Schriftgröße: + -
Home > Buchmesse Frankfurt 2007 > Buch im Gespräch > Fritz Stern

08/10/07

Fritz Stern: Fünf Deutschland und ein Leben

Die Autobiographie des Historikers und Friedenspreisträgers Fritz Stern ist eine faszinierende, durchs Private spannend gebrochene Geschichte Deutschlands im Zwanzigsten Jahrhundert. Der Autor verwebt historische Erzählung, scharfsinnige Analysen und dramatische Episoden seiner Lebensgeschichte zu einem Porträt jener fünf Deutschland, die er selbst miterlebt hat: Weimar, Drittes Reich, Westdeutschland, DDR und das wiedervereinigte Land.

Deutschland 1981. Der Stifterverband der Deutschen Wissenschaft stellt in einer Expertenkonferenz die Klage in den Raum, Deutschland habe seine einstige Exzellenz in den Wissenschaften eingebüßt. Warum nur? „In stummer Verwunderung“ schauen sich der Nobelpreisträger der Chemie Konrad Bloch, Harvard, und der als bedeutendster US-amerikanischer Historiker der deutschen Geschichte angesehene Fritz Stern, Columbia University, New York, an, die einzigen Amerikaner in dieser „exzellenten“ Runde: Lag es nicht auf der Hand? Warum fassten die Deutschen in ihrer wehmütigen Erinnerung „der einstigen Größe“ nicht „den einen ganz offenkundigen Grund für den Niedergang ihres Landes“ in den Blick? Dass man eben nicht „ungestraft und folgenlos einige seiner besten Talente vertreiben“ kann! Auf Seite 511 der fast 700 Seiten starken Autobiographie „Fünf Deutschland und ein Leben“ von Fritz Stern, die man auch als eine faszinierende, durchs Private spannend gebrochene Geschichte Deutschlands im Zwanzigsten Jahrhundert lesen kann, steht diese bezeichnende Anekdote. Stolz schwingt in ihr mit.

Eine schlesische Mediziner-Dynastie

Stolz auf die hervorragenden Vorfahren, die bereits in der Kaiserzeit zur Elite der Medizin und der Naturwissenschaften gehörten. Sein Pate war der Nobelpreisträger der Chemie des Jahres l920, Fritz Haber - daher der Vorname Fritz. Und Haber war nicht der einzige Nobelpreisträger im Verwandten- und Bekanntenkreis der Eltern. Auch Einstein gehörte dazu. Er sollte l943 dem 13-jährigen Fritz Stern in den USA raten, doch auch Medizin zu studieren wie sein Vater, der sich in den USA inzwischen wieder einen Namen als Arzt gemacht hatte. Die Enttäuschung war groß, als sich Fritz dann entschloss, die Tradition der aus Breslau stammenden schlesisch-jüdischen Medizinerdynastie zu durchbrechen und Historiker zu werden. Seine Sozialisation war durch die Geschichte anders verlaufen. Ende der Weimarer Republik drohte er, erinnert er, ein allzu verwöhntes Kind begüterter Eltern zu werden. Diese verkehrten mit der gesellschaftlichen Elite, waren protestantisch getauft und wohnten zum Beispiel in Möbeln, die der berühmte Architekt Hans Poelzig als dankbarer Patient eigens für ihr Wohnzimmer entwarf (Noch heute das Mobiliar von Fritz Stern in New York). Eine Eltern- und Großelterngeneration, die über eine große Bibliothek, reiche Bildung und Kennerschaft auch in Kunst und Literatur verfügte, die zur Sommerfrische in berühmte Nord- und Ostseebäder oder nach Sils Maria im Engadin fuhr oder nach London oder Paris, Städte, die dem jungen Fritz vertrauter waren als Berlin. Dort hatte man Kontakte, die am Ende unendlich wichtig wurden, um dem Tod im Nazi-Deutschland zu entrinnen. Eine Familie, die viel Schriftliches hinterließ, Briefe über Briefe und Tagebücher – Dokumente, die den Eltern im September 1938 wichtig genug waren, sie mit ins Exil zu schleppen. Aus ihnen wie aus dem Schatz der eigenen Aufzeichnungen, bereits als Junge, konnte jetzt der über achtzigjährige Autor reichlich schöpfen.

Sozialisiation als jüdisches Außenseiterkind

Mit sieben Jahren änderte sich jedoch sein Leben, wurde aus seiner beschaulichen eine „verbogene“ Kindheit, wie er heute schreibt. „Schlimmes ahnend“ brachte er dem Vater noch vor der Sprechstunde von der Straße das Extrablatt, das Hitlers Machtergreifung verkündete, mit. Jetzt begannen seine „Angstwege“ als einziger jüdischer Schüler in der Klasse, vielleicht sogar im gesamten Breslauer Maria-Magdalena-Gymnasium. Unglücklich in seinem Außenseitertum, psychisch malträtiert von Mitschülern wie von Lehrern, ersehnte er die Emigration aus diesem „seelenlosen“ Land, das so etwas möglich machte wie Ortsschilder, unter denen stand: „Trau nicht dem Fuchs auf grüner Heid, und nicht dem Jud' bei seinem Eid“. Zwar betrieben die Eltern ihre Auswanderungspläne gleich l933, aber es dauerte fast fünf Jahre, bis sie knapp vor der „Kristallnacht“, buchstäblich in letzter Minute, über Rotterdam in die Staaten flohen. Die Ankunft in New York stürzte den 12-jährigen in einen Taumel der Freiheit. Da die Eltern, der Vater als Arzt, die Mutter, eine diplomierte Physikerin, als Montessori-Pädagogin, für die Existenz der Familie sorgen mussten, führte er den Haushalt, kaufte ein und kochte. Nicht ohne Schuldgefühle, als etwa der Vater – aus sicher anderen Gründen – an Gastritis zu leiden begann. Er führte auch den verantwortlichen Briefwechsel zu den verbliebenen Verwandten in Deutschland, bis zu deren endgültigem Verstummen.

Hass auf Deutschland

Briefwechsel auch mit bedeutenden Personen in den USA, die er in seinem leidenschaftlichen Hass gegen Deutschland anspornen wollte, den Kriegseintritt der USA zu erzwingen. Erst in den frühen fünfziger Jahren sei sein Hass erloschen, schreibt Stern, was vor allem mit den hervorragenden Persönlichkeiten der neuen Bundesrepublik, einem unglaublichen Glücksfall in seinen Augen, zusammenhing: mit Theodor Heuss, Kurt Schumacher, Konrad Adenauer, Ernst Reuter oder später Willy Brandt. Integren, tatkräftigen, hochintelligenten Männern von Anstand schreibt er. l950 kam er erstmals und noch beklommen zurück zu Recherchen für seine Dissertation. l954 übernahm er bereits eine Gastprofessur an der FU in Berlin. Später weilte er oft, manchmal für mehrere Monate im Jahre in Deutschland - als Berater, Dozent, Vortragender und Konferenzteilnehmer. Ein Dauerbesucher vor allem seit der Wiedervereinigung, die er – so seine berühmte Formulierung - als „die zweite Chance für Deutschland“ sah und sieht.

Ein Buch mit vielen spannenden Gedanken

Viele seiner Ausführungen verdienen besonderes Interesse. So über die in seinen Augen falsche Beurteilung Preußens, dessen Ethos des Maßhaltens und der Pflichterfüllung als Tugenden danach verloren gegangen seien. Es sei Ironie der Geschichte und nicht genug in den Köpfen verankert, dass ausgerechnet Preußen sich in der Weimarer Republik „als Bastion der Demokratie“ entpuppte. Zwiespältig ist seine Haltung in der inzwischen legendären Walserdebatte. Ein Jahr nach Walser bekam Stern den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. Walser Rede sei „zunächst positiv aufgenommen“ worden, „aber binnen weniger Tage“ – und das sei eine Merkwürdigkeit - „hagelte es in der deutschen Presse an Kritik und Gegenkritik“. Die Kontroverse sei rasch eskaliert, habe an Raum, aber dafür an Substanz verloren - „wie es bei öffentlichen Debatten in Deutschland so oft der Fall ist“. Auch zu den 68gern stand Stern in großer Distanz. Er habe vor allem Autoritäres hinter den antiautoritären Forderungen gewittert. Also etwas sehr Deutsches.

Das hohe Lied der Freundschaft und Familie

Sehr befreundet war er mit Marion Gräfin Dönhoff, auch wenn er politisch nicht immer mit ihr übereinstimmte, zum Beispiel nicht im Fall von Solidarnosc. Seine Fähigkeit und Lust zur Freundschaft, die ihm neben dem Familiensinn über allem steht, tritt als das Spezifische des Autobiographen hervor. Befreundet ist er seit Jahrzehnten unter anderem auch mit Ralf Dahrendorf. Auf dem Cover von „Fünf Deutschland und ein Leben“ ist ein Foto des alten Fritz Stern. Er scheint dem Leser zuzublinzeln, freundlich, sehr gescheit und listig, ein Ironiker, der sich angesichts der Schwere der Geschichte der fünf Deutschland - Weimar, Drittes Reich, Westdeutschland, DDR und das wiedervereinigte Land - den Kopf halten muss.

Auch wenn der Verfasser im letzten, im Alterskapitel, ein wenig zu sehr ins persönliche Plaudern gerät, ist es ein berührendes, lehrreiches, spannend zu lesendes, kurzum: wunderbares Buch.

Eine Rezension von Ariane Thomalla

Erstellt: 08-10-07
Letzte Änderung: 08-10-07