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15/12/05

Gedächtnisverlust (Amnesie)

Wenn die Vergangenheit fehlt


Was tun, wenn die Erinnerung plötzlich von einem Tag auf den anderen ausgelöscht und die eigene Biographie verschwunden ist? Schätzungsweise 100 000 Menschen sind in Europa von einem Gedächtnisverlust, der Amnesie betroffen, die je nach Ursache kurze Zeit dauern oder – in schweren Fällen – lebenslänglich bestehen kann.

Das Gedächtnis
Mit der funktionellen Kernspintomografie können Wissenschaftler dem Gehirn heutzutage direkt bei der Arbeit "zuschauen". Während sich Probanden in der Tomografenröhre bestimmte Aufgaben merken, messen die Forscher, was in ihrem Gehirn vor sich geht und registrieren die Durchblutungsveränderungen in verschiedenen Hirnregionen.
So können sie das Gehirn beim Erinnern und Vergessen beobachten. Forscher haben herausgefunden, dass eine spezielle Hinregion, der Hippocampus gemeinsam mit dem rhinalen Kortex das Tor zum Gedächtnis bildet. Er ist eine Art Schaltzentrale der Erinnerung. Faktenwissen, Daten und Zahlen leitet der Hippocampus zur Langzeit-Speicherung direkt an die linke Seite der Großhirnrinde weiter.
Gleich daneben, auf der rechten Seiten des Großhirns liegen autobiographische Erinnerungen wie der erste Kuss oder der letzte Urlaub. Unbewusste Wahrnehmungen wie Fühlen und Riechen speichert das Großhirn auf beiden Seiten. Für Bewegungsabläufe wie Laufen oder Autofahren ist ein anderes System zuständig: Das prozedurale Gedächtnis im Kleinhirn und den Basalganglien.
Nur ein kleiner Teil der Flut an Informationen, die wir täglich aufnehmen bleibt im Langzeitgedächtnis haften. Und zwar nur dann, wenn der Hippocampus und der darunterliegende Parahippocampus gleichzeitig aktiv sind. Das sind sie vor allem, wenn wir etwas emotional als wichtig bewerten. D.h.: Besonders gut können wir uns etwas merken, wenn es uns sehr traurig, wütend oder fröhlich macht.
Was tun, wenn die Erinnerung plötzlich von einem Tag auf den anderen ausgelöscht und die eigene Biographie verschwunden ist? Schätzungsweise 100 000 Menschen sind in Europa von einem Gedächtnisverlust, der Amnesie betroffen, die je nach Ursache kurze Zeit dauern oder – in schweren Fällen – lebenslänglich bestehen kann.

Ursache
Der Grund für eine Amnesie kann organisch, aber auch psychisch bedingt sein. Bei der psychogenen Amnesie will sich der Betroffene an bestimmte unangenehme Erlebnisse nicht erinnern; diese werden verdrängt. Werden die psychischen Probleme erfolgreich aufgearbeitet, kommt auch die Erinnerung wieder.
Organische Ursachen können zu einer vorübergehenden oder permanenten Amnesie führen. Vorübergehend kann eine Amnesie zum Beispiel bei Gehirnerschütterung, epileptischen Anfällen oder Vergiftungen auftreten. Kopfverletzungen, ein Koma, Schlaganfall oder Herzinfarkt hingegen können permanente Amnesien auslösen.

Symptome
Es gibt unterschiedliche Formen der Amnesie. Am häufigsten treten die retrograde und die anterograde Amnesie auf. Retrograde (rückwirkende) Amnesie bedeutet, dass die Betroffenen sich an nichts erinnern können, was vor dem schädigenden Ereignis passiert ist. Bei der anterograden (vorwärtswirkenden) Amnesie treten Gedächtnisstörungen nach dem schädigenden Ereignis auf. Neues wird binnen weniger Minuten wieder vergessen. Mischformen von retrograder und anterograder Amnesie sind ebenfalls möglich.

Begleiterscheinungen einer Amnesie sind Orientierungslosigkeit, Schwindel, Übelkeit und Angstzustände; als Langzeitfolge auch Depressionen. Die schwerste Form der Amnesie wird durch eine Schädigung des Hippocampus, der zentralen Schaltstelle des Gehirns, ausgelöst: In diesem Fall ist nur noch das Kurzzeitgedächtnis vorhanden. Jede neue Erinnerung löscht die Erinnerung an das Vorhergehende aus. Den Betroffenen erscheint das Leben wie ein einziger Augenblick.

Diagnose
Bei einer Amnesie tritt der Gedächtnisverlust akut auf. Bei plötzlichem Erinnerungsverlust, besonders nach Unfällen oder einer Krankheit, liegt daher die Diagnose der Amnesie nahe. Durch Lern- und Gedächtnistests sowie organische Untersuchungen kann die Diagnose gesichert werden.

Therapie
Neben der Behandlung einer eventuell ursächlichen Grunderkrankung liegt der Schwerpunkt der Therapie auf einem Gedächtnistraining. In sogenannten "Gedächtnis-Ambulanzen" wird das Therapieprogramm für jeden Patienten individuell ausgearbeitet. Besonders in den ersten zwei Jahren nach dem Eintreten der Amnesie ist diese Therapie wichtig, denn in dieser Zeit lässt sich noch manche Erinnerung durch konsequentes Training zurückholen. Merkhilfen wie Kalender, Tagebücher und Notizzettel helfen, den Alltag besser zu bewältigen. Ob und in welchem Umfang die Erinnerung wieder kommt, lässt sich nicht voraussagen. Eine Amnesie belastet die Betroffenen daher auch psychisch stark. Eine psychotherapeutische Begleittherapie kann dann hilfreich sein.

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HIPPOKRATES - Gesundheitsmagazin
Dienstag, 20. Dezember um 14.45 Redaktion: Heidemarie Petters Koproduktion ZDF-ARTE G.E.I.E.

Erstellt: 15-12-05
Letzte Änderung: 15-12-05