Alfred Hitchcock gilt immer noch als unerreichter „Meister der Spannung“. Das verdankt er nicht zuletzt seinen großartigen Mitarbeitern. Der Filmjournalist und Hitchcock-Kenner Rolf Giesen holt das Team des genialen Egozentrikers aus dem Schattendasein.
Alfred Hitchcock war das, was man einen „Autorenfilmer“ nennt. Nicht unbedingt ein „auteur“ im Sinne der Nouvelle Vague, der Autor und Regisseur in sich vereint, aber ein Meister mit unverwechselbarer Handschrift und ebensolchem Profil, der sich seit Truffauts Interviewband durchaus als Autorenfilmer sah. Dass der französische Starregisseur ihn interviewen wollte, hatte ihm sehr geschmeichelt und ihn in den Olymp der
Kinematografie erhoben. Aber Hitchcock war kein Poet. Er war ein Mechaniker mit einem guten Gespür für Plot und Suspense.
Alma Hitchcock, das Adlerauge
Er und seine Frau Alma, selbst erfahrene Filmdramaturgin, Cutterin und eine allseits anerkannte Autorität, mochten nichts dem Zufall überlassen. Die Filme entstanden wie am Reißbrett. Sie wurden minuziös
geplant, Szene für Szene. „All the action on the set, nothing on the screen“, wehrte er sich gegen übertriebene, hektische Improvisation am Drehort. In allen Fragen blieb Alma, still und leise, seine engste Vertraute und aufmerksamste Kritikerin. So fiel etwa allein ihr auf, dass Janet Leigh in „Psycho“ nach ihrem Tod unter der Dusche ganz kurz blinzelte.
John Hayes, der unsichtbare Autor
Die Ideen für die Handlung seiner Filme bezog Hitchcock aus Kurzgeschichten und Erzählungen von Schriftstellern wie Daphne du Maurier, William Irish (= Cornell Woolrich), Robert Bloch, Pierre Boileau oder Thomas Narcejac. Stets standen die Filmautoren in Hitchcocks Schatten. Wenn man Interviews mit ihm lese, beklagte sich einmal Autor John Michael Hayes, könne man den Eindruck bekommen, der Regisseur selbst habe das Drehbuch geschrieben. Hayes, 1919 in Worcester, Massachusetts, geboren, wurde durch dieselbe Agentur (MCA) vertreten wie Hitchcock. Er hatte nur wenige Drehbücher geschrieben, als MCA ihn für „Das Fenster zum Hof“ empfahl, aber er hatte Erfahrung als Journalist und Autor von Hörspielen. Hayes hatte sich gut vorbereitet und beeindruckte Hitchcock beim
ersten Treffen mit seiner profunden Kenntnis des Films „Im Schatten des Zweifels“. Von da an wurde in regelmäßigen Storykonferenzen in entspannter Arbeitsatmosphäre das Treatment entwickelt. Doch am Ende bekam Hayes Hitchcocks Pfennigfuchserei zu spüren: Die ihm für die erfolgreiche Arbeit in Aussicht gestellte Prämie wurde nicht ausgezahlt, dafür durfte er noch drei weitere Paramount-Filme für Hitchcock schreiben: „Über den Dächern von Nizza“, „Immer Ärger mit Harry“ sowie das Remake von „Der Mann, der zuviel wusste“. Zweimal für einen Oscar nominiert („Das Fenster zum Hof“ und „Glut unter der Asche“), zog er sich später aus dem aktiven Filmgeschäft zurück und unter-richtete Drehbuchschreiben.
Edith Head, die Verpackungskünstlerin
Wie schwer Hitchcock Verantwortung abgeben konnte, zeigt sich auch bei der Kostümgestaltung. Er kümmerte sich selbst um jedes Detail der Kostüme seiner Hauptdarstellerinnen, bis hin zu den Schuhen. Lediglich eine ließ er an Stars wie Grace Kelly oder Nathalie „Tippi“ Hedren heran: die mit einer Rekordzahl von acht Oscars und 34 Nominierungen sowie über 1000 Filmen anerkannteste Star-Kostümbildnerin in Hollywood Edith Head (1897-1981). Sie hatte Französisch und Kunst studiert und war wegen ihrer eindrucksvollen Kostüm-skizzen vom Fleck weg bei Paramount unter Vertrag
genommen worden. In den vielen Jahren, die sie dort tätig war (seit 1938 als Leiterin der Kostümabteilung), entwarf sie unter anderem Dorothy Lamours Sarong für die „Dschungel-Prinzessin“.
Robert Burks, der Zauberer
Die Paramount, im Zentrum von Hollywood gelegen, war damals, trotz der sich abzeichnenden Konkurrenz mit dem Fernsehen, noch ein sehr prestigereicher, traditionsbewusster Studiobetrieb. Hier arbeitete der Patriarch Cecil B. DeMille neben dem gewitzten europäischen Innovator Billy Wilder. Für die Paramount war das Beste gerade gut genug. Hitchcock hatte großes Glück, in einem solchen Studio unterzukommen. Denn bevor er zu Paramount stieß, hatte er mehrere Filme für Warner Bros. gedreht, die alles in allem wenig erfolgreich waren. Als er Warner verließ, nahm er nur einen Mitarbeiter mit, allerdings einen der wichtigsten: den Kameramann Robert Burks (1910-1968). Burks hatte 1939 im Warner-Studio als Special-Effects-Operateur angefangen. „Stage 5“, das große Trickatelier in Burbank, galt damals als eines der Weltwunder der amerikanischen Filmindustrie: ein quasi autarkes Studio im Studio, mit eigenen Regisseuren und Kameraleuten. Wann immer es in einem Film eine schier unlösbare Aufgabe gab, war es an „Stage 5“, sie zu lösen: Action-szenen, Bildmontagen und Trickkombinationen, Modell- und Rückpro-Aufnahmen. Es waren möglicherweise die vielen Rückprojektionen in „Der Fremde im Zug“, die Hitchcock dazu bewogen, einen im Filmtrick erfahrenen Kameramann zu verpflichten. Burks hatte diese so genannten „Process Shots“ für Filme wie „Vertauschtes Glück“ und „Key Largo“ gedreht und war seit 1944 „Director of Photography“. Beide, er und Hitchcock, hatten einen Sinn für das Mechanische und waren überdies Perfektionisten. Besonders der TrickKameramann muss die Filmkamera auswendig kennen und ihre Mechanik im Schlaf beherrschen. Fortan war Burks für die Lichtgestaltung aller Hitchcock-Kinofilme verantwortlich – mit Ausnahme von „Psycho“, den Hitchcocks Fernsehteam produzierte. Ein jähes Ende fand die Zusammenarbeit erst, als Burks und seine Frau bei einem häuslichen Brand ums Leben kamen.
George Tomasini, der Schneidermeister
Zu der kleinen Schar der Getreuen, die Hitchcock Anfang der 1960er Jahre von der Paramount zur Universal mitnahm (deren drittgrößter Aktionär er wurde), gehörte auch sein Chefcutter George Tomasini (1909-1964). Der eher konfliktscheue Hitchcock umgab sich gerne mit zuverlässigen Helfern. Tomasini hatte seit 1947 für die Paramount gearbeitet und eine Oscar-Nominierung für „Der unsichtbare Dritte“ erhalten. Künstlerisch war er kein Rivale. Als Cutter eher im Hintergrund tätig, war eine Kollision mit Hitchcocks Ego so gut wie ausgeschlossen, es gab keinen Grund zur Eifersucht. Etwas anders verhielt es sich mit einem bekannten Filmkomponisten.
Bernard Herrmann, das Genie
Bei der Paramount-Version von „Der Mann, der zuviel wusste“ stand am Dirigentenpult der Londoner Albert Hall kein Geringerer als Bernard Herrmann (1911-1975). Herrmann war einer der eigenwilligsten Filmkomponisten, ein Wunderkind, das schon mit 13 Jahren einen Preis für Komposition erhalten hatte. 1938 hatte er in New York als Dirigent an Orson Welles’ Radioshows mitgewirkt. Welles hatte ihn anschließend für „Citizen Kane“ mit nach Hollywood genommen. Aber erst in den Hitchcock-Filmen zeigte sich Herrmann auf der Höhe seines Schaffens. Seine unheilschwangeren, dunklen, manchmal schrillen Klangfolgen fügten sich kongenial in das Hitchcock’sche Konzept. Berühmt wurden seine Arpeggien* für „Vertigo“. Gelegentlich wich er auch vom sinfonischen Muster ab und verzichtete auf die geliebten Hörner und Harfen, wenn er etwa „Die Vögel“ mit elektronischen Klängen unterlegte. Nur eines vertrug er nicht: Popmusik in Spielfilmen. Darüber kam es zum Bruch mit Hitchcock, der für „Der zerrissene Vorhang“ genau das verlangte. Hitchcock spürte, dass sich der Sound inzwischen verändert hatte, es war die Zeit der Beatles. Herrmann empfand den Popmusikauftrag als Beleidigung, ja als Schande. Er würde sich dem Kommerz nicht beugen! Beide waren Dickschädel, mit dem Unterschied, – so sah es jedenfalls Herrmann – dass Hitchcock gegen Ende seiner Karriere schon zu entrückt und den irdischen Mitarbeitern nicht mehr zugänglich war. Doch so sehr er es auch versuchte, Herrmann vermochte sich nicht aus dem übermächtigen Schatten zu lösen und ließ sich fortan von den Bewunderern des Meisters engagieren, von Truffaut, Scorsese und De Palma. Die widerum sicherten sich mit seiner Musik den nötigen Hitchcock-Touch.
Alfred Hitchcock war stets bemüht, sich dem Zeitgeist anzupassen. Sein instinktsicherer Wechsel von britischen zu amerikanischen Stoffen, seine makabre Fernsehserie „Alfred Hitchcock Presents“ und der Thriller „Psycho“ sind beredter Beweis dafür. Doch zum Schluss blieb auch er, was er an Herrmann kritisierte: unaufgeschlossen einer neuen, jugendlichen Zeitströmung gegenüber, verhaftet in seinem eigenen Schema. Hitchcock war alt und in den letzten Jahren unbeweglich geworden. Das war wohl der Preis dafür, dass er schon zu Lebzeiten eine Legende war.
*„Arpeggio“ ist der musikalische Fachbegriff für einen Akkord, bei dem die einzelnen Töne nicht gleichzeitig, sondern nacheinander erklingen.
Von ARTE Gastautor Rolf Giesen für das ARTE Magazin. Er ist Filmjournalist, Buchautor sowie Spezialist für Fantastisches Kino und Trickfilm.






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