17/03/08
Ganz normale Teenager - "Die Jungs von Bagdad High"
Videotagebuch aus Bagdad
"Ihr seid Söhne Mesopotamiens, einer alten Kultur, die seit tausenden von Jahren unser Land prägt. Die Lage ist schwierig und die Umstände sind hart. Aber wir sollten jede Gelegenheit nutzen, um zu
lernen. Bildung ist das Fundament für den Wiederaufbau unserer Nation." Dies sind die Worte, mit denen der Direktor des Tariq bin Siad Gymnasiums in Bagdad die Schüler im Oktober 2006 zum neuen Schuljahr begrüßt.
In den folgenden zehn Monaten haben vier Schüler der Abschlussklasse der Bagdad High ihren Alltag in Familie, bei Freunden und in der Schule mit kleinen Digitalkameras gefilmt. Ali ist Kurde, sein Freund Anmar Christ, Heyder ist Shiit und der Vierte im Bunde, Mohammed, ist halb Shiit und halb Sunnit. In Video-Tagebüchern berichten die Teenager über ihr alltägliches Leben, ihre Träume, Wünsche und Ängste. Alle vier Jungen leben in Sajuna, einem Mittelklasseviertel, in dem auch die Schule liegt. Laura Winter, die gemeinsam mit ihrem Kollegen Ivan Mahony das Filmprojekt entwickelt und realisiert hat, sagt über ihre vier Protagonisten:" Sie sind wie alle Teenager. Sie lieben Musik und Disco, sind neugierig auf Sex, wollen die neuesten Klamotten und cool aussehen. Sie wollen nichts anderes als erwachsen werden und die Schule abschließen."
Bisher war es in Sajuna einigermaßen ruhig. Aber die Konfrontation zwischen Sunniten und Shiiten, die Bagdad seit der Eroberung durch die Amerikaner spaltet, hat auch diesen ehemals friedlichen Stadtteil erreicht. Das Leben ist gefährlich, mit Anschlägen muß auch hier jederzeit gerechnet werden. Die Jungs, das zeigen ihre Aufnahmen, machen sich über die Lage keine Illusionen. Außerhalb der Schulmauern und des Elternhauses ist die Lage bedrückend. Ali, der Kurde, berichtet lakonisch: "Das sind unsere Nachrichten: Erste Schlagzeile: Getötet. Zweite Schlagzeile: Ermordet. Dritte Schlagzeile: explodiert. Vierte Schlagzeile: Gekidnapped. Gute Nachrichten? - Es gibt keine guten Nachrichten." Und sein Freund Heyder, dessen Lieblingsfach Englisch ist und der von einer Karriere als Songwriter träumt, fragt "alle Terroristen und schlechten Menschen" fast verzweifelt:" Was wollt ihr mit all diesen Anschlägen erreichen? Früher gab es hier nie Explosionen. Bagdad wurde Stadt des Friedens genannt." Und der Katholik Anmar macht sich selbst Mut: "Ich glaube nicht, dass bewaffnete Banden unsere Schule angreifen, wir sind ja nur Schüler. Aber wie haben Angst vor einem Bürgerkrieg. Ich bin Christ, und wenn sich das rumspricht, bringen sie mich vielleicht um."
Die Sehnsucht nach Frieden und einem Leben ohne Angst ist das alle beherrschende Gefühl. Dabei wünscht sich im Kreis der Freunde und deren Familien niemand den Diktator Saddam Hussein zurück. Einige haben unter dem Terrorregime Angehörige verloren. Für sie, ihre Eltern und Verwandten war die Eroberung ihrer Stadt durch die Amerikaner eine Befreiung. Es dauerte allerdings nicht lange, dass auch sie die fremden Soldaten eher als Besatzer denn als eine Schutzmacht ansahen. Dies wird besonders deutlich in einem Dialog, den Hayder mit seiner Mutter führt. Auf die Frage, wie sie die Situation einschätzt, antwortet sie: "Ich will ganz ehrlich sein. Auch wenn ich nicht weiß, ob das gut für mich ist. Am Anfang waren wir voller Hoffnung, und alle Iraker waren glücklich. Sie sahen die Amerikaner als Befreier." ....... Wir sollten den Amerikanern nicht an allem Schuld geben."
Im Laufe des Schuljahres wird die Lage in der Schule und in der Stadt immer gefährlicher. Viele Familien verlassen Bagdad. So auch die kurdische Familie von Ali. Anschläge häufen sich, auch im vergleichsweise ruhigen Stadtteil Sajuna. Ständige Stromausfälle und Ausgangssperren behindern das Lernen und die Vorbereitung auf die wichtige Abschlussprüfung. Danach, so der Traum der Schüler, wird es besser. Vielleicht können sie ins Ausland gehen und dort studieren. Dazu muß aber gebüffelt werden. Das fällt unseren Jungs nicht leicht, nicht nur wegen des Stresses in der Stadt. Schließlich sind sie ganz normale Teenager, die lieber Musik hören, Fußball spielen oder einfach gemeinsam herumhängen als englische Vokabeln zu pauken. Und Ali sehnt sich im sicheren und ruhigen Norden des Landes zurück zu den Freunden und zur alltäglichen "Action" in Bagdad. Im August 2007, nach fast einem Jahr, stehen die Abschlussprüfungen an. Alle vier Freunde, auch Ali im Norden, haben ihr Ziel nicht oder nur teilweise erreicht. Bagdad ist immer noch im "Ausnahmezustand", was aber nicht der einzige Grund für das schlechte Abschneiden der Jungs ist.
Laura Winter und Ivan Mahony, die Producer und Regisseure, haben, Viele hundert Stunden Videomaterial der Nachwuchs-Filmemacher zu einem Film zusammengetragen, der ein anderes Bild von der kriegsgeschüttelten Stadt vermittelt als dem in Fernsehen und zahlreichen Dokumentarfilmen gezeigten. Beide Filmemacher, die sich aus gemeinsamen Studienzeiten an der Columbia Universität in New York kennen, haben einige Jahre als Reporter für Zeitungen und das Fernsehen aus Kriegs- und Krisengebieten berichtet. Den Anstoß für das Projekt einer Langzeitbeobachtung über den Alltag in der von Gewalt, Mord und Zerstörung erschütterten Stadt gab die Frage der Reporter, wie die Menschen damit umgehen, wie sie ihr tägliches Leben gestalten. Und, so Laura Winter:" Alle Dokumentarfilme, die ich bis dahin kannte, waren von und für Erwachsenen gemacht. Kinder kamen in UN-Statistiken als Opfer von Mord oder Gewalt vor. Es war also nötig, einen Film über das Leben von Kindern und Jugendlichen zu machen."
Damit der Film keine Momentaufnahme würde, entstand die Idee der Video-Tagebücher. Es war alles andere als einfach, die Jugendlichen zu finden und Ihre Familien und die Lehrer von dem Projekt zu überzeugen. Mithilfe eines Übersetzers und eines irakischen Teammitglieds gelang es schließlich, eine geeignete Schule und die Protagonisten zu finden.
"Die Jungs von Bagdad High", eine Koproduktion von BBC und ZDF/ ARTE mit dem US-Sender HBO, hatte ihr Premiere beim Filmfestival in Sheffield und lief inzwischen mit großem Erfolg im britischen Fernsehen. Das amerikanische Branchen-Magazin Variety schrieb: " Dies ist Zeitgeschichte in einem kleinen, persönlichen Rahmen, weit weg von den Fronten, aber auf diese Weise erzählt der Film mehr über die irakische Tragödie als eine aufgepumpte Docu-Fiction im Stile von Brian de Palma." Leider konnten auch dieses Lob und der Erfolg beim Filmfestival die britischen Autoritäten nicht dazu bewegen, den nach London eingeladenen vier Freunden, die Einreise zu erlauben. Mehr als 10 Tage mussten sie in Jordanien warten, bis schließlich der ablehnende Bescheid vom britischen Konsulat in Amman kam. Die von Arselal London gespendeten Tickets für das Pokalspiel gegen die Tottenham Hotspurs verfielen , die geplante Tour durch britische Universitäten musste abgeblasen werden. Ali, Anmar, Heyder und Mohammend sind um eine Illusion über das liberale England und das weltoffene Europa ärmer.
Hans Robert Eisenhauer
Erstellt: 14-03-08
Letzte Änderung: 17-03-08