
Synopsis: Das Heimmädchen Nina (Julia Hummer) lernt die Streunerin Toni (Sabine Timoteo) kennen. Sie verbringen Zeit miteinander. Klauen Klamotten um zu einem Casting zu gehen und werden auf eine Party eingeladen. Eine Französin taucht auf. Sie behauptet, Ninas Mutter zu sein.Kritik: In Petzolds Film Die innere Sicherheit (2000) spielte Julia Hummer die Tochter eines RAF-Pärchens, das seit zwanzig Jahren untertaucht, und gerne einmal ein ganz normales Leben führen würde. Auch diese Kleinfamilie hat etwas gespenstisches an sich, und nicht zufällig hatte der Film den Arbeitstitel Gespenster. Während andere Filmemacher um das Leben ausserhalb der Normalität bemüht sind, kommt Petzold genau aus der anderen Richtung: „Ich mag es, wenn die Figuren von Anfang an außerhalb der Normalität stehen, wenn sie von draußen kommen. Ich mag dieses Bestreben der Figuren, normal zu werden, Teil irgendeiner Normalität oder eben der Vorstellung von Normalität zu werden.“
Nina ist auf der Suche nach Zuneigung. Als ihr Tina ihre Freundschaft anbietet, geht sie dankbar darauf ein, und folgt ihr willenlos überallhin. Völlig unerwartet taucht eine reiche Französin auf, und meint ihre Mutter zu sein. Nina folgt ihr in ein Hotel und lässt sich zum Frühstücken einladen. Alles könnte so wunderbar werden, und Nina, die zuvor kaum etwas sagt und geradezu transparent wirkt, hat zum ersten Mal ein kleines Leuchten in ihren Augen. Doch da kommt auch schon der Mann der Französin und behauptet, seine Frau sei geistig krank. Ihre Tochter sei tot. Sie suche sie dennoch seit Jahren nach ihr, und glaubt sie immer wieder zu finden. In ihrer Handtasche trägt sie ein Foto, auf dem per Computer das Bild der dreijährigen Tochter einem Alterungsprozess unterworfen wurde. Gespenstisch.
Die sorgsam ausgewählten Drehorte – ein unbelebter Park, grosse leere Parkplätze, unmenschliche Shopping Mall Architektur – verstärken den gespenstischen Eindruck einer Stadt, in der jede menschliche Wärme verlorenging. Die knappen Dialoge unterstreichen die Kälte der Atmosphäre. Als Nina nach einer Party in einem fremden Haus aufwacht, und dort ihre Freundin Tina sucht, findet sie nur die Frau des Gastgebers. „Wo ist Tina?“ fragt sie unsicher. „Die ist mit meinem Mann zum Ficken“, erwidert diese und fügt hinzu: „Hau ab.“
Christian Petzold ist nach Die innere Sicherheit und Wolfsburg wiederum ein stilles, kleines Meisterwerk gelungen. Aber diesmal eines, das den Weg in den Wettbewerb geschafft hat.
Nana A.T. Rebhan
Kritik: Ist „Gespenster“ ein französischer oder ein deutscher Film? Christian Petzolds neues Werk ist nicht ohne weiteres einzuordnen (und das gereicht ihm zur Ehre). Einerseits zeigt er alle Merkmale eines französischen Autorenfilms, andererseits verbreitet er die Atmosphäre und den Eindruck dumpfer Gewalt, die dem deutschen Kino eigen ist.Petzold ist in beiden Kulturen verhaftet, die sich im Übrigen zunehmend annähern. Sehr subtil, mit einer Art „gekreuztem Blick konstruiert er die Geschichte um seine vier Hauptfiguren herum. Sie geben den narrativen und emotionalen Ton vor. Da sind zum einen zwei deutschen Mädchen, die sich in ihrer Verlorenheit begegnen und spontan mögen. Zwischen ihnen entfaltet sich eine geheimnisvolle Sinnlichkeit. Auf der anderen Seite steht ein traumatisiertes französisches Mittelstandsehepaar, dessen Tochter vor Jahren entführt wurde und das nicht vergessen kann.
Anstatt seine Protagonisten einfach zusammenzuführen, zieht es Petzold vor, ihre beiden Welten schockartig aufeinander prallen zu lassen. Um den gewünschten Effekt zu erzielen, greift Petzold zum Übernatürlichen. Ab hier baut sich dann langsam der Spannungsbogen auf, den Petzold durch das stetige Streuen von Zweifeln und eine bedeutungsschwangere Ästhetik verstärkt, die den Zuschauer geschickt im Unklaren lässt, ihn in die Irre führt, vor ihm schemenhafte Gestalten auftauchen und wieder verschwinden lässt, und ihn bis zum Schluss in dieser Geschichte um und über „Gespenster“ gefangen hält. Petzold hält die Ungewissheit aber nicht bis zur letzten Minute mit scheinbar ins Leere laufenden erzählerischen Windungen aufrecht. Stattdessen liefert er am Ende eine verblüffend scharfe Vision der Sorgen und Kümmernisse der modernen Zeit.
Olivier Bombarda






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