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Wien 1900

Zu Gustav Mahlers 100. Todestag am 18. Mai entführt ARTE nach Wien

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Wien 1900

Zu Gustav Mahlers 100. Todestag am 18. Mai entführt ARTE nach Wien

Wien 1900

25/05/11

Gesamtkunstwerk Wien

Hommage an Beethoven 1902

„Der Zeit ihre Kunst, der Kunst ihre Freiheit“
Motto, gedichtet von Kunstkritiker Ludwig Hevesi, über dem Eingang des Ausstellungshauses der Wiener Secession

Für die Künstler der Wiener Secession, die 1897 die konservative Genossenschaft bildender Künstler verlassen und ein Jahr später ihr eigenes Künstlerhaus eingeweihen, verkörpert Beethoven das Genie schlechthin. Sie würdigen ihn mit einer Ausstellung, in der u.a. Gustav Klimt die Ode an die Freude in Bilder umsetzt und Max Klinger den Komponisten mit einer Statue feiert.

"Die Affaire Klimt"
Dokumentation

Montag, 16. Mai 2011 um 23.50 Uhr
und
Montag, 30. Mai 2011 um 10.15 Uhr

Klimt und das Gesamtkunstwerk

Ein Artikel von Barbara Steffen

Für die vierzehnte Ausstellung der Wiener Secession von April bis Juni 1902 hatten sich die Künstler und Mitglieder der Wiener Secession zu einer Kunstpräsentation entschlossen, die dem Gedanken des Gesamtkunstwerks konsequent verpflichtet war und auf eine ästhetische Sakralisierung zielte. Leitmotiv war Ludwig van Beethoven, dessen 9. Sinfonie als realisierte Utopie angesehen wurde: Vor allem ihr Schlusssatz mit der Ode »An die Freude« sei imstande die leidende Menschheit durch Kunst zu erlösen.

Im Mittelpunkt sollte Max Klingers monumentale Beethoven-Skulptur – Abbild des idealen Künstlers – stehen, ansonsten galt die Prämisse, sämtliche Details der Wirkung des Ganzen unterzuordnen. Josef Hoffmann, der das Gesamtkonzept arrangierte, entwickelte für die Ausstellung eine »puristische Architektur«: schlichte weiße Wände im Sinne eines Tempels als unprätentiöser Rahmen für die Kunst, unterbrochen nur durch dessen Supraportenreliefs (die schachbrettartig gemusterten Ränder zählen heute zu den wichtigsten Werken früher abstrakter Kunst in Österreich).
Wien zum Hören
Gustav Sisyphus Mahler schreibt eine neunte Sinfonie


Der Komponist Mahler sprengte alte Formen und inspirierte junge Kollegen wie Arnold Schönberg und Hugo Wolf oder Alban Berg. Für Mahler selbst war Beethoven das große Vorbild und nicht nur für ihn.

Lesen Sie hier einen Artikel von Musikwissenschaftler Dariusz Szymanski - bereichert um aufschlussreiche Hörbeispiele

Mit der Beethoven-Ausstellung wurde ein Gesamtkunstwerk verwirklicht, indem Maler, Bildhauer und Architekten zum selben Thema ihre je eigenen Werke schufen, die sich in ein gemeinsames großes Kunstwerk fügten. Gustav Mahler, damaliger Wiener Operndirektor, dirigierte anlässlich der Eröffnung Beethovens Musik. Mit dem Abbau der Ausstellung sollten, außer Klingers Beethoven-Statue natürlich, alle Werke vernichtet werden.

Erlösung durch die Kunst

Aber es kam anders: Klimts Beethoven-Fries– von den einen gehuldigt, von den anderen, konservativen Kritikern und Künstlern als hässlich verfemt, längst jedoch als eines seiner Meisterwerke anerkannt – entkam der Zerstörung ebenso wie eine Reihe sonstiger Werke, die nach der Ausstellung Käufer fanden. Der 33 Meter lange Fries ist im Geiste von der Ode »An die Freude« inspiriert, trägt also den Gedanken der Erlösung durch die Kunst – durch Malerei und Poesie – in sich. Klimts Bilderzyklus besteht aus einer Folge von Figurengruppen: Schwebende Frauengestalten symbolisieren die Sehnsucht nach dem Glück. Ein stehendes Mädchen und ein kniendes Paar mit ausgestreckten Händen stellen die Leiden der schwachen Menschheit dar. Sie richten ihr Gebet an den Wohlgerüsteten Starken, der vor zwei Frauengestalten, Ehrgeiz und Mitleid, steht. Der Gigant Typhoeus und seine Töchter, die drei Gorgonen, symbolisieren die Feindlichen Gewalten, daneben die Wolllust, Unkeuschheit und Unmäßigkeit. Maskenhafte Köpfe befinden sich im Hintergrund, die Krankheit, Wahnsinn und Kummer darstellen.
Nach den Schwebenden Genien war die Wand durchbrochen und gab den Blick frei auf Klingers Beethoven. Danach bringt auch Klimts Fries die Erlösung: Poesie und Künste leiten über zum Chor der Paradiesengel. Zum Schluss als Krönung des Frieses ein sich umarmendes Liebespaar, der »Kuß der ganzen Welt« aus der Ode. Diese Arbeit wurde vom damaligen Publikum einerseits hoch gelobt, andererseits von Klimts Kritikern als scheusslich und grauenhaft abgetan.

Autorin Barbara Steffen war Kuratorin der vielbesuchten Ausstellung Wien 1900 in Basel.

Werfen Sie einen Blick
auf die Website der im Februar 2011 beendeten Schau
Wien 1900

oder in dem hervorragenden Katalog:

Wien 1900. Klimt, Schiele und ihre Zeit
von Barbara Steffen
Hatje Cantz Verlag

Zwischen Glamour und Verarmung

Das Fries wurde viele Jahre in Depots aufbewahrt und erst wieder 1986 nach vollkommener Renovierung der Secession und Restaurierung der Friesteile im Untergeschoß der Secession wieder aufgebaut. Heute ist es eines der bekanntesten Kunstwerke aus dieser Zeit, das die kulturpolitische Situation Wiens um 1900 aufzeigt. Kunst und Mäzen auf der einen Seite, aber auch Krankheit, Ungerechtigkeit und Leid waren in Wien Teil der gesellschaftlichen Realität.
Das glamouröse und hochstilisierte Leben in Wien, in dem es um die reinen Künste ging, war nur eine Seite der Medaille. Zum größten Teil waren die Künstler verarmt, hatten zu wenige Aufträge, wurden von Kunstkritikern angefeindet und hatten oft ein schweres Leben.

Der Revolutionär Klimt

Gustav Klimt der Maler der schönen Frauen und traumhaften Landschaften, so wie wir ihn heute kennen, hatte jedoch auch eine andere künstlerische Seite. Als er seine Fakultätsbilder für die Universität zwischen 1894-1905 fertig stellte (zum Thema Philosophie, Medizin und Recht) war es deutlich, das der Künstler die Wiener Ärzte, Philosophen und Juristen kritisierte. Alle drei Werke, die später verbrannten, waren als harte Stellungnahme der Wiener Gesellschaft gegenüber gedacht. Klimt war im Grunde ein Revolutionär, der sich gegen die Normen der damaligen Kulturpolitik stellte und die feine Gesellschaft Wiens sehr zynisch betrachtete. Nachdem die Fakultätsbilder viel Empörung bei den Auftraggebern auslösten, fanden diese Werke niemals ihren Weg in die Universität. Klimt zog seine Werke zurück und sie wurden von einem privaten Förderer angekauft. Von nun an wandte sich der Künstler von den gesellschaftspolitischen Themen ab. Auch das Werk „ Goldfische - An meine Kritiker“ von 1901/02 war ein Schlag ins Gesicht für die konservativen Kräfte Wiens gewesen: Die rothaarige mit dem Rücken zum Maler dargestellte weibliche Figur, zeigt vor allem ihr rundes Hinterteil dem Betrachter. Der Titel sagt schon alles aus, was Klimt von seinen Kritikern hielt.

Damenporträts und Landschaftsbilder statt Gesellschaftskritik

Ab 1905 widmete er sich nur noch den „schönen“ Themen der Kunst: Klimt wurde der bekannteste Maler von Damenporträts im Wien der Jahrhundertwende und war finanziell unabhängig, nachdem seine Förderer die meisten Porträts bei ihm in Auftrag gaben. Auch die Landschaften Klimts waren aus reiner Freude an der Natur entstanden, und so wurde Klimt zwar zum Maler der Wiener Epoche, die Auseinandersetzung mit ernsten Themen dieser krisenhaften Zeit blieb jedoch aus. Vielleicht hätten wir Klimts freies Gedankengut und seine liberale Einstellung in noch vielen Werken gesehen, hätte er seine Kritiker nicht so ernst genommen.

Das Gesamtkunstwerk Wiens bestand darin, das alle Künstler, vorrangig der Vorreiter Gustav Klimt, jegliche Form der Kunst als gleichwertig verstanden. Es gab keine Trennung mehr zwischen „hoher“ und „niedriger“ Kunst, zwischen dekorativer, angewandter Kunst und den hohen Disziplinen Malerei und Skulptur. Malerei, Design, Architektur, Innenraumgestaltung, grafische Gestaltung von Gebrauchsobjekten und Mode waren im Fin de Siecle gleichwertig. Künstler wie Klimt, Hoffmann, Wagner, Moser und die Künstler und Ausführenden der Wiener Werkstätte schafften ein Gesamtkunstwerk das den zeitgenössischen und demokratischen Zeitgeist in Wien um die Jahrhundertwende manifestierte. Ihre Weiterführung fand sich später im Bauhaus und in der De-Stijl Bewegung. Demnach war Wien im Fin de Siècle, neben Schottland und England, Begründer der Moderne.


Barbara Steffen

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Barbara Steffen war Kuratorin der vielbesuchten Ausstellung Wien 1900 in Basel.

Werfen Sie einen Blick:
auf die Website der im Februar 2011 beendeten Schau
Wien 1900

oder in den hervorragenden Katalog:

Wien 1900. Klimt, Schiele und ihre Zeit
von Barbara Steffen
Hatje Cantz Verlag

Sehen Sie hier einen Bericht zur Ausstellung Wien 1900 in der Stiftung Beyeler, Basel:




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Bildnachweis:
Ausschnitt aus dem Beethovenfries: "Krankheit, Wahnsinn, Tod" von Gustav Klimt
Copyright: Österreichische Galerie Belvedere



Erstellt: 20-04-11
Letzte Änderung: 25-05-11


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