Der Knast lehrt seine Insassen zwar, dass Vertrauen einen nur zum Opfer macht. Aber einem müssen sie vertrauen: dem Strafverteidiger, in dessen Hände sie ihr Berufungsverfahren legen. Der Advokat Guido Guerrieri aus Bari, die Erfindung des als Staatsanwalt arbeitenden italienischen Autors Gianrico Carofiglio, erweist sich in dessen Roman "Das Gesetz der Ehre" als wenig vertrauenswürdig.Erstens glaubt er in seinem wegen Drogenschmuggels einsitzenden Mandanten einen faschistischen Straßenschläger aus seinen Jugendtagen wiederzuerkennen, einen Typen, der jahrelang Objekt seiner Rachefantasien war. Aber er verschweigt das und überlegt, ob er sein Mandat nutzen soll, um spät eine Rechnung zu begleichen. Außerdem beginnt Guerrieri einen Affäre mit der Frau des Mandanten und wünscht sich mit einem Teil seines Wesens nichts sehnlicher als die Bestätigung einer langen Haftstrafe. Gianrico Carofiglios Geschichte aus dem Zwielicht der nächtlichen Kanzleistunden läuft nicht ohne weiteres auf einen Sieg des Anstands zu, und sie stellt die Zweifel des Ich-Erzählers auch nicht kokett aus. Sie schildert einen Verwirrten, der nicht einmal mehr sich selbst trauen kann.
Thomas Klingenmaier/Stuttgarter Zeitung







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