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Offizieller Wettbewerb - 07/09/05

Gabrielle

Ein Film von Patrice Chéreau


Gewalt und Leidenschaft in der Beziehung
eines Paares am Anfang des 20. Jahrhunderts

Gesprächige
Liebestragödie

(Frankreich, 2005, 90 Min.)
Mit Isabelle Huppert, Pascal Greggory, Claudia Coli, Thierry Hancisse, Chantal Neuwirth, Thierry Fortineau, Louise Vincent…
Drehbuch : Patrice Chéreau und Anne Louise Trividic, nach der Novelle "Die Rückkehr" von Joseph Conrad



Synopsis: Paris, 1910. Eine Frau (Isabelle Huppert) und ein Mann (Pascal Greggory) sind seit 10 Jahren verheiratet. Ihr Haus ist stets offen für Gäste, gern feiern sie üppige Abendessen. Eines Tages geht Sie und hinterlässt einen Abschiedsbrief. Einige Stunden später kehrt Sie zurück von ihrem Liebhaber zu ihrem Ehemann - doch nichts ist mehr wie es war.

Der Trailer zum Film
Im Gespräch mit Isabelle Huppert
Interview: Olivier Bombarda
(Real Video)

Im Gespräch mit Patrice Chéreau
Im Gespräch mit Pascale Greggory
Interview:Olivier Bombarda
(Real Video)


Kritik: Gabrielle ist ein Film des Wortes, hier wird unglaublich viel geredet. Das mag vielleicht erst einmal abschreckend wirken, denn wenn man nicht sehr gut französisch spricht, schafft man es kaum, die englischen Untertitel mitzulesen, geschweige denn, dass man sich auf die Bilder konzentrieren könnte. Doch das was gesagt wird, hat Substanz, manchmal vielleicht gar zu viel. Der Dialog ist wie ein Konzentrat, in dem sämtliche Gedanken über Ehe und Liebe abgehandelt werden. Einer der Ergreifendsten Sätze stammt von Ihr, gesprochen wird er gnadenlos eiskalt von Isabelle Huppert: „Wenn ich gewusst hätte, dass du mich liebst wäre ich nie zurückgekommen.“ Das klingt erst einmal paradox, ist aber in sich ganz logisch.

Sie und Er führen eine Ehe, in der es nie um Liebe ging. Daran glaubten sie beide, und darüber waren sie sich einig. Doch jetzt – zum ersten Mal nach 10 Jahren – kommen Gefühle in ihre Ehe – das ist schwierig und störend. Damit wissen sie beide nicht umzugehen. Das was der Film zeigt, ist eine Versuchsanordnung. Das macht die Spannung bei Gabrielle aus, dass er nach einer kurzen Einführung dort einsetzt wo die Routine der beiden perfekten Gastgeber aufhört. Eben noch meinten sie an die 50 Freunde zu haben, jetzt merken sie, dass sie nicht einmal einander kennen, obwohl sie sich das Haus schon so lange teilen. Nicht zu vergess en dabei ist, dass die Geschichte in Paris der schicken Leute, Anfang des letzten Jahrhunderts spielt. Etikette hat einen hohen Stellenwert.

Isabelle Huppert ist eine großartige Besetzung für die Rolle der Ehefrau. Sie wirkt kalt und undurchdringlich, stets sehr konzentriert. Sie sagt über ihre Rolle: „Gabrielle zwingt ihren Mann, Zeuge der neuen Welt zu werden, die sie gerade entdeckt. Ihr Verlangen, die Verbindung zu ihrem Mann aufrecht zu erhalten, macht ihren Mann zu einem unfreiwilligen Voyeur ihrer neuen Welt. Das ist extrem grausam.“ Doch die neue Welt, in der es Liebe gibt, ist so ungewohnt für sie, dass sie es vorzieht, ihn auf diese Entdeckungsreise mitzunehmen – ob er will oder nicht.

Gabrielle basiert auf einer Kurzgeschichte von Joseph Conrad, die allerdings nur die Perspektive des Ehemanns wiedergibt. Die Rolle der Ehefrau ließ Patrice Chéreau speziell für Isabelle Huppert von seiner Autorin Anne-Louise Trividic schreiben.

Stilistisch will sich der Film deutlich von einem Theaterstück absetzen, obwohl Patrice Chéreau – der auch diverse Theaterstücke und Opern inszeniert hat – zugibt, dass er bei seiner Regiearbeit mit dem Theater flirtet. Er mischt Schwarz/Weiß-Sequenzen mit Farbaufnahmen und nimmt sich die Freiheit heraus, wichtige einzelne Sätze in Stummfilmart als Zwischentitel einzublenden. Das Ergebnis ist ein Film, der Aufmerksamkeit vom Zuschauer einfordert. Aber er weiß auch zu belohnen, indem er dem großen Thema der Liebe eine neue Facette hinzuzufügen weiß.

Nana A.T. Rebhan



Synopsis : 1912 in Paris. Gabrielle und Jean Hervey gehören dem wohlhabenden Bürgertum an und leben in einem schönen aristokratischen Haus, wo sie jeden Donnerstag einen Kreis intimer Freunde zu sich einladen. Eines Tages entdeckt Jean einen Brief auf seinem Schreibtisch: Gabrielle kündigt ihm an, sie habe vor, ihn für einen anderen Mann zu verlassen. Einige Stunden später tritt sie von ihrer Entscheidung zurück und trifft auf den wutentbrannten Jean.


Der Trailer zum Film (Real Video)
Im Gespräch mit Isabelle Huppert (Real Video)
Interview: Olivier Bombarda


Kritik : Nach Intimité (2001) und Sein Bruder (2003) haben Patrice Chéreau und Anne Louise Trividic erneut zusammen gearbeitet, um die Novelle von Joseph Conrad Die Rückkehr zu inszenieren. Unter der äusserts grausamen Feder vom Erzähler Jean wird die brutale Auflösung eines in der damaligen engstirnigen Gesellschaft eingebetteten Paares dargestellt. Während die Vorlage von Conrad der Gestalt von Jean eine lebhafte Präsenz verlieh -ganz im Gegensatz zur eher abstrakten Erscheinung von Gabrielle-, beschlossen Patrice Chéreau und Anne Louise Trividic das Gleichgewicht wiederherzustellen: Chéreau ging es darum, erneut die Geschichte eines Paares zu verfilmen, als sei es die Fortfühung seines vorigen Filmes, allerdings in einem anderen Kontext.

Dem Zuschauer fallen sofort einige Aspekte des Filmes auf. So z.B. die Bildästhetik. Chéreau benutzt die immer wierderkehrende Schwarz-Weisse-Textur als Gegenpart zu den dunkelgrünen und alt vorkommenden gelblichen Farben. Die Dekors und die Accesoires sind besonders raffiniert. Dabei spielt die Musik eine entscheidende Rolle; Chéreau eignet sich mit viel Feingefühl die reichhaltige und mysteriöse Partitur von Fabio Vacchi an, um die tiefreichenden Gefühle von Jean und Gabrielle zu veranschaulichen. Letztendlich steht aber die Sprache im Vordergrund. Sie kommt auf eine für Chéreau spezifische Weise zum Ausdruck: Wörter werden aufeinadergestapelt und miteinender verwoben, wobei auch Unterbrechungen und Schweigemomente zur Geltung kommen. Unbefangener denn je wendet Chéreau für die Dialogue theatralische Töne an, was in Anbetracht der dargestellten historischen Periode vollkommen gerechtfertigt ist: so entspricht das Theatralische einer längst vergangenen Vorstellung des vorgelegten gesellschaftlichen Benehmens und dem dazu passenden formelhaften Sprachstil. Dieser Film, der sich die Hälfte der Zeit den einsamen abgeschottenen Gesprächen zwischen Isabelle Huppert und Pascal Greggory widmet, übernimmt umso selbstverständlicher die Motive des Theaters als Chéreau gerade auf das 'Schauspiel' hinweist, das die beiden zentralen Gestalten so innig vorführen, indem sie unablässig von der Lüge zur Wahrheit übergehen, als sei dieses grausame 'Spiel' ein Kampf um Leben und Tod.

Nachdem Gabrielle beschlossen hatte, Jean zu verlassen, verursacht ihre Rückkehr einen verhängnisvollen Zusammenbruch. Dementsprechend leistet Chéreau -ein bekanntlicher Bewunderer Ingmar Bergmanns- einen unerwarteten Beitrag zu dem bis heute als vollständig angesehenen Szenen einer Ehe (Scènes de la vie conjuguale). Jene Rückkehr, die Gabrielle zur folgenden Äusserung bewegt: "Wenn ich gewusst hätte, dass sie mich lieben, wäre ich nicht zurückgekommen", macht eine erschrenkende stets unterdrückte Dimension des Ehelebens deutlich: Wie vielen Menschen gehen eigentlichen ein solches gemeinsames Leben ein, ohne dabei ihre wahre Gefühle auszudrücken. Was gilt dabei als mutiger : gehen oder bleiben? Gabrielle schafft Raum für solche Fragen und fordert dadurch unsere verborgenen Gefühle heraus.

Olivier Bombarda


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Gabrielle
Ein Film von Patrice Chéreau
(Frankreich, 2005, 90 Min.)
Mit Isabelle Huppert, Pascal Greggory, Claudia Coli, Thierry Hancisse, Chantal Neuwirth, Thierry Fortineau, Louise Vincent…
Drehbuch : Patrice Chéreau und Anne Louise Trividic, nach der Novelle "Die Rückkehr" von Joseph Conrad
Venedig 2005 - Offizieller Wettbewerb

Erstellt: 30-08-05
Letzte Änderung: 07-09-05