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26/07/10

"Genius und Kollaboration lagen sehr eng beieinander"

Interview mit dem französischen Historiker Guilhem Zumbaum-Tomasi zur SNCF unter deutscher Besatzung

Welche Rolle spielte die französische Staatsbahn SNCF bei der Organisation der Deportationszüge in die Konzentrations- und Vernichtungslager?
Die SNCF war seit der Unterzeichnung des deutsch-französischen Waffenstillstands in Compiègne im Juni 1940 aktiv an der Organisation von Transporten von Frankreich ins Reich und auch in umgekehrter Richtung vom Reich nach Frankreich beteiligt. Einigen wichtigen französischen Historikern zufolge war es dieser „Armistice von Compiègne“, der die SNCF von 1940 bis 1944 zwang, so zu handeln, wie sie es tat.
Heute hingegen muss man über die années noires konstatieren: Der Vichy-Staat und seine Repräsentanten (d.h. vom Präfekten über den Staatsbeamten im Ministerium bis zum Polizisten), der französische Arbeitgeberverband oder eben auch die SNCF waren auf allen hierarchischen Ebenen daran beteiligt, den deutschen Forderungen freiwillig nachzukommen. Manchmal auch darüber hinaus. Man schlug von sich aus den Deutschen Maßnahmen vor und ging damit über den Rahmen des Waffenstillstands hinaus: So stellte die SNCF-Führung im Einklang mit der Regierung in Vichy die Loks, die Waggons und die Wachmannschaften für die Deportationen bereit. In der unbesetzten Zone wurden ab Herbst 1940 bis Sommer 1944 Juden und politische Gefangene zusammengetrieben und nach Drancy deportiert. Ab Winter 1940/41 und strukturiert ab März 1942 stellten die französischen Behörden gemeinsam mit den Deutschen die Transporte für die Züge in die Vernichtungs- und Konzentrationslager zusammen. Begleitet wurden die Züge von deutschem und französischem Wachpersonal.

Wie ist dieses Verhalten der SNCF-Führung zu verstehen, wenn es eigentlich einen Handlungsspielraum gab? Wieso handelten einzelne Menschen in der SNCF über den gesteckten Rahmen des Waffenstillstands hinaus?
Die SNCF stellte sich ab Juni 1940 vor allem eine Frage: „Wie weit soll man mit den deutschen Besatzern kooperieren, um das eigene vitale Interesse am Schienennetz nicht an die Deutschen zu verlieren? Was muss von französischer Seite getan werden, um die eigenen Loks und die Technik nicht in Gänze in deutsche Hände zu geben? Diese Fragen entwickelten sich zum Motor für eine freiwillige Zusammenarbeit mit den Deutschen. Darüber hinaus gab es auch bei dem einen oder anderen Beamten eine tiefe Bewunderung für den technischen Fortschritt in Deutschland. Es bleibt festzuhalten: Die Führung der SNCF wollte auf jeden Fall mit den Deutschen kooperieren.

Europas Bahnen und der Holocaust:
Wie steht es um die Mitverantwortung der Eisenbahnen in den besetzten europäischen Ländern? Kollaborierten sie mit den Nazis, oder hatten sie keine andere Wahl?

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Vichy-Frankreich unter Pétain verordnete eine antijüdische und eine antikommunistische Politik; in der besetzten Zone herrschten die Deutschen. War es da nicht naheliegend, dass die Führung der staatlichen Eisenbahnergesellschaft wenig Eigenständigkeit zeigte? Wie stark war der Zwang zu kollaborieren tatsächlich?
Keiner zwang wirklich Vichy und die Administration zur Kollaboration. Diese fand in verschiedenen Bereichen statt und war möglich, weil die Mehrheit der Franzosen im Alltag bis Juni 1944 „attentistes“ (deutsche Entsprechung: „Mitläufer/Unbeteiligte“) waren. Am Anfang glaubten viele an die im Juni 1940 von Pétain ins Leben gerufene (Konter-) "révolution nationale". Dass diese weiße Revolution wenige Monate später aufgrund der wirklichen Machtverhältnisse zwischen den deutschen Besatzungsbehörden (Paris) und Vichy aufgegeben wurde, fiel vielen Franzosen zuerst weiter nicht auf. Die französische Politik fokussierte darauf, dass Deutschland den Krieg gewinne und eben jenes Vichy-Frankreich ein wichtiger Bestandteil von Hitlers Europa werde. Dies war unabhängig davon, ob die "révolution nationale" Bestand hatte oder nicht.
Schon 1940 kollaborierte die französische Polizei in der deutschen Besatzungszone. Franzosen und Deutsche teilten sich die Vision des antibolschewistischen und antijüdischen Kampfes zur Rettung Europas. Nur in der Frage der Auslieferung von französischen Juden tat man sich in Vichy schwer und lieferte daher ab Juni 1940 erst einmal ausländische Juden aus.

Mit welchen Repressalien rechnete die SNCF?
Die SNCF hätte den vielen Anforderungen der in Frankreich agierenden deutschen Akteure wie MBF (Stülpnagel, Militärbefehlshaber in Frankreich), deutsche Botschaft in Paris (Abetz) oder Gestapo (Knochen und Oberg) ein entschiedenes Nein entgegensetzen können, ohne mit Repressalien rechnen zu müssen. Denn die deutsche Besatzung benötigte das französische Schienennetz und das französische Personal. Dieser Umstand war der französischen Administration bekannt. Anders gesagt: Die deutschen Besatzungsorgane waren froh, dass sie Franzosen fanden, die freiwillig mit dem Besatzer zusammenarbeiteten. Da es sich bei diesen Franzosen um eine spezielle Form einer Technikerelite handelt, redeten diese sich ein, keine Politiker zu sein, und begründeten ihr Handeln mit Patriotismus. Es kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass einige eine gewisse Bewunderung für die NS-Bewegung hatten.
Die Verantwortung liegt aus heutiger Sicht nicht nur bei Pétain und Laval, sondern bei einer ganzen Generation hervorragender Staatsdiener aus dem Umfeld der Ecole polytechnique, der damaligen Kaderschmiede für die Produktion von genialen Technokraten. Genius und Kollaboration lagen sehr eng beieinander. Dieses Wissen wurde von den deutschen Besatzungsbehörden bis zum Frühjahr 1944 abgeschöpft und in die Dienste des Weltanschauungs- und Rassenkrieges gestellt.

Wie weit war man informiert über die Realität der KZ’s und Vernichtungslager?
Inwieweit es ein exaktes Wissen über das Ausmaß dessen gab, was in den Vernichtungslagern im besetzten Polen geschah, kann bis heute nicht geklärt werden. In den Berichten des MBF für Berlin und in den französischen Geheimberichten der Polizei fehlt es an solchen Hinweisen. Jedoch gab es über Radio London für viele Franzosen die Möglichkeit, sich zu erkundigen. Radio London erwähnte schon 1942 die Existenz von solchen Lagern und forderte das sofortige Ende der Deportationen. Diesen Berichten von Radio London wurde zuerst wenig Glauben geschenkt, da es sich aus damaliger Sicht auch um Gräuelpropaganda der Alliierten hätte handeln können. Einige französische Beamte wussten jedoch durch ihren privilegierten Kontakt zum MBF und zum HSSPF, dass etwas „Unvorstellbares“ im Osten passierte.

Nach Fahrplan in den Tod. Europas Bahnen und der Holocaust

Mittwoch 7.Juli 2010
ab 20.15 Uhr

Wiederholung am Samstag 10. Juli um 15.55 Uhr

(Deutschland, 2008, 52mn) SWR
Warum haben die Eisenbahner, die besonders stark in der Résistance vertreten waren, keinen oder sehr wenig Widerstand gegen die Deportation von Juden geleistet ? Während Sabotageakte beim militärischen Nachschub auf der Schiene an der Tagesordnung waren, wurden Deportationszüge nicht angehalten.
Es muss dem französischen Historiker Maurice Rajsfus beigepflichtet werden, dass der französische Widerstand in Frankreich eigentlich zu schwach war und andere Interessen verfolgte, als Deportationszüge zu befreien. Die damaligen Widerstandskämpfer, ob Kommunisten, Gaullisten oder andere politisch Denkende sahen sich in erster Linie im Widerstand gegen die Fremdbestimmung durch den Besatzer. Es galt, diesen zu schaden. Dem deutschen bzw. nationalsozialistischen Plan zur Ermordung des deutschen und des europäischen Judentums mit seiner ganzen tödlichen und abscheulichen Dimension konnten die Widerstandskämpfer nicht sofort erkennen. Die Ermordung von Juden im europäischen Maßstab war unter Umständen einzelnen oder kleineren Gruppen bekannt. Jedoch fehlte es an Vorstellungskraft für ein solches Verbrechen. Auch sprach die deutsche Propaganda, gelenkt vom MBF, von einer Umsiedlungskampagne des europäischen Judentums in sogenannte Arbeitslager im Osten, d.h. Ghettos. Diese waren seit dem Mittelalter bekannt und es verwundert daher wenig, wenn die Christen dies nicht hinterfragten. In Frankreich gab es schon vor 1939/1940 eine antisemitische und xenophobische Stimmung, die nichts mit den Idealen der französischen Republik gemein hatte. Diese Stimmung trug auch dazu bei, in der Résistance nicht allzu laut über die Entrechtung der Juden zu sprechen.
Als de Gaulle in Algier 1943 das dortige Judenstatut (1940) aufhob und Juden somit wieder gleichberechtigte Bürger wurden (seit 1789), gab es viel Widerstand. Dies zeigt, wie weit der Antisemitismus in Frankreich verbreitet war und wie schwer es für Juden in Frankreich war zu überleben.

Eine weitere Erklärung dafür, dass Eisenbahner nicht mehr für die Deportierten getan haben, lag auch darin begründet, dass das französische Volk so gleichgültig auf diese Form der Ausweisung reagierte. Die Festnahme von Kindern und Erwachsenen, die unter ihnen lebten, geschah ohne nennenswerten Widerstand. In den Bahnhöfen konnte jeder sehen, wie die Verhafteten in die Waggons getrieben wurden. Deportationszüge fuhren am Tag durch die Bahnhöfe. Bis zur Grenze bestand die Wachmannschaft zum Teil aus der französischen Gendarmerie, z.T. aus der Geheimen Feldpolizei GFP bzw. aus der Sicherheitspolizei/Sicherheitsdienst Sipo / SD. Auf der Lok standen immer Franzosen, die dann an der Grenze durch Deutsche ausgetauscht wurden. Ebenso standen an den Stellwerken, Bahnhöfen und Gleisen immer Franzosen. Die Deportation war Teil der Öffentlichkeit.

Es darf trotzdem nicht unterschätzt werden, dass es in Frankreich ganze Regionen gab, in denen die Zivilbevölkerung alles tat, um Juden vor dem Tod zu schützen, hier war die Solidarität mit den Verfolgten größer als in Deutschland: Cévennes, Marseille, Toulouse, Massif Central, Loire, Alpen, Paris, Lyon. Besonders hervorzuheben ist der französische Arbeiter- und Lokführer Léon Bronchart, der Juden dadurch half, indem er sich weigerte, einen Deportationszug zu fahren. Als einziger französischer Eisenbahner wird er als Gerechter in Yad Vashem geehrt.

Das Interview führte Angelika Schindler, September 2008

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Behindert der Konzern SNCF die Recherchen? Werden Archive unter dem Vorwand, es handele sich um persönliche Akten, nicht geöffnet und damit das Ausmaß der Beteiligung an den Transporten in den Tod verschleiert? Warum legte die SNCF – im Gegensatz zum französischen Staat – Berufung gegen ein Gerichtsurteil des Verwaltungsgerichts in Toulouse im Jahr 2001 ein, das der SNCF die moralische Mitverantwortung bei den Deportationen bescheinigt?

Ein Artikel von Guilhem Zumbaum-Tomasi zur Auseinandersetzung der SNCF mit ihrer Vergangenheit. Der französische Historiker war auch Berater der TV-Dokumentation „Nach Fahrplan in den Tod“.

Erstellt: 28-08-08
Letzte Änderung: 26-07-10