Wenn er einmal tot sei, hat der Pianist Friedrich Gulda gerne erzählt, werde er im Himmel auf einer rosa Wolke sitzen und mit Mozart vierhändig Klavier spielen. Seit dem 27. Januar 2000 lebt Friedrich Gulda nicht mehr. Der Pianist und Jazzmusiker starb am gleichen Tag als Mozart geboren wurde. Und wir würden heute viel dafür geben, wenn wir lauschen dürften, wie die beiden Österreicher, Gulda und Mozart, dort oben miteinander musizieren.
Mozart war Guldas Lieblingskomponist. Er war für ihn die allgegenwärtige Leitfigur, er nannte ihn „meinen Weltmeister“. Sein ganzes Leben lang hat Gulda sich an Mozarts Musik abgearbeitet und immer wieder die gleichen Klavierkonzerte und Sonaten gespielt, die A-Dur-Sonate KV 331 zum Beispiel mit dem berühmten Alla-turca-Rondo oder die c-moll-Fantasie KV 475. Er wolle wenigtens ein paar Stücke so spielen, dass „der Meister und ich zufrieden damit sind“, hat er immer wieder erklärt. Jeder wusste (er selbst zuallererst), dass er diesem Ziel sehr nahe gekommen war. Guldas Mozartspiel war unvergleich gut. Er besaß eine so überlegene, motorisch brillante Klaviertechnik, dass er die Stücke einfach locker und selbstverständlich „laufen lassen“ konnte. Gleichzeitig war er so empfindsam, dass die Musik unter seinen Händen unendlich geistreich und beseelt erklang. An Mozart scheitern viele Pianisten: Wer die Stücke einfach nur makellos perlen lässt und zu wenig Ausdruck wagt, kommt über Langeweile nicht hinaus. Wer zu viel will, landet schnell bei falschem Pathos und Kitsch. Solche Probleme schien Gulda nicht zu kennen. Wenn er am Flügel Platz nahm, ging alles wie von selbst. Die flotten Tempi ruhten in sich, seine Artikulation war blitzsauber, die Melodieführung erklang wunderbar kantabel. Vor allem aber: Guldas Mozart swingte. Der freie Geist des Jazzmusikers fand, sehr geschmackvoll, in den Sonaten und Konzerten seinen Niederschlag.
Eben auch als Improvisator und Experimentator war Mozart Vorbild und Herausforderung für Gulda. Er erfand spontan Kadenzen, suchte auf seinem elektrischen Clavinova-Keyboard nach einem neuen Mozart-Sound, unterlegte das „Alla turca“ mit synthetischem Perkussions-Tschingbumm oder bettete die Klavierstücke in eine Hiphop-Performance mit tanzenden Go-Go-Girls ein. Die Puristen waren über solche Kapriolen entsetzt. Aber Gulda liess keinen Zweifel daran, dass es ihm auch mit seinen Verrücktheiten ernst war Er berief sich auf „den Meister“ selbst, mit dem er die Lust am prallen Leben gemeinsam hatte.
Allerdings war dies nur eine Seite von Guldas Mozart-Besessenheit. Die andere bestand aus Selbstzweifel, Skrupeln, Frust an musikalischm Ungenügen. Zeit seines Lebens grübelte Gulda über Mozart und verfeinerte sein Spiel in nächtelangen Übesitzungen im Keller unter seiner Wohnung am Attersee. Wenn ihm dann tatsächlich gelang, was ihm vorschwebte, war er überglücklich: „Dann“, sagte er, „red’st mit dem lieben Gott persönlich“. Wie hoch Guldas Perfektionsansprüche waren, kann man daran erkennen, dass es von einem der besten Mozartinterpreten überhaupt kaum Mozartaufnahmen gibt. Die meisten Produktionen und Mitschnitte verwarf er oder gab sie nicht frei. Eine Mozart-Gesamteinspielung der Sonaten oder Klavierkonzerte existiert nicht.
So muss man sich mit einer Aufnahme der D-Dur- Sonate (KV 576), der B-Dur-Sonate (KV 570) und der c-moll-Fantasie (KV 475) begnügen, die Gulda 1990 für die Deutsche Grammophon produziert hat. Auf dieser CD kann man einen gültigen Eindruck davon gewinnen, wie unvergleichlich Gulda Mozart spielte. Wie er das Allegro der B-Dur Sonate gleichsam aus dem Handgelenk schüttelt und doch nuanciert ausphrasiert, wie er die langsamen Sätze am Klavier zu „singen“ versteht oder mit welcher inneren Beteiligung er sich in die desolaten Stimmungslagen der c-moll-Fantasie versenkt. Das können nur wenige.
Wolfgang Amadeus Mozart: Sonate B-Dur KV 570; Sonate D-Dur KV 576, Fantasie c-moll KV 475
Friedrich Gulda (Klavier)
DG 431 084-2







per E-Mail verschicken
Facebook
Twitter
RSS

