Wo kommt die Geschichte her? Wie ist Ihr erster Spielfilm, „Seit Otar fort ist…“, entstanden? Julie Bertuccelli: Am Anfang stand eine Geschichte, die mir eine Freundin erzählte und die zur Grundidee meines Films wurde. Diese Freundin musste den Tod ihres Onkels jahrelang vor ihrer Großmutter geheim halten. Gemeinsam mit ihrer Mutter verschwiegen sie die Wahrheit, aus Angst, die Großmutter würde aus Kummer über den Tod ihres Sohnes sterben. Ich hatte diese Geschichte bereits vor langer Zeit aufgeschnappt. Drei Jahre später bin ich ihr dann wieder begegnet. Die Lüge wurde noch immer aufrechterhalten, was mich total fassungslos machte. Zugleich war es aber auch Antrieb und Inspiration. Ich sah darin die Möglichkeit, über meine Beziehung zu meiner Mutter und Großmutter zu sprechen – vieles, was mir am Herzen lag und sich in diese Geschichte einbringen ließ.
Ich wollte in Georgien drehen, weil sich die Geschichte tatsächlich dort zugetragen hat, aber auch, weil ich von einem ehemaligen Ostblockland erzählen wollte. Lügen haben in diesen Ländern, die zahlreichen politischen Lügen ausgesetzt waren, einen ganz besonderen Beiklang. Außerdem geht es in meinem Film ums Exil und um den Traum Frankreich.
Er erzählt auch die Geschichte von Frauen dreier Generationen, die drei Lebensabschnitte verkörpern, so als handle es sich um dieselbe Frau.Julie Bertuccelli: Damit wollte ich zum Ausdruck bringen, dass wir manchmal unsere Eltern oder Grosseltern nicht verstehen, obwohl wir zu guter Letzt alle so ziemlich dasselbe tun. Diese Geschichte zeigt auch, wie man sich von Generation zu Generation in denselben Lügen und Schwierigkeiten verstrickt, solange die Dinge nicht geklärt sind.In Ihrem Film hat jeder einen anderes Verhältnis zur Lüge.
Julie Bertuccelli: Deshalb wollte ich, dass sie auf verschiedenen Ebenen dargestellt wird: es gibt die kleinen, alltäglichen Lügen, die große Lüge dieser Familie und die politische Lüge in der Geschichte Georgiens. Und obendrein die Lüge als Kunst, denn die Frauen sind dazu gezwungen, ein Leben zu erfinden, sich das Leben eines Toten auszumalen, was die junge Frau beinahe dazu treibt, Schriftstellerin und damit Künstlerin zu werden. Wenn die Lüge auch ihre schlechten Seiten hat, so bringt sie die Frauen doch dazu, all das, was sie als tragisch erleben, zu verwandeln und etwas daraus zu machen (…).
Im Mittelpunkt des Films steht besagter Otar, abwesend und doch allgegenwärtig für die drei Frauen.Julie Bertuccelli: Wir haben uns ganz bewusst entschieden, ihn nicht zu zeigen, weder auf einem Photo noch mittels eines ersten, von ihm verfassten Briefs. Das war schwierig, aber auch interessant vom Drehbuch her, denn er bleibt nun einmal die Hauptperson und das Rückgrat des ganzen Films. Wenn man auch manchmal von einem Frauenfilm spricht, so ist doch Otar der Mittelpunkt aller Sehnsüchte, Eifersüchteleien, Wünsche und Manipulationen.
Bei der Regieführung waren Sie auf eine gewisse Schlichtheit und Nüchternheit bedacht. In der ersten Szene des Films zum Beispiel gibt es keine Dialoge, alles wird durch einen Blick zum Ausdruck gebracht.
Julie Bertuccelli: Das erscheint nur als schlicht; natürlich ist es in Wahrheit das Schwierigste überhaupt. Die Regie so diskret und einfach wie möglich zu halten, erfordert viel Arbeit. Jedenfalls wollte ich so viel wie möglich durch Schweigen ausdrücken, obwohl im Film auch geredet wird. Aber während der Dreharbeiten war es alles andere als einfach, Dialoge herauszuschneiden und so Regie zu führen, dass Ideen, Empfindungen und Emotionen auf andere Art zum Ausdruck kommen: durch Blicke und Situationen, die stärker sind als Dialoge. Genau wie im wahren Leben, wo ja auch nicht so viel geredet wird! Das Schweigen spiegelt auch die Lüge im Nichtsagen wider, das die Frauen erleben. Sie sind Lügnerinnen, die reden, zugleich aber gerade das Wichtigste verschweigen (…).
Haben Sie an dieser Distanz und Zurückhaltung der Kamera gearbeitet? Julie Bertuccelli: Ja, aber das habe ich wohl auch schon bei meinen Dokumentarfilmen getan. Es ist meine Art, die Welt zu sehen (…). Mit den Schauspielerinnen haben wir dahingehend gearbeitet, dass sie so glaubwürdig wie möglich wirken und nie übertreiben. Wir hatten auch viele Laiendarsteller. Der Klinikchef zum Beispiel ist echt! Wir haben versucht, bis zu einem gewissen Grad mit der Wirklichkeit zu spielen, waren uns aber gleichzeitig bewusst, dass es sich doch immer um eine Fiktion handelt und nicht um einen Dokumentarfilm. Ich mag es, wenn sich die Dinge so vermischen. Außerdem hatten wir ein sagenhaftes georgisches Team. Dieses Land, dem ich mich vielleicht aufgrund meiner mediterranen Herkunft sehr nahe fühlte, nahm uns wirklich auf. Es ist ein sehr buntes Land, anderen Kulturen gegenüber extrem offen. Ich habe mich wie zu Hause gefühlt. Es war ein wahrer Glücksfall, dort arbeiten zu dürfen.
Sie haben die Dreharbeiten als Alptraum bezeichnet. Erzählen Sie uns, was passiert ist.
Julie Bertuccelli: Dreharbeiten allgemein sind ein Alptraum, sie bedeuten Frustrationen und Schwierigkeiten, sie sind die schlimmste Phase bei der Entstehung eines Films. So sehe ich das jedenfalls. Aber ich bin nicht die einzige, die so denkt; Otar Iosseliani erlebt sie auch so. Es ist der schwierigste Zeitpunkt. Man hat 50 Personen um sich, man muss zu allem eine Meinung haben, alles besprechen, und jede Stunde kostet ein Vermögen. Die Dreharbeiten in Georgien waren manchmal wirklich abenteuerlich, denn dort gibt es Wasser- und Stromausfälle, oft sind die Strassen in sehr schlechtem Zustand, und das gesamte Material musste aus Frankreich angeliefert werden. Wir hatten ein tolles Team und eine Produzentin, die uns wirklich sehr geholfen hat.
Kam der Film in Georgien in die Kinos?Julie Bertuccelli: Ja, vor nicht allzu langer Zeit, vor ungefähr sechs Monaten. Da der Film auf einer wahren Geschichte beruht und besagte Großmutter noch am Leben war, musste alles getan werden, damit sie den Film nicht sieht und womöglich Verdacht schöpft, denn sie war noch immer nicht auf dem Laufenden. Sie ist dann leider vor ungefähr einem Jahr gestorben. Das war sehr traurig, aber wir konnten den Film nun zeigen ohne dabei zu riskieren, dass sie dadurch etwas erfährt und die Lüge, die fast 15 Jahre angedauert hatte, aufgedeckt wird.
Der Film lief bereits vor ein paar Jahren an. Was bleibt Ihnen heute davon?
Julie Bertuccelli: Sehr viel. Das lässt sich nicht auf eine Sache beschränken. Für mich bleibt das ein Teil meines Lebens, der eine ganze Menge bedeutet: Georgien, meine Freunde dort, wie ich mit dem Film mitgelebt habe. Und die sehr schöne Begegnung mit meiner Produzentin Yaël Fogiel von Les Films du Poisson, mit der ich auch weiterhin zusammenarbeite. Außerdem wurde der Film gut aufgenommen, erhielt Preise. Es geht letztlich um vier oder fünf Jahre meines Lebens. Das lässt sich nicht auf eine einzelne Sache oder Anekdote reduzieren. Der Film bleibt, er ist immer noch da. Jetzt heißt es nach vorne schauen…






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