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Jahrhundertaufnahmen Jazz

Ab sofort präsentiert ARTE-Online zusammen mit der SWR 2-Jazzredaktion in einer neuen Reihe die "Jahrhundertaufnahmen des Jazz" – von den Anfängen bis zur (...)

Jahrhundertaufnahmen Jazz

Jahrhundertaufnahmen des Jazz - 28/11/08

Gato Barbieri "Chapter One: Latin America"

Impulse! IMP 22362 (1973)


Der Sound des Protests und der Selbstbehauptung - radikal neu gemischt
von Harry Lachner

Die Auswahl im Überblick

Es bedurfte keiner großen Worte, keiner langen Texte. Ein einfaches Bild genügte: Im Innern des LP-Covers von "Chapter One: Latin America" posiert der argentinische Saxophonist Leonardo - genannt "Gato" - Barbieri neben der Schrift "Gun Shop". Keine kämpferische Geste, eher salopp lehnt er an der Häuserwand. Ein Zeichen des Understatements. Denn der politische Impetus seiner Musik war eine Selbstverständlichkeit, so wie Jazz per se mit diktatorischen Regimes nicht vereinbar ist.
Das hatte Barbieri in den fünfziger Jahren erlebt, da Jazz für die einheimischen Musiker unter dem Regime von Juan Peron nicht erlaubt war. Und so spielten Barbieri und andere argentinischen Musiker zur "Ablenkung" zwischendurch immer auch folkloristisches Material oder bekannte Tangos. Es waren diese folkloristischen Wurzeln seiner Herkunftswelt, die er mit "Chapter One" zu einer radikal neuen Mischform durchgestaltete.

Musikalische Formeln aus Lateinamerika waren zu Beginn der siebziger Jahre nichts Neues im nord-amerikanisch dominierten Jazz. Anfang der sechziger Jahre hatte man dort begeistert Elemente des brasilianischen Bossa Nova aufgenommen. Er besaß eine andere Art des Swing - aber eine, die dem Jazz verwandt schien. Auch die Musik Kubas hatte bereits früh bei Musikern wie Dizzy Gillespie oder Charlie Parker ihre Spuren hinterlassen.
Das eigentlich Innovative an der Musik Gato Barbieris, die er auf diesem Album präsentierte, aber war seine Zusammenarbeit mit argentinischen Musikern (darunter der junge Bandoneonist Dino Saluzzi) und die selbstverständliche - also nicht exotisierende - Art, wie er das Instrumentarium der landesüblichen Folklore benutzte: die indianische Flöten und Perkussionsinstrumente, die kleine viersaitige Gitarre Cavaco oder das tango-typische Bandoneon. Barbieris Idee eines neuen, in der südamerikanischen Kultur verwurzelten Jazz entsprach nicht den damals üblichen und klischeeträchtigen Vorstellungen lateinamerikanischer Pfleglichkeiten - sanftmütiger Bossa Nova, leichte Tangos, kubanische Tanzbarkeit.

Es war ein selbstbewußtes, am Free-Jazz geschultes Statement, daß sich der aktuelle Jazz auch unabhängig von der nordamerikanischen Tradition von Blues-Bezügen und Standards-Repertoire weiterentwickeln konnten - jene Formeln also, auf die auch der "freie" Jazz immer wieder rekurrierte. Gato Baribieri, der in den sechziger Jahren in Paris mit Trompeter Don Cherry gearbeitet hatte und später nach New York zog, war hörbar vom mächtigen, hochexpressiven Ton und der Phrasierung von Pharoah Sanders beeinflußt.

Es war der Sound der Aufwühlung - jeder Ton ein Schrei des Protestes und der Selbstbehauptung. Wenn Fragmente der eigenen Herkunftswelten in einen anderen Kontext übergeführt werden, stimuliert das die Kraft der Selbstreflexion, die Barbieri mit den Alben Chapter Two: Hasta Siempre" und "Viva Emiliano Zapata" als "Chapter Three" weiterführen sollte. In dieser Zeit von Barbieris intensivster Arbeit besaß der Jazz noch die grenzverletzende Kraft, die Ausdruck eines Kampfes gegen herrschende Normierungen war. Sich wie Barbieri selbstbewußt seiner eigenen, lateinamerikanisch geprägten Musiksprache für den Jazz zu bedienen, war zugleich auch eine Form des Widerspruchs gegen die damals herrschende Politik des US-amerikanischen Imperialismus, der die schlimmsten Diktaturen Südamerikas unterstützte.
Die Neuausgabe des Albums trägt den Titel "Latino America" und enthält auch die Aufnahmen des Albums "Chapter Two: Hasta Siempre".
Text: Harry Lachner

Gato Barbieri "Chapter One: Latin America"
Aufnahme: April 1973
Impulse! IMP 22362

Erstellt: 07-10-08
Letzte Änderung: 28-11-08


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