In New York waren Anfang der 1950er Jahre die coolen Sounds von Miles Davis und John Lewis eine Strömung unter vielen anderen. In Kalifornien aber hatte der Jazz des Mulligans Quartetts emblematische Wirkung. Mit den ästhetischen Idealen dieser Gruppe – Zurückhaltung, Aussparung, vibratoloses Spiel, Kontrapunkt, Understatement und Melodie – wurde ein Stilbegriff geboren, der eine ganze Region erfasste: „West Coast Jazz“.
Diese Musik war eine direkte Reaktion auf den Bebop und seine frenetischen Rhythmen. Dezent und flauschig - ein Sound ohne jede Überladung, der Cool Jazz des Gerry Mulligan Quartetts ging einem breiten Publikum ins Ohr. Es waren Soli, deren Melodien man nach dem Konzert nachsingen konnte – das hatte es seit den hektischen Tagen der Boprevolution nicht mehr gegeben. Aber die Improvisationen dieses Quartett waren sehr viel mehr als freundlich. Die zweistimmigen Linien, die Baker und Mulligan improvisierten, strahlen eine seltene Risikobereitschaft und Offenheit aus. Im gemeinsamen spontanen Dialog griffen die beiden Spieler Noten aus der Luft, die wie komponiert wirkten – und manchmal besser als das.
Als Gerry Mulligan 1952 von New York nach Los Angeles kam, tauschte sich der Baritonsaxophonist im „The Haig“ mit Musikern der Szene von Los Angeles aus. Hier auch lernte er den Trompeter Chet Baker kennen. Das „The Haig“ (mehr Wohnzimmer als Jazzbühne) war ein kleiner Club, der nicht mehr als 85 Besucher fasste. Das Piano war von der schmalen Bühne verbannt worden – und so kam es, dass Mulligan während der Jam Sessions mit einer Rhythmusgruppe spielen mußte, die klavierlos war.
Mulligans Konzept des „pianolosen“ Quartetts entstand nicht durch Planung. Erst nach und nach, im Verlauf dieser Jam-Sessions – in einem Prozess des Filterns und Ausprobierens - entdeckte Mulligan, dass diese Instrumentierung eine damals ganz neue Klangreinheit und Verflechtung der Melodielinien zuließ. Eine gesteigerte Kommunikation durch größere Transparenz.
Mulligan – selbst ein passabler Pianist – übernahm das akkordische Geflecht mit dem Baritonsaxophon. Und wohl selten hat ein einstimmiges Blasinstrument diese üppige Funktion so formvollendet und fulminant ausgefüllt wie in dieser Band.
Das Entscheidende am Gerry Mulligan Quartett ist aber nicht, dass es pianolos war. Besonders ist, was es aus diesem Umstand machte: es gewann eine harmonische und melodische Flexibilität, die anders war. Es nutzte die Möglichkeiten, die Musik mit Stille und Melodie aufzuladen, indem es den Charakter jedes Instrumentes voll ausnutzte.
Mit „My Funny Valentine“ schufen der Baritonsaxophonist Gerry Mulligan und der Trompeter Chet Baker einen Evergreen des Jazz. Die Ballade machte das Quartett 1952 über Nacht weltberühmt. Das Magazin „Time“ widmete der Band einen ganzen Artikel, Filmberühmtheiten und Musikergrößen pilgerten ins „The Haig“, um die Mulligan/Baker-Band zu hören.
Aber die luftig-tänzerische Qualität der Musik hatte ihren Preis. Bass und Schlagzeug wurden in die Rolle der dezenten Flüsterer gedrängt. Der Maulkorberlass für die Rhythmusgruppe warf den Bass und das Schlagzeug - Instrumente, die im Bebop gerade neues Selbstbewusstsein gefasst hatten - um einiges zurück. Die Entmachtung der Rhythmusgruppe geht einher mit größerer melodischer Klarheit. Der Weg war frei für zweistimmige Improvisationsgeflechte, wie es sie an komplementärer Kraft („Bernie’s Tune“) nur selten gegeben hat im Jazz.
So unterschiedlich die beiden Menschen Mulligan und Baker dachten, fühlten und handelten - im pianolosen Quartett realisierten sie ein fast telepathisches Level an Interaktion. Der Trompeter Baker fand seine optimale musikalische Umgebung bei Mulligan. Der Individualist par excellence erreichte in dieser Band einen von ihm später nie mehr erreichten kreativen Höhepunkt. Baker war besonders überzeugend, wenn er weich, lyrisch und introvertiert improvisierte, und Mulligan sorgte für die komplementäre Kraft.
Baker machte die Trompete in Titeln wie „Line for Lyons“ zu einem Instrument der Einfühlung und der lyrischen, sanften Qualitäten. Mulligan behandelte das Baritonsaxophon als sei der „Sumo-Ringer“ unter den Saxophonen schon immer dazu bestimmt gewesen, ein hartnäckig swingender Romantiker zu sein. Und in der Tat: So subtil und sensitiv wie bei Mulligan ist auf diesem Tieftöner bis zum Aufkommen des späten John Surman nicht phrasiert worden.
Man hat sich daran gewöhnt, diese Aufnahmen als Inbegriff des Cool Jazz – der höflichen rhythmischen Eleganz – zu werten. In Wahrheit phrasiert das Quartett mit einer vorwärtstreibenden Energie, Spontaneität und rhythmischen Leidenschaft wie sie selbst im Jazz selten ist.
Ein Indiz dafür, wie sehr Mulligan damals wußte, was er wollte, zeigte sich, als das Quartett sein öffentliches Debut geben wollte. Der Drummer Chico Hamilton, der bei den Proben noch auf einem Minimal-Set (nur Snare-Drum, eine Stand-Tom, Hi-Hat und ein Becken) gespielt hatte, fuhr zum Gig mit seinem kompletten Schlagzeugset. Worauf Mulligan intervenierte: “Du wirst mit demselben Zeug spielen mit dem wir geprobt haben, denn das ist der Sound der Band.“
Einen nicht unwesentlichen Anteil am einzigartigen Sound des Gerry Mulligan-Quartetts war tatsächlich eine völlig veränderte Spielweise des Schlagzeugs. Aus dem lauten Power-Instrument wurde ein Medium der Zurückhaltung und des Flüsterns. Nirgendwo im Jazz wurde öfter mit Besen gespielt als hier.
Dabei wird oft übersehen wie wichtig die Rolle von Chico Hamilton – und später: Larry Bunker - in diesem Quartett war. Denn das Schlagzeug, obwohl nun ein Medium der Reduktion, blieb weiterhin ein Motor der Band. In Stücken wie „Turnstile“ und „Swing House“ entstanden Rhythmus-Parts, die einen „Flow“ haben, eine bestimmte Leichtigkeit und Lockerheit, die nicht zulasten der rhythmischen Spannung ging.
Der Baritonsaxophonist Mulligan war ein ausgewiesener Arrangeur und Komponist. Ein großartiger Notist, der 1949/50 im Miles Davis Capitol-Orchester mit seinen raffinierten Voicings im modernen Orchester-Jazz Wegweisendes geleistet hatte. Demgegenüber war der Trompeter Chet Baker ein mäßiger Notenleser. Aber er lernte schnell. Der Schlagzeuger Larry Bunker erinnert sich, dass Baker oft ungläubig mit dem Kopf schüttelte, wenn man ihm bestimmte Changes – Akkordprogressionen – vorlegte. Ein Standardsatz von Baker sei gewesen: „Ich weiß die Akkordwechsel des Songs nicht.“ Antwort Gerry Mulligan: „Du kennst die Akkordwechsel sehr wohl. Du weisst nur nicht ihren Namen.“
Vorm ersten Spielen eines Stückes fragte Chet Baker oft, was denn seine „Ausgangsnote“ sei. Von dort aus navigierte sich der Trompeter mit seinem phänomenalen Gehör souverän durch das Stück. Was Mulligan mit den Worten quitierte: „Chet war einer der intuitivsten Musiker, die mir je begegnet sind“.
Gerry Mulligan war der große Planer, Chet Baker der große Augenblicksmensch in diesem Quartett. Was der Bartionsaxophonist und Arrangeur Mulligan seinem Partner an Strategie und Arrangiertalent voraus hatte, das machte der Trompeter Baker durch seine überragenden Spontanqualitäten mehr als wett. Ihr Interplay ergab mehr als die Summe der einzelnen Teile. Und auch in „Love Me Or Leave Me“ schufen sie Juwelen des Cool Jazz – intuitiv improvisierte Musik.
Schon früh entstanden Spannungen in der Band.
Chet Baker agierte wie ein jugendlicher Rebell, er liebte den Flirt mit der Gefahr. Demgegenüber war Gerry Mulligan der kultivierte Kopfmensch, ein extrem ehrgeizer Arrangeur. Immer öfter gerieten die beiden aneinander. Dass beide 1953 heroinabhängig waren, machte die Sache nicht leichter. Der Schlagzeuger Chico Hamilton erinnerte sich, dass er bei Auftritten eingreifen mußte, damit beide auf offener Bühne nicht handgreiflich wurden.
So ruppig es privat zwischen dem Trompeter und dem Baritonsaxophonisten zuging - in der Musik war es genau umgekehrt. Wenn sie erst einmal angefangen hatten zu improvisieren, bekam die Musik eine Unschuld, die grenzenlos schien. Ihre Linien - etwa in „Makin’ Whopee“ - waren so innig und unzertrennlich, als könnte kein Wässerchen diese perfekte Harmonie trüben.
Die Band war auf einem Höhepunkt, als Gerry Mulligan 1953 wegen Drogenbesitzes verhaftet und zu einer Gefängnisstrafe von sechs Monaten verurteilt. Das bedeutete das Ende dieser Formation. Baker gründete sein eigenes Quartett mit dem Pianisten Russ Freeman, und stieg – gepusht von der Plattefirma „Pacific“ – zu kometenhaftem Ruhm auf.
Als Mulligan aus dem Gefängnis entlassen wurde, war der Trompeter so populär, dass er nicht mehr bereit war, die Gage eines Sideman anzunehmen. Und so gründete Gerry Mulligan ein Quartett mit dem damals noch relativ unbekannten Ventilposaunisten Bob Brookmeyer. Der Baritonsaxophonist sollte danach noch viele andere „pianolose“ Quartette leiten. Keines aber sollte in Sachen Improvisation jenen Grad an traumwandlerischer Interaktion erreichen wie jenes 1952/1953 mit dem Trompeter Chet Baker. Nie wieder würde eine Band so klingen: diese Aufnahmen sind Meisterwerke der Luftigkeit, Spontaneität, Kommunikation und Eleganz.
Text: Günther Huesmann
The Complete Gerry Mulligan/Chet Baker RecordingsDefinitive 1952/53 (4 CD)






per E-Mail verschicken
Facebook
Twitter
RSS

