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DVD-News - 04/11/05

Gerry

Ein Film von Gus van Sant

  • Synopsis

Auf den Filmfestspielen in Locarno verstörte Gus van Sant mit „Gerry“ 2002 sein Publikum – kein lineares Erzählkino, sondern eine in der Wüste Argentiniens, im Death Valley, Nevada und der Salzwüste in Utah fotografierte, zeitlupenhaft verlangsamte, tranceartige Reise zweier junger abenteuerlustiger Amerikaner (Damon/Affleck) in die Abgründe der eigenen Seele, die vom Zuschauer ohne Hilfestellung gelesen werden musste. Mit seiner von der Musik Arvo Pärts untermalten filmischen Meditation schlägt sich Gus van Sant, der es vom Indpendentfilmer aus Portland bis nach Hollywood geschafft hatte, zurück auf die Seite der wagemutigsten europäischen Autorenfilmer, wie Tarkowski, Sokurov, Bela Tarr, Chantal Ackermann oder Fassbinder.


  • Der Kommentar zum Film

Die elegische Klaviersonate von Arvo Pärt, mit der Gus Van Sant uns auf die schwebende, schweigsame Autofahrt seiner beiden Protagonisten in die Wüste mitnimmt, kommt einem gleich bekannt vor: Tom Tykwer hat sie als akustisches Leitmotiv in seinem Berlinale-Film „Heaven“verwendet, um die Flucht seines tragischen Liebespaars in einen utopischen, jenseitigen Himmel zu illustrieren. Bei Gus Van Sant bietet der Himmel keine Erlösung, die entscheidende Prüfung, die seine beiden Gerrys um Leben oder Tod bestehen müssen, findet auf der Erde statt. Immer mehr schrumpfen die beiden Freunde in dieser großartigen Naturkulisse zu dahinstolpernden Schattenflecken in der gleissenden Sonne.

In den monumentalen Bildern von Kameramann Harris Savides, der den Wechsel von Tag- und Nachtstimmungen und Landschaftsformen grandios eingefangen hat, erreicht die Wüste eine traumhafte, mystische Qualität, vor der die Grundfragen der menschlichen Existenz diskutiert werden. Außer dem bombastischen Bildformat und den endlos gleitenden Schienenfahrten, auf denen die Kamera die beiden Helden wie eine geduldige Hyäne an den Endpunkt ihrer Odyssee begleitet, ist an diesem Film alles minimalistisch – die Handlung, die Dialoge, die Emotionen, die Konflikte – alles hat Gus Van Sant auf das Allernotwendigste reduziert. Seine Bilder stehen minutenlang, das Leben der Protagonisten verlangsamt sich auf Zeitlupentempo. So wirkt das Projekt, dass in Argentinien, Utah und Nevada unter extremsten Bedingungen gedreht wurde, wie die mönchische Therapie eines arbeitsmüden Hollywoodregisseurs, die er sich gegen die Beschleunigung des Kinos verordnet hat.

Doch das damit verbundene strenge formale Konzept trägt, weil das Duo mehr mit sich selbst, als miteinander beschäftigt ist, nur teilweise. Gus Van Sant verrät uns nicht, was die Qualität dieser Freundschaft vor ihrer Bewährungsprobe ausgemacht hat, er läßt uns die Gefühle seiner Akteure während ihres Überlebenskampfes nur erahnen. Dabei wäre es spannend gewesen, etwas über seine Vorstellung von Erlösung und darüber, wie die Bedingungen, unter denen sie auf Erden möglich ist, zu erfahren. An der Kulisse jedenfalls – in der Salzwüste an der Grenze von Utah zu Nevada entscheidet sich schließlich die Geschichte - lag es nicht, dass aus der Odyssee von Gerry und Gerry kein wirklich großer, bewegender Film geworden ist.

Martin Rosefeldt

Dies ist kein Film, sondern ein Anti-Film, ein Manifest, eine Geschichte, die keine ist, oder vielleicht auch einfach ein Witz. Was genau, kann man nicht sagen. „Gerry“ beginnt wie Lars von Triers bekannte Hypnose-Szene im Zug aus dem Film „Europa“, ohne Max van Sydows Stimme, jedoch mit eindringlicher musikalischer Untermalung von Arvo Pärt. Zehn Minuten lang filmt die Kamera ein Auto, das durch die Wüste fährt, durch das Tal des Todes, das im Schein der Sonne golden erstrahlt. Dann zeigt die Kamera zwei junge Männer, deren Freundschaft angedeutet, jedoch nicht erklärt wird; wortlos sitzen sie im Auto, fünf Minuten lang. In den nächsten fünf Minuten sieht man die an ihnen vorüberziehende, apokalyptisch anmutende Landschaft. Sie halten an, steigen aus, beginnen zu laufen, wechseln einige Worte miteinander und verlaufen sich. Die beiden Freunde verirren sich mit einer absurden Selbstverständlichkeit, die an die drei Stooges oder aber an die Marx Brothers erinnert; aus der anfänglichen Gelassenheit wird Besorgnis, die dann in eine tiefe Verzweiflung umschlägt.

Aus Hollywood-Sicht geschieht in diesem Film eigentlich rein gar nichts: Die Kamera filmt die Odyssee der beiden Freunde - Punkt. Die Natur manifestiert sich im Zeitraffertempo, auf bizarre Weise, in Wolkengebilden und Sonnenaufgängen. Mit diesem zum größten Teil improvisierten, langsamen und minimalistischen Film versucht Gus Van Sant, in die Fußstapfen von großen Regisseuren wie Malick oder Belà Tarr zu treten, deren Einfluss in jeder einzelnen Einstellung spürbar wird. Doch im Gegensatz zu den Filmen seiner Kollegen sind einzelne Szenen, und auch die seltenen Dialoge, von einem absurden Humor geprägt, im Stile von: „Ich bin fast gestorben, dann habe ich einen Turban aufgesetzt und jetzt geht es mir besser.“ In diesem Film wird der Zuschauer lachend hypnotisiert, und das eine wahrlich seltene Erfahrung: Man sieht einen Felsen, darauf einen Mann, darunter einen Mann, doch wie kommt man vom Felsen wieder herunter...und dazwischen, in größeren Abständen, Dialoge... Vielleicht sollte man des Rätsels Lösung bei Beckett suchen, beim Warten auf Gerry.

Delphine Valloire


  • Das Bonusmaterial

Saltlake Van Sant begleitet das kleine „Gerry“-Filmteam zur letzten Station der Dreharbeiten – der Salzwüste in Utah, wo sich die beiden Gerrys endgültig in den Labyrinthen ihrer Seele verlieren. Die kleine Videokamera verhält sich bei der Beobachtung der Szenerie genauso zurückhaltend wie Regisseur Van Sant bei der Hilfestellung zum Lesen des Films – keine Interviews mit Darstellern oder Regisseur, dafür einfach nur zusehen, wie einige Verrückte bei Sonnenaufgang in der Wüste auf das richtige Licht warten. Das Interview von Gus van Sant zum Film existiert folgerichtig auch nur auf Texttafeln, als hätte der Regisseur Angst, seine Präsenz würde dem Film etwas von seinem Zauber nehmen. Doch erfährt man hier einige wichtige Informationen über die Herangehensweise an seinen bislang radikalsten Film: kein Drehbuch, dafür Improvisationen mit den Hauptdarstellern vor Ort, sehr zurückhaltende Regieanweisungen – so wollte Van Sant in extremster Art und Weise gegen das herkömmliche Erzählkino à la Hollywood rebellieren, in dem das Publikum mittlerweile, wie Van Sant betont, nur noch an einem Erzähl- und Spezialeffekt-Feuerwerk vorbeigeschoben wird, ohne ihm Zeit zum Nachdenken zu geben. Zurückbleibende essentielle Fragen aber, wie die, ob dieser Film die Monotonie darstellt oder sie verursacht, kann sich nur jeder Zuschauer selbst beantworten.

Martin Rosefeldt


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  • Gerry
Label: Arthaus
Genre: Drama
Produktionsjahr: 2002
Produktionsland: USA
FSK: ab 12 Jahren
Lauflänge: ca. 98 Minuten

  • Darsteller
Matt Damon (Der talentierte Mr. Ripley, Die Bourne Identität, Der Regenmacher, Dogma)
Casey Affleck (Committed, Ocean’s Eleven, American Pie 2)

  • Stab
Regie: Gus van Sant
Drehbuch: Casey Affleck, Matt Damon, Gus Van Sant
Kamera: Harris Savides
Produktion: Dany Wolf

  • Technische Angaben
DVD Bild: 2,35:1 (anamorph)
DVD Sprachen/Ton: Deutsch, Englisch (5.1 Dolby Digital)
DVD Untertitel: Deutsch
DVD Extras: "SaltLake van Sant"-Featurette, Interview mit Gus van Sant (Text), Fotogalerie, Trailer

Erstellt: 11-10-05
Letzte Änderung: 04-11-05