, weil er dort (in Kochel am See) aufwachsen musste, hat Tabor Süden jetzt wieder zurückgeholt in die deutsche Krimilandschaft, was ihm zu danken ist. Schlicht betitelt ist der neue Roman, "Süden" heißt er.

Es ist der Anruf seines Vaters aus einer Telefonzelle, der Tabor Süden nach München zurückkommen lässt, ein Anruf jedoch, der unvermittelt abbricht, weil dem Vater offenbar das Kleingeld ausgegangen ist. Doch gleichwohl, Tabor Süden hat eine Spur und findet einen Job in einer Detektei, als "Vermisstensucher" natürlich, denn sein Ruf als erfolgreicher Ermittler hat nicht gelitten in all den Jahren seiner Abwesenheit. Dieses Mal ist es ein Gastwirt, zwei Jahre bereits ist Raimund Zacherl fort, dieser "heitere Geselle", wie ihn seine Frau beschrieb. An einem Karsamstag war es, als Zacherl allem Gewesenen Adieu sagte und in das Dunkel eintrat, das ihm Neues versprach und Licht vor allem.

Wovon Friedrich Ani, 52, erzählt, das ist eine Welt, die sich ihrer selbst ganz gewiss scheint, weil sie den Blick verloren hat für all das andere, was sie umgibt, als Bedrohung wie auch als Verlockung. Eine Welt, die in Konventionen zu ersticken droht, in der die "Zimmerlinge", wie Ani sie nennt, hausen in einer verwahrlosten Heimat, die nicht mehr ist als ein fragiles Konstrukt, das zu zerbrechen droht unter der Last verdrängter Wünsche und ungestillter Sehnsüchte.

Ani hat ein ungemeines Gespür für seine Charaktere, mögen sie noch so kaputt sein, er erleuchtet ihre Verlassenheit, ihre Einsamkeit von innen heraus, sodass auch sie Licht sind und Schatten werfen. Und er vermag wunderbar anrührend zu erzählen. Seelische Bedrängungen und soziale Milieus - seien es staubig gewordene Lebensräume oder verschwiegene Schlupfwinkel - schildert Friedrich Ani, der neben Romanen auch Drehbücher und Jugendbücher schreibt wie wohl kein zweiter deutscher Kriminalschriftsteller.

Und das Lesen der Tabor-Süden-Romane entführt in Welten, die man eigentlich nie betreten wollte. Dort aber angekommen, ist man froh, es getan zu haben. Es öffnet Augen und Sinne.

Südens Suche nach dem verschwundenen Gastwirt endet schließlich auf Sylt, dort strandet am Ende diese anschwellend spannend erzählte Geschichte. Südens Suche nach dem Vater ist da schon längst vorbei.

"Verfluche nicht dein Leben, du hast nur eins", heißt es im Roman. Was banal klingt, spricht eine tiefe Wahrheit aus. Sie erzählt von der Verantwortung dem Leben gegenüber. Dem eigenen wie auch dem der anderen.

 

....................................................


  • Thomas Wörtche/Deutschlandradio Kultur 18.3.2010

KrimiZeit-Bestenliste April 2011


Mit den Romanen um Tabor Süden, Hauptkommissar im Münchner Vermisstendezernat, hat Friedrich Ani im letzten Jahrzehnt die deutsche Kriminalliteratur um den Beweis bereichert, dass "Krimis" nicht unbedingt Mord & Aufklärung brauchen, um zu funktionieren. Und dass ohne Sozialkitsch auch die Unsichtbaren und Marginalisierten dieser Gesellschaft literaturfähig sind, dass ein Kriminalroman selbstverständlich ein Sprachkunstwerk sein und dass man mit einem solchen Konzept sogar nachhaltig Erfolg haben kann. 2005 hatte Tabor Süden seinen letzten Auftritt, hatte den Polizeidienst quittiert und wurde Kellner in Köln.

Jetzt, in „Süden“, belebt Ani ihn wieder neu und lässt ihn nach München zurückkehren. Auslöser ist ein Anruf von Südens verschwundenem Vater, den er schon in seiner Polizei-Zeit als eine Art tragischer running-gag nie finden konnte. Süden nimmt einen Job in einer Privatdetektei an und macht da weiter, wo er weiland als Polizist aufgehört hatte. Bei der Rekonstruktion von fremdem Leben, um verschwundene Personen zu finden. Es geht um einen netten, unscheinbaren Wirt, der eines Tages aufhört, mit seiner Umwelt zu kommunizieren, einfach auf einem Stuhl sitzt und nach weiteren zwei Jahren sich spurlos in Luft aufgelöst zu haben scheint. Südens Suche, beinahe die schräge Variante einer klassischen Queste, führt ihn durch die unschicken Gegenden unserer Republik, auch wenn das letzte Drittel des Romans auf der In-Insel Sylt spielt, die man allerdings selten so wie bei Ani beschrieben findet. Süden trifft auf gescheiterte, auf müde, auf ausgelaugte, versteinerte und festgefahrene Menschen, und oft hat man den Eindruck, auch er sei einer davon. Wenn man aber genauer hinschaut, haben manche dieser "Verlierer" nur andere Lebensentwürfe als die der "bürgerlichen Mehrheit". Und die bürgerliche Mehrheit wiederum ist als das gezeichnet, was sie ja nicht sein möchte: Eine zutiefst verunsicherte, fragile und deswegen auch zu Extremen fähige Gesellschaft.

Aber keine Angst, Ani liefert keinen sozialpsychologischen Diskurs, sondern erzählt poetisch, manchmal sehr komisch, und durchgehend melancholisch viele kleine, unscheinbare Geschichten. Geschichten, die alle verbunden und verschlungen sind mit dem Hauptstrang des Romans und mit der großen Suche des Tabor Süden: Die nach seinem Vater und damit, natürlich, nach sich selbst. Vergangenheit und Gegenwart sind dabei auf derselben Wichtigkeitsebene angesiedelt wie Visionen und Realitäten. Ein kleiner, von seinen Eltern im Stich gelassener Junge im Roman unterhält sich genauso selbstverständlich mit den Helden seiner Fantasie, wie Tabor Süden mit seinem toten Kollegen Martin Heuer redet, der sich vor langer Zeit in einem Müllcontainer erschossen hatte.

Am Ende ist der "Fall" des verschwundenen Wirtes so gelöst, wie ihn niemand hat voraussehen können. Kriminell und verbrecherisch in diesem außergewöhnlichen Kriminalroman aber sind ganz andere Dinge, die nicht einfach zu benennen sind. Um sie sichtbar zu machen, braucht man schon Literatur von der ästhetischen Qualität, die „Süden“ hat.


Rezension zu „Die Tat”



Äußerst kühn erschien Friedrich Ani, als er einen blinden Ermittler erfand. Aber der Münchner Schriftsteller  hat es nun schon in einer dritten „Seher“-Folge  geschafft, das Mitwirken eines durch einen Unfall Erblindeten am Rande eines Mordfalls plausibel zu machen:  Ex-Kommissar Jonas Vogel geht  halt  seinem Sohn im Morddezernat auf den Senkel, es bleibt sozusagen alles in der Familie.    

Der ältere Vogel ist also „Der Seher“ (weil er  ein so feines Gehör für Sprechnuancen hat, ursprünglich ein  Kollegenscherz), während Sohn  Max sich ins Klein-Klein des  Falls begeben muss: Bereits drei Menschen, scheinbar willkürlich gewählt, wurden mit einer gelben Kordel erwürgt. Da ist die Polizei natürlich  unter Druck. Ani aber erzählt wie immer  behutsam  und anrührend von den Menschen, die verwickelt sind und unter Verdacht stehen, die eigentlich nur ihr kleines Leben in Ruhe leben wollen – aber dann kommen ihnen ihre Gefühle in die Quere.

 


Rezension zu „Totsein verjährt nicht”



Ramersdorf ist so beliebig, wie ein Stadtteil am Rande der Großstadt nur sein kann. Eine Hauptstraße für den Bus, Seitenstraßen für die Einfamilienhäuser. Hier kann nichts Schlimmes geschehen.

Im April 2002 hat hier die achtjährige Scarlett Peters, fünf Minuten Fußweg von der elterlichen Wohnung entfernt, dem Busfahrer fröhlich zugewinkt. Seitdem ist sie verschwunden. So erzählt es Friedrich Ani in „Totsein verjährt nicht“, seinem dritten Buch mit Polonius Fischer, dem Münchner Kommissar, der einmal ein Mönch war. Dieser Roman enthält mehr Wirklichkeit, als man glauben, und mehr Dichtung, als man verkraften kann. Immer, wenn wieder ein Kind vernachlässigt, verhungert, erschlagen aufgefunden wird, schwappt ein rituelles Aufschluchzen durch die Medien, um in leeren Anklagen und gut gemeinten Reformprojekten zu verläppern. Bis das nächste Kind gefunden wird. Friedrich Ani bohrt mit dem Finger in einer Wunde, die kein Politiker und keine Jugendbehörde verpflastern kann. Die Wunde ist die Lieblosigkeit einer verlorenen Gesellschaft – und Ani fragt mit seinen Geschichten von Ermordeten, Erschlagenen, Vergessenen, ob wir zur Liebe noch fähig sind. Oder schon tot.

Obwohl Scarletts Leiche nicht gefunden wird, schnappt die Justiz einen Schuldigen: Ein geistig zurückgebliebener junger Mann wird als Mörder - und Sündenbock - verurteilt. Zwei Menschen trauen dem Gerichtsbeschluss nicht. Polonius Fischer und ein Junge mit Phantasie. Sechs Jahre nach Scarletts Verschwinden schreibt er an Fischer, er habe die Schulfreundin lebend am Marienplatz gesehen. Fischer kocht vor Wut und Verzweiflung. Seine Freundin, Taxifahrerin, ist verschleppt und fast erschlagen worden. Später wird sich herausstellen, das sie zufällig Objekt im Abhärtungsprogramm zweier Machos war, die sich für den Kampf aller gegen alle fit machen wollten. Im Fall Scarlett findet Fischer ein Ziel für seine Wut. Ohne Genehmigung, bedroht mit Disziplinarstrafen, wühlt er sich zurück in Familienverhältnisse, Zeugenaussagen, Tathergänge. Trifft auf ein Kind, das lieber sechs Jahre im Keller versteckt als von einer gleichgültigen Mutter versorgt sein will. Stößt auf eine Mutter, die für ihre Tochter eine Grabstelle gekauft hat, obwohl es keine Leiche gibt.

Friedrich Ani ist der Schubert der deutschen Kriminalliteratur. Auch in „Totsein verjährt nicht“ gibt es Passagen, bei denen man vor Verzweiflung über die Kälte der Menschen schreien möchte, und betörende Lieder voll Hoffnung. Die aber in Dissonanz abbrechen.

In einer doppelten Dissonanz, um genau zu sein. Denn den Fall Scarlett und den zum Himmel schreienden Justizirrtum, der keiner sein darf, hat es gegeben, und er schwärt fort. Das Mädchen, dessen Tod unaufgeklärt ist, heißt Peggy Knobloch, und der Mann, der als ihr Mörder verurteilt wurde Ulvi Kulaç. Bereits das ist ein Abgrund. Doch in den, der sich mit Anis fiktiver Lösung auftut, möchte man erst recht nicht blicken. Aber wer ein Herz im Leibe hat und den Verstand nicht verloren, muss es.


Rezension zu „Hinter blinden Fenstern”

  • Thomas Klingenmaier/Stuttgarter Zeitung
KrimiWelt-Bestenliste Oktober 2007

Manche Ermittler sind Schneemänner: interessant anzuschauen, halten sie nicht lange. Bei Friedrich Anis Kommissar Polonius Fischer, dem ehemaligen Benediktinermönch, der Eigenheiten aus seiner Klosterzeit in den Dienst bei der Münchner Kripo übernommen hat, besteht die Gefahr, er könnte unter der Hitze seiner moralischen Dringlichkeit in einer Welt von Pragmatismus, Zynismus und Gereiztheit von innen her wegschmelzen. In "Idylle der Hyänen", Anis erstem Roman um Fischer, sprang einen das gewagt Sperrige, das pathetisch Anpassungsunwillige dieser Figur als Überraschung an. Aber manchmal wirkte das erfrischend andere wie ein Gimmick, der nach einem Durchlauf auserzählt sein würde. "Hinter blinden Fenstern", Anis zweiter Fischer-Roman, zerstreut diese Befürchtung weniger, als dass er auf sie reagiert. Die Auftritte des rigoros dissidenten Polizisten sind zurückgenommen, die beichtstuhlartigen Selbstbeschreibungen der Figuren weichen der Außenansicht. Das heißt nicht, dass Ani nun bieder erzählte. Aus einem normalen Häuserblock wird ein Nest des banal Bösen, in dem die Beziehungen mustergültig kaputt sind und die Masken trister Gewöhnlichkeit schlimme Entstellungen verbergen. Der Erzähler Ani enthält sich der Einordnung dessen, was er an Verhalten und Denken ausbreitet. Fischer hält sich mit Schuldzuweisungen und einem zum generellen Vorwurf verhärteten Benehmen nicht zurück. Mit dieser Zangenbewegung treibt der Roman nicht die Figuren, sondern uns in die Enge: Wie, fragen wir uns, sollen wir diese furchtbar kaputten Gestalten beurteilen?

Rezension zu „Idylle der Hyänen”



  • Volker Albers/ Hamburger Abendblatt
KrimiWelt-Bestenliste September 2006


"Idylle der Hyänen" zeigt vor allem wieder eines: dass im deutschsprachigen Raum wohl kaum ein Autor an Ani heranreicht. Denn dieser Roman ist weit mehr als nur ein guter, spannender Kriminalroman. Die philosophische Frage, die sich durch die Geschichte zieht, ist die nach der Legitimation des Selbstmords. Gibt es ein moralisch verbrieftes Recht auf Selbstmord? Bringt sich ein Mensch aus Feigheit um, weil er dem Leben entfliehen will und die Schuld an allem Scheitern seinen Mitmenschen anlastet? Oder ist der Selbstmord eine Entscheidung, die auf höchster individueller Freiheit gründet?

Fragen, die sich im Laufe einer Geschichte stellen, an deren Anfang der Tod einer jungen Mutter steht, deren Leiche in einem Schrank in einer Tiefgarage von zwei Fußball spielenden Jungs gefunden wird. Vermutlich ist sie erhängt worden, wie die Ermittlungen bald ergeben. Von der Tochter der Toten jedoch fehlt jede Spur. Und die Bewohner des Mietshauses haben - wie immer - von alledem nichts bemerkt.

Hauptkommissar Polonius Fischer ist Anis neuer Held. Ein seltsamer Mensch, ganz anders als Tabor Süden, der große Schweiger. Fischer ist ein einstiger Mönch, der am Glauben gescheitert ist und sich wieder dem weltlichen Leben zugewandt hat. Er ist keiner, der die Dinge aushält, wie Tabor Süden das tat, und im Beisein von Kindern regrediert er manchmal auf eine Stufe der Hilflosigkeit. Er führt Gespräche, wie er sagt, und keine Verhöre. Er antwortet den Menschen auf ihre Fragen.

Ani belässt es nicht bei einer Heldenfigur, das Team um Fischer umfasst zwölf Personen - die "zwölf Apostel", wie sie scherzhaft im Kommissariat genannt werden. Apostel - die Boten der Wahrhaftigkeit? Polonius Fischer hat es nicht so sehr mit Dogmen. "Man soll sein Leben nicht allzu persönlich nehmen", lautet sein Leitsatz. Das Leben im Allgemeinen geht auch ohne den Einzelnen weiter. Mit Gleichgültigkeit den Menschen gegenüber hat das jedoch nichts zu tun.

Die Ermittlungen führen den Kommissar in emotionale wie philosophische Grenzbereiche. Zwar müssen drei Menschen sterben im Fortgang der Handlung - und nur im Fall der letzten Toten ist die Frage eindeutig zu beantworten, ob es Mord war oder Selbstmord. Diese an Moral und Recht rührenden Überlegungen werden von Friedrich Ani in einer bislang im deutschen Kriminalroman nicht gekannten Radikalität diskutiert. Allein das hebt "Idylle der Hyänen", neben der intensiv erzählten Geschichte, aus den Veröffentlichungen dieses Herbstes heraus.

Friedrich Ani verzahnt die Geschichte um den Tod der Mutter mit dem brutalen Sterben einer ehemaligen Nonne, die von Todessehnsucht besessen zu sein scheint. Dieses mag der einzige Schwachpunkt des Romans sein, denn die Verknüpfung der beiden Handlungsstränge hängt dramaturgisch lediglich an zwei seidenen Fäden, wenngleich sie inhaltlich einander ergänzen und zwei Facetten des einen großen Themas dieses Romans sind. Weitere Kriminalromane mit Polonius Fischer werden hoffentlich folgen. Mit Gottes Hilfe oder ohne.


Rezension zu "Süden und der Mann im langen schwarzen Mantel":


KrimiWELT-Bestenliste Juli 2005

Andreas Ammer, aufgeteilt in Sprecher 1 (M1) und Sprecher 2 (M2) und Autor (AA) im Deutschlandfunk Köln

M2: Nachdem zuletzt der Abgang von Kinky Friedmans Helden Kinky Friedman zu beklagen war, hat es diesmal einen anderen Südstaatler getroffen: Tabor Süden, den verzweifelten Kommissar vom Münchner Vermisstendezernat, erfunden von Friedrich Ani.

M1: Vor drei Jahren hat uns Friedrich Ani in seinem Großmut zusammen mit dem Knaur-Verlag die billigen Bände um Tabor Süden geschenkt . Von Anfang an war Ani klar, das diese Reihe auf 10 Bände angelegt sein sollte. Daß er die zehn Bände in nur 3 Jahren vorlegen sollte, hätte damals keiner gedacht. Um so bedauerlicher, dass es so schnell ging und nun schon soweit ist.

AA: Kinky Friedman hört mit den Krimis auf, weil er Gouverneur von Texas werden will.

M2: Nur Friedrich Ani will wohl leider nicht bayrischer Ministerpräsident werden. Das ist der Unterschied.

M1: Uns bleibt nur, Tabor Süden das hinterher zu rufen, was Ratso, Kinkys Friedmans Kumpan , am Ende von „Ten Little New Yorkers“, dem letzten Kinky Band soeben über Kinky sagte. „He was a great friend! He was a great detective!“

M2: Kinky und Tabor, wir werden Euch vermissen und immer wieder lesen!




Die wichtigsten Links:


Erstellt: 18-10-05
Letzte Änderung: 07-04-11


+ aus Kultur entdecken