>> CD zu gewinnenAls 1912 der als unsinkbar geltende Luxusdampfer Titanic untergeht, wird auf einen Schlag der technologische Fortschrittsglauben einer ganzen Generation zerstört. Die vormalige Technikbegeisterung schlägt nun größtenteils in das Gegenteil um, in Skepsis und Angst. Von den über 2200 Menschen die an Bord der Titanic waren, erreichten nur knapp 700 lebend ihren Bestimmungsort New York.
Die tragischen Umstände, die zu dem Unglück führten und die damit verbundenen menschlichen Einzelschicksale, lassen die Schiffskatastrophe nicht in Vergessenheit geraten. Der Experimentalmusiker Gavin Bryars versteht den Untergang der Titanic als eine Metapher für das übertriebene Vertrauen der Menschheit in Technik und dem Paradox der Moderne, dass eine Krönung der Technologie durch menschliches Versagen sowie einen Eisberg zerstört wird. Für seine musikalische Bearbeitung hat der Komponist und Musiker als exemplarischen Moment die Zeitspanne des knapp dreistündigen Untergangs ausgewählt. Während die Passagiere versuchten, einen der wenigen Plätze in den Rettungsboten zu ergattern, musizierte auf Deck ein Streicherensemble. Ungeachtet der sich abzeichnenden Katastrophe intonierten die Musiker das Stück „Autumn“, um eine Panik unter den Passagieren zu vermeiden.
Der selbstaufopfernde Akt der Musiker versinnbildlicht sowohl die Hilflosigkeit gegenüber der Unabwendbarkeit der Katastrophe, als auch den verzweifelten Versuch, eine Form von Normalität zu wahren. Um so eindrücklicher prägte sich bei den Überlebenden die Melodie ein, die sie noch weit über das Meer in den Rettungsbooten hören konnten, bis zum Auseinanderbersten der Titanic. Diese verstörende Ambivalenz der Musik spiegelt sich in Gavin Bryars’ Komposition „The Sinking Of The Titanic“ wider, die er seit 1969 in verschiedenen Versionen aufgeführt hat.
Die nun erschienene, gleichnamige CD gehört sicherlich zu den interessantesten Aufnahmen. Auf der 49. Internationalen Musikbiennale für Zeitgenössische Musik in Venedig spielte Bryars mit Unterstützung des DJs Philip Jeck und dem italienischen Ensemble für Neue Musik, Alter Ego, eine besonders eindringliche Version ein. Als Einstieg dient das rhythmische Knarzen einer zerkratzten Schallplatte, das vereinzelt von gesprochenen Texten mit O-Tönen Überlebender sowie der „Autumn“-Melodie durchdrungen wird. Bryars gelingt es über die Dauer von über einer Stunde, eine einzigartig unheilvolle Soundatmosphäre zu kreieren, in der die Musik Tod, Hoffnung und Erlösung zugleich symbolisiert.
Matthias Schneider







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