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Text von Jens Hauser - 02/09/08

Geolokalisierung: zwischen Überwachung und Konversations-Smog

Kaum ein Medienkunstfestival kommt derzeit an der Inflation an Projekten vorbei, die sich mit dem Thema Geo-Lokalisiering und individueller Überwachung beschäftigen. Interessant ist, dass dieser Dauerbrenner einer "Big Brother"-Kunst im GPS-Zeitalter nicht nur in der Sphäre der nunmehr klassischen westlichen "Tactical Media"-Kunst auftaucht, sondern auch asiatische Medienkünstler von einer oft spielerischen und technophilen Position Abstand zu nehmen scheinen.

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Wer sich in Tokyo im U-Bahn-Liniennetz fortbewegt, tut das wahrscheinlich meist mit einer persönlichen Magnet-Karte, einer "Smartcard", die nicht nur als eine Art Abonnement Zugang zum Verkehrssystem verschafft, sondern auch jede Bewegung des Nutzers durch die Megametropole registriert. Japanische Besucher können sogar ihre eigene benutzen in der Installation S.U.I von Ryota Kimura. S.U.I. bedeutet hier "Smart Urban Intelligence". Es ist eine Lesestation, in der die Smartcards von einer ominösen Autorität ausgewertet, und dem Besucher das Ausmass der durch jene RFID-Technologie (Radio Freqency Identification) ermöglichte Überwachung vergegenwärtigt werden.

"Ist es schick in Oji zu leben?", fragt eine via Pixel-Gitter unkenntlich gemachte Erscheinung in einer bedrohlich-allwissenden Stimmlage. "Sie fahren da ja allabendlich hin zurück." Dennoch gibt der Gesprächspartner vorwurfsvoll zu verstehen, wenn man die Nacht "anderswo" verbracht hat. Die Daten auf der Karte werden auf willkürliche Weise interpretiert, so wie es die eben Autorität arrangiert.

Immer und auf der ganzen Welt nicht nur erreichbar, sondern auch ständig kartografier- und verfolgbar zu sein: so spinnt sich die Vision vom Überwachungsstaat nun fort im Zeitalter grenzüberschreitender Mobiltelephone fort. Paranoie Zeitgenossen sollen so sogar die Akkus aus ihren Handys nehmen – aus Sorge, auch bei ausgeschaltetem Gerät geortet werden zu können. Dabei könnte dieser Angst so einfach abgeholfen werden, wenn die Silvercell-Tasche von Aram Bartholl ein marktorientiertes Serienprodukt wäre. Bislang ist jedoch Kunst. Die von ihm designte Handytasche Silvercell schirmt durch sein versilbertes Polyamidgewebe elektromagnetische Strahlungen ab, sodass das darin befindliche Mobiltelefon weder angerufen noch geortet werden kann.

Eine andere Art von "Handy-Präservatif" ist die mobile Telefonzelle Cell Atlantic CellBooth von Jenny Chowdhury. Sie schützt nicht den Nutzer von elektromagnetischen Feldern oder von seiner Lokalisierbarkeit – sondern die Mitmenschen von den allgegenwärtigen Privattelefongesprächen, die keinen etwas angehen, aber die sich im öffentlichen Raum wie Grippeerreger gleichmässig auf alle verteilen. Bewusst rücksichtsvolle Handy-Telefonierer mögen so eine Cell Atlantic CellBooth umgeschnallt mit sich herumtragen und bei einem empfangenen Anruf wie ein Zelt aufstellen.

Wie jene Mobilfunktechnologie neue, unsichtbare Zonen in unsere Umgebung fräst, demonstriert auch das Projekt As if we were alone des deutschen Künstlerduos Empfangshalle. Im Linzer Stadtraum sind extra blaue Telefoniererlaubniszonen beschildert, innerhalb derer ohne schlechtes Gewissen zügellos geplaudert werden darf. Ansonsten kann es vorkommen, dass einer der Künstler mit einem Schirm zur Stelle ist, um die betroffene Spähre "abzuschirmen".
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  • Links
>> S.U.I.
>> Silvercell
>> Cell Atlantic CellBooth
>> As if we were alone

  • Weitere Artikel
>> Ars Electronica 2006 - einfach komplex
>> Geolokalisierung: zwischen Überwachung und Konversations-Smog
>> John Maeda – "In simplicity we trust"
>> "The Messenger" von Paul DeMarinis
>> The Robotic Chair
>> Yokomono – eine kurzwellig/kurzweilige Sound-Installation von Geert-Jan Hobijn und Carsten Stabenow, alias "Staalplaat"

  • Das Festival
Ars Electronica 2006
Simplicity
vom 31. August bis zum 05. September 2006
in Linz - Österreich
>> Offizielle Website

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Kultur Digital
September 2006
Text von Jens Hauser
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Erstellt: 04-09-06
Letzte Änderung: 02-09-08


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