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16/07/07

Generation Praktikum

Die Perspektiven für Berufsanfänger in Deutschland und Frankreich sind unvergleichlich schlechter als die ihrer Eltern: Sie hangeln sich von einem Praktikum zum nächsten, finden keinen festen Job und ihre Zukunft ist kaum planbar. Die Betroffenen haben die unterschiedlichsten Wege aus dem Generationsbruch gefunden. Nur gelöst ist der Konflikt nicht.

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Désirée Grebel hat eine Petition für den deutschen Bundestag verfasst. Die 29-jährige Ex-Praktikantin fordert darin, dass jedes Praktikum eines Hochschul-absolventen nach maximal drei Monaten in ein reguläres Beschäftigungs-verhältnis umgewandelt wird. 40.000 Unterschriften hat sie im Internet dafür gesammelt. Die Petition wurde ins Parlament eingebracht, doch ein Gesetz wurde daraus nicht. Sie wolle damit auch weder mobilisieren noch politisch aktiv werden, sagt Grebel, die selbst in einer Festanstellung arbeitet. Sie wolle bloß einen konstruktiven Vorschlag machen – statt sich zu beschweren und zu jammern wie viele ihrer Altersgenossen.

Julie Coudry ist wochenlang auf die Straße gegangen. Sie ist Französin, 27, Studentin und Chefin der Studentengewerkschaft Confédération Étudiante, einer der Anführer der Proteste gegen das CPE, den Vertrag, der in Frankreich eine zweijährige Probezeit für Berufsanfänger unter 26 Jahren vorsieht. Die Proteste von Julie und hunderttausenden Franzosen waren erfolgreich. Das umstrittene Gesetz zum Kündigungsschutz musste Premierminister Dominique de Villepin zurücknehmen.

Julie und Désirée gehören einer Generation an, die von sich selbst sagt, keine Perspektive mehr zu haben. Die Medien haben für sie den Begriff „Generation Praktikum“ geprägt. Ohne feste Anstellung oder Aussicht auf einen regulären Job, hangeln sie sich von einem Praktikum zum nächsten. Davon leben, ohne finanzielle Unterstützung der Eltern, können die wenigsten.

Die Lebensbedingungen der heute 20- bis 35-Jährigen haben sich im Vergleich zu denen der Elterngeneration entscheidend verändert. Denn ein schnelles Studium und Auslandserfahrungen reichen heute längst nicht mehr, um anschließend in ein entsprechendes Arbeitsverhältnis einzusteigen. Bis zu zehn Jahren dauert in Frankreich inzwischen die Übergangsphase zwischen Abschluss des Hochschulstudiums und der ersten Festanstellung. Und drei von vier neu geschlossenen Arbeitsverträgen sind nur noch temporär.
Der Generationsbruch
Während ältere Arbeitnehmer mit Verstärkung durch die Gewerkschaft auf die Zusagen pochen, die ihnen vor 30 Jahren gemacht wurden, sind die Jüngeren froh, wenn sie überhaupt für ihre Arbeit entlohnt werden. Der Generationsbruch spiegelt sich sogar inzwischen in der gewerkschaftlich erkämpften Bezahlung wieder: Der letzte Tarifabschluss bei Volkswagen sieht vor, dass neu einge-stellte Mitarbeiter mit exakt derselben Arbeit zwanzig Prozent weniger Lohn erhalten als die Mitarbeiter, die schon länger im Betrieb tätig sind.

Auch ein Blick auf die finanzielle Absicherung im Alter nimmt den Jungen nicht gerade ihre Zukunftsangst: In der staatlichen Rentenversicherung erhalten laut Sachverständigenrat in Deutschland die im Jahr 2000 Geborenen eine um 25 Prozent niedrigere Rente als der Jahrgang 1940. Dass die sozialen Sicherungs-systeme nicht mehr zukunftsfähig sind, davor warnten die Sachverständigen schon in den 70er Jahren. Doch vor einem tief greifenden Umbau hat sich die Politik bisher immer gescheut. Den Druck, der daraus erwächst, bekommen derzeit die Jungen zu spüren.

Ihre Eltern sind immer davon ausgegangen, dass es die Kinder einmal besser haben werden. Doch erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg stimmt diese Vorstellung nicht mehr. Zwar sind die hohen Ansprüche auf verbesserte Lebensverhältnisse und Selbstverwirklichung der Jugend geblieben, doch die Absicherung dafür ist nicht mehr vorhanden. Stattdessen: weniger Lohn, weniger Rente. Und mehr Arbeit – wo auch immer.

Denn um einen Arbeitsplatz zu ergattern, sind die Jungen flexibler denn je. Für den heiß ersehnten Job sind sie bereit, ihre Stadt und auch ihr Land zu verlassen. Doch die häufigen Job- und Ortswechsel gehen vor allem zu Lasten der privaten Beziehungen. Was bleibt, ist das Gefühl, nirgends Fuß zu fassen. An eine Zukunft mit Familie ist so kaum zu denken.

Blockieren oder auswandern
Auf diesen permanenten Übergangszustand gibt es die unterschiedlichsten Reaktionen. Die einen, vor allem in Frankreich, protestieren, die anderen wandern aus und suchen sich die akzeptablen Arbeitsbedingungen fernab der Heimat. Wieder andere haben sich mit ihrer Situation abgefunden: Sie glauben, einfach noch besser als ihre Mitkonkurrenten werden zu müssen, um ihren Traumjob zu bekommen, und jagen so der Karriere hinterher. Immer in der Hoffnung, eines Tages aus dem Dilemma herauszukommen.

Und noch ein Modell wird erprobt – mit Sicherheit das kreativste: Die angeblich Perspektivlosen machen sich selbstständig. In Berlin blühen ganze Stadtteile durch Architekten, Designer, Journalisten, die Bürogemeinschaften gründen, durch Geisteswissenschaftler, die Second-Hand-Läden, Cafés oder Frisiersalons eröffnen. Sie genießen den Vorteil der flexiblen Arbeitswelt – die Freiheit – und halten ein neues Lebensgefühl hoch, das bisher nur Künstlern vorbehalten war.

Nirgends lässt sich solch eine Prekarität besser aushalten als in der deutschen Hauptstadt, denn die Mieten und die Lebenshaltungskosten sind so billig wie in kaum einer anderen europäischen Hauptstadt. Auch wird nicht sozial geächtet, wer keiner regelmäßigen Arbeit nachgeht. Gerade einmal jeder dritte Berufs-tätige in Berlin hat eine unbefristete Vollzeitstelle, das eigentlich „normale“ Beschäftigungsverhältnis. Inzwischen gilt es in den Innenstadtbezirken Berlins sogar als „in“, derart „prekär“ zu leben.

Die Konflikte mit den Älteren aber bleiben in allen Varianten der so genannten Generation Praktikum bestehen. Das Austragen wird nur auf später verschoben. Denn was immer noch fehlt, ist ein neues Konzept der Generationsgerechtigkeit, das sowohl Junge als auch Alte in die Verantwortung für die Zukunft mit ein-bindet.

Grit Weirauch

Erstellt: 22-09-06
Letzte Änderung: 16-07-07