Kubrick begann als Fotograf.Kubrick war Autodidakt, was größtenteils sein Image des „ungeschliffenen“ Filmemachers begründet. Seit seiner Jugend begleiteten ihn drei Leidenschaften. Zum einen die Fotografie: er arbeitete etwa fünf Jahre lang als Fotoreporter für die amerikanische Zeitschrift „Look“. Dann das Schachspiel, was ihm auch ein bisschen Geld einbrachte. Und schließlich der Jazz. Damit ist schon einiges über sein Universum als Filmemacher gesagt: Die Fotografie schulte seinen Sinn für die Kameraeinstellung, der Jazz das Gefühl für Rhythmus, und das Schachspiel entsprach ganz einfach seinem Weltbild.
In „Day of the Fight“, einem 15-Minüter, erzählt Stanley Kubrick von einem Boxer, der einen überraschenden Sieg erringt.
Die Idee zu dem Kurzfilm kam Kubrick aufgrund einer Reportage über den Boxer Walter Cartier, der beim Training, im Ring und nach dem Kampf gezeigt wird. Es gelang Kubrick, diesen Kurzfilm dem amerikanischen Fernsehen zu verkaufen. Er verspürte dann sehr schnell den Wunsch, in die Kinoproduktionen einzusteigen. Sein erstes Werk „Fear and Desire“ war jedoch ein Flop und ist heute in keinem Archiv mehr zu finden.
Darauf folgte „Der Tiger von New York“.
Dieser Film leitete die Nouvelle Vague ein. Der Dreh fand in den Straßen von New York statt. Kubrick machte alles selbst – Drehbuch, Regie, Bildeinstellung und Schnitt. Es ist sein einziger Film, der in der New Yorker Livekulisse gedreht wurde. Die Kulisse von „Eyes Wide Shut“ ist dagegen eine Studionachbildung der amerikanischen Metropole.
Danach drehte er wieder einen Krimi: „Die Rechnung geht nicht auf“.
Viele „linke“ amerikanische Filmemacher von Jules Dassin bis John Huston haben sich mit dem Krimigenre befasst, das besonders geeignet ist, die Schattenseiten Amerikas aufzuzeigen. Es handelt sich außerdem um ein Genre, das große Wagnisse und formale Neuerungen zulässt. In „Die Rechnung geht nicht auf“ wird die chronologische Erzählung aufgebrochen und die gleiche Geschichte aus fünf unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Kubrick bestand von Anfang an auf einer besonderen Erzähltechnik und zog für das Drehbuch zum ersten Mal nach einem Mitarbeiter heran. So brachte der Schriftsteller Jim Thompson seinen Dialogstil und seine Erzählweise ein. Durch diesen Film lernte Kubrick auch den Produzenten James B. Harris kennen, der auf der Suche nach einem jungen Regietalent war. Beide gründeten eine Filmgesellschaft, die u.a. „Wege zum Ruhm“ und „Lolita“ produzierte.
Ab dieser Zeit verfilmte Kubrick fast nur noch Romane.
Genau so wie er auch seine Filmmusiken aus vorhandenen Kompositionen auswählte. Er betrachtete sich nicht als echten Drehbuchautor oder „Geschichtenerzähler“. Anstatt ein Originaldrehbuch zugrunde zu legen, schöpfte Kubrick lieber aus dem reichen Schatz der Literatur und fand stets ein Werk, das seiner Weltsicht entsprach. Er ging immer von bereits vorhandenem Material aus, das er für seine Bedürfnisse überarbeitete. Er engagierte deshalb nie professionelle Drehbuchschreiber, denn Formeln und Vorgefertigtes waren ihm zuwider. Kubrick arbeitete mit Schriftstellern zusammen, die vorher nie für das Kino geschrieben hatten. Lediglich bei „Uhrwerk Orange“ und „Barry Lyndon“ war er der Meinung, die Romanvorlagen allein seien ausreichend. Die schwierigen Dreharbeiten zu „Spartacus“ waren ausschlaggebend für seine Entscheidung, künftig mit Schriftstellern und nicht mit Drehbuchautoren zusammenzuarbeiten. Er ärgerte sich über Hollywood-Stars, die Methoden jener Traumfabrik und über den kommunistisch eingestellten Drehbuchautor Dalton Trumbo. Er kehrte Hollywood den Rücken und produzierte Filme fortan nach seinen eigenen Vorstellungen.
Er adaptierte bedeutende Werke für den Film, u.a. „Shining“ von Stephen King.
Der Autodidakt hat die Freiheit, sich über die Kritik hinwegzusetzen und nur seinen eigenen Vorlieben zu folgen. Nach „Lolita“ verfilmte er allerdings keine großen Romane mehr, wie auch „Die Memoiren des Junkers Barry Lyndon“ von William Thakeray oder die „Traumnovelle“ von Arthur Schnitzler. Bei der Verfilmung von Stephen Kings Roman „The Shining“ nahm er sich alle Freiheit und machte daraus ein Werk über die Furcht vor Einsamkeit und Anonymität, was Kubricks eigene Ängste widerspiegelt. Der Film hatte bei den King-Fans keinerlei Erfolg, und auch Stephen King mochte ihn nicht.
Soweit ich gelesen habe, waren Kubrick Inhalt und Konzept wichtiger, als die Art der Darstellung, was allerdings nicht ausschloss, dass er außergewöhnlich schöpferische Bilder präsentierte.
Stanley Kubrick war in erster Linie ein Denker. Im Mittelalter hätte er wahrscheinlich die Thora kommentiert oder wäre Alchimist gewesen. Bei Kubrick hat jede Einstellung Symbolgehalt. Man denke an „2001 : Odyssee im Weltraum“: ein am Himmel schwebender Knochen verwandelt sich in ein Raumschiff – formaler und inhaltlicher Aspekt bilden eine Einheit. Mehr noch. Er wollte es besser machen, als die großen Cineasten vor ihm, die er in seiner Jugend entdeckt hatte.
Mit „Dr. Seltsam oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ zeichnet er eine Komödie von beißendem Humor über den Kalten Krieg. Offenbar war es das erste Werk, das von der Kritik einhellig gut aufgenommen wurde. Kubrick wurde in den USA stets sehr kritisiert. „Dr. Seltsam“ wurde eher positiv aufgenommen, „2001: Odyssee im Weltraum“ dagegen von der New Yorker Kritik zerrissen, ebenso „Barry Lyndon“ und „Shining“. „Full Metal Jacket“ wurde unterschiedlich beurteilt, „Eyes Wide Shut“ von der Kritik begeistert aufgenommen. Kubrick interessierten lediglich die Stimmen, die ihm Zuschauer einbrachten. Seit „2001 - Odyssee im Weltraum“ kümmerte er sich nicht mehr um die Kritik; denn seiner Meinung nach war ein bedeutender Film entstanden und er verstand nicht, warum er negativ beurteilt wurde. Er mochte das intellektuelle Streitgespräch, wollte jedoch nicht kritisiert werden.
Fortan ließ er immer mehr Zeit zwischen seinen Projekten verstreichen. Lag das an seinem legendären Perfektionismus?
Der Wille, über alles die Hand zu halten, entspringt einer Überlegung zum Gang der Geschichte: Er war überzeugt, dass unabhängig von der Qualität der Vorbereitung irgendwann immer Sand ins Getriebe kommt. Das ist übrigens das Thema seiner meisten Filme wie „Der Weg zum Ruhm“, „Dr. Seltsam oder wie ich lernte, die Bombe zu lieben“, „Barry Lyndon“, „Full Metal Jacket“ und „Eyes Wide Shut“, in denen immer eine geltende Ordnung ins Wanken gerät. Diese Erkenntnis ließ ihn das Irrationalen oder eine Fehlleistung so sehr fürchten und führte dazu, alles unbedingt kontrollieren zu wollen.
Kubrick war mit der Psychoanalyse sehr vertraut. Sigmund Freud sprach immer wieder davon, dass der Mensch dem in ihm schlummernden Tier ausgeliefert sei. Deshalb bekämpfen auch die Faschisten, die alles einer Rationalität unterordnen wollen, so sehr die Psychoanalyse.
Schätzte Kubrick seine Schauspieler?
Er schätzte diejenigen, die das gewisse Etwas mitbrachten, wie Malcolm McDowell, der zur Musik „Singing in the rain“ in „Uhrwerk Orange“ improvisierte. Er bewunderte besonders Peter Sellers, der laut Kubrick als einziger dazu in der Lage war, während der Dreharbeiten zu improvisieren. In Kubricks Filmen gibt es zwei Typen von Schauspielern: die expressionistischen, „übernatürlichen“ Schauspieler wie George C. Scott, Peter Sellers oder Malcolm McDowell, und die neutralen, fast ausdruckslosen, wie Matthew Modine in „Full Metal Jacket“, Ryan O’Neal in „Barry Lyndon“ oder Tom Cruise in „Eyes Wide Shut“. Denen entlocken Beleuchtung und Bildeinstellung den Ausdruck.
Wie ging er mit der Filmmusik um?
Die Musik ist für den Film immer unverzichtbar. Sie verhält sich kontrapunktisch zur Erzählung. Die Musik von Johann Strauß in „2001: Odyssee im Weltraum“ suggeriert, dass die Welt im Jahre 2001 durchaus nicht aus den Fugen geraten ist. Ein ebensolcher Kontrapunkt wird mit „Singing in the rain“ in der Vergewaltigungsszene in „Uhrwerk Orange“ erzielt.
Welche Erinnerung verbinden Sie mit dem Menschen und Filmemacher Stanley Kubrick?
Kubrick beantwortete Fragen mit großem Ernst, war jedoch manchmal äußerst distanziert, ironisch, oft auch amüsant. Er war sehr interessiert und es war beinahe unmöglich, Kubrick zu treffen, ohne selbst von ihm interviewt zu werden. Er versuchte immer, an Informationen zu gelangen, während man sich mit ihm unterhielt.__






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