Sie werden immer wieder als Grenzgänger zwischen der deutschen und der französischen Kultur bezeichnet. Welche Bedeutung hat denn für Sie zu Anfang des 21. Jahrhunderts die «deutsch-französische Annäherung» ?
"Ein weites Feld" würde ein anderer antworten. Das Hauptproblem ist die mangelnde Sprachkenntnis: Solange die einen nicht die Sprache der anderen können, wird die „Annäherung“ immer weiter klemmen. Früher gab es die so positiven „jumelages“ zwischen den französischen und deutschen Städten, doch ist man aus dem nationalen Denken noch nicht heraus. Der „Garten der Missverständnisse“ ist noch immer nicht ganz ausgejätet. Vielleicht hat man die alten Denkschablonen noch nicht völlig überwunden: Die Deutschen brauchen weiterhin ein Land, wo Gott schön saufen und fressen kann, und die Franzosen ein Wagner-Deutschland mit Stahlhelm. Irgendwie bleiben diese albernen Klischees noch hängen.
Vor kurzem sagten Sie in einem Interview: “Als Staatsbürger und Intellektueller bin ich total französisch, doch meine Seele bleibt deutsch“. Erlaubt das Schreiben diese eigenartige Koexistenz?
Auch wieder eine weit ausholende Frage, für die man ein ganzes Buch brauchen würde. Damit meine ich, dass mein « Je » - mein Ich, so wie es auf den Empfindungen und Wahrnehmungen der Kindheit aufgebaut ist - durchaus "Eichendorffisch" deutsch ist, aber mein « moi » - mein Ich, so wie es alltäglich in mir sitzt, total französisch ist - also auf Widerspenstigkeit, auf freiem Denken, auf Kritik der hergebrachten Autoritäten fundiert: Ich bin von Descartes, La Boétie "Traktat über die willentliche Unterwerfung", von Voltaires "Candide", der sich über jegliche Form des unreflektierten Gehorsams, der Untertänigkeit und der Gläubigkeit lustig macht, geprägt. Ich habe von der wunderbaren Freiheit des Denkens gelebt in einem Land, wo man (bisher) nicht anzugeben braucht, ob man an irgendein Hirngespinst „glaubt“ oder nicht, wo politische Verantwortung und Wachsamkeit ein Teil der Luft ist, die man atmet, wo aber auch zusehends und ganz methodisch das „Volk“ tüchtig verdummt wird.
Auf beiden Seiten des Rheins hat die Veröffentlichung von Günter Grass’ jüngstem Buch "Beim Häuten der Zwiebel" gezeigt, dass, um eine andere Nobelpreisträgerin, die Österreicherin Elfriede Jelinek zu zitieren, «die Geschichte selbst tot und begraben immer noch eine Hand aus dem Grab streckt ». Wie werten Sie dieses späte Eingeständnis eines Schriftstellers?
"Vaste programme" würde De Gaulle dazu sagen. Elfriede Jelinek kenne ich kaum; das Problem Grass ist auch zu weitläufig und bereits überholt. Was mich bei Grass stört, ist nicht, dass er als ungebildeter kleinbürgerlicher Knabe zur Waffen-SS kam, sondern dass er es verschwiegen hat.
Sie haben sehr unterschiedliche Autoren ins Französische übersetzt. Ich denke da nur an Nietzsches "Zarathustra", an Adalbert Stifters "Hagestolz", an Kafkas "Prozess" und "Schloss", an "Wunschloses Unglück" oder "Die Lehre der Sainte-Victoire" von Peter Handke. Was bedeutet Ihnen diese "Aufgabe des Übersetzens", um Walter Benjamin zu zitieren? Und was haben Sie gelernt aus diesen langen Jahren des Forschens über Ihre eigene Muttersprache?
Das Übersetzen verlangt vom Übersetzer, dass er seine kleine uninteressante Meinung aufgibt. Er ist ein Handwerker, der an seiner Arbeit Gefallen findet. Zum Glück habe ich übersetzt, ohne davon abzuhängen. Ich bin kein Berufsübersetzer, der damit seine Brötchen verdient und immer skandalös schlecht bezahlt wird, wo doch der ganze Sinn des Übersetzens von ihm alleine abhängt. Ich konnte aus Freude an der Sache übersetzen und habe dabei Schreiben gelernt, das heißt Genauigkeit und Bescheidenheit, um dann mit Stolz hören oder gar lesen zu können, der Text sei in der Zielsprache fast genau so wie er in der Ausgangsprache ist, so dass man ihn rückübersetzen könnte. Ich habe auch Pierre Herbart, den Freund von Gide ins Deutsche übersetzt, den wunderbaren "Alcyon" 1986 bei Ammann und das bisher noch unveröffentlichte "Goldene Zeitalter".
Dieses Jahr wird in ziemlicher Gleichgültigkeit der 150. Todestag von Josef von Eichendorff begangen. Welche Bedeutung hat dieser Dichter in Ihren Augen?
Ja, Eichendorff ist jenes menschlich-poetische Deutschland, offen und erotisiert, das sich kurz - einige zwanzig Jahre - mit der ganzen androgynen Ambiguität der Gefühle manifestieren konnte, bevor dann allzu schnell die dunkle Repression der Sexualität an der Tagesordnung war und aus der dann die Weltkriegsapokalypse entstanden ist.
Von Ihnen ist gerade "Die Befreiung" erschienen. Diese Lehrjahre des jungen Arthur Kellerlicht haben Sie gleich auf Deutsch geschrieben. Warum?
Auf diese Frage kann ich kaum antworten. Ich habe sie mir auch selber nie gestellt. Es kam wie von selbst. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass die Fantasie in jeder Sprache anders funktioniert, nach anderen “Leitlinien”. Jedenfalls kann ein “Autor” nie das rechtfertigen, was er schreibt. Denn wenn er es könnte, würde er nicht schreiben, sondern nur rechtfertigen oder erklären. Der “Autor” ist ja gerade der, und deshalb ist er es auch, der als letzter dazu geeignet ist, sein Werk zu deuten.
In einigen Monaten erscheint die deutsche Übersetzung Ihres Essays "Die Faust im Mund", ein packender Parcours durch die Literatur, wo wir unter anderem auf Kafka und Eichendorff treffen. Würden Sie sagen, ein Buch kann vor dem Unglück bewahren?
Ich weiß nicht, ob Schreiben mit Unglück zu tun hat oder mit Heilen. Auf jeden Fall ist es nicht wie beim Apotheker, es geht nicht um irgendwelche Rezepte, die einem "helfen" sollen. Ich schreibe einfach, wie es nach langem, fast unbewusstem Gären aus mir herausgestoßen wird. In diesem Buch geht es aber tatsächlich um Literatur, wie man aus ihr der wird, der man ist. Ich wollte nur zeigen, was ich ihr an Freiheit, an Selbständigkeit und an Lebensabenteuern verdanke. Ich bin, jedenfalls stelle ich es mir so vor, nie so unglücklich gewesen, als dass ich Literatur gebraucht hätte, um mich zu "retten". Die Literatur kommt von woanders her, sie ist höchstens eine Selbstbestätigung. Wie auch bereits gesagt wurde : "Du suchest mich nicht, hättest du mich nicht schon gefunden".
Das Interview führte Christine Lecerf im November 2007
Am Donnerstag, dem 13. Dezember, bespricht Tobias Gohlis den Krimi des Monats: Stalins Geist von Martin Cruz










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