Cannes 2007 - Außer Konkurrenz - 11/09/08
Go Go Tales
Ein Film von Abel Ferrara
Screwball-Comedy über einen Nachtclub im Herzen Manhattans
USA/Italien 2007, 96 Min.
Mit Willem Dafoe, Matthew Modine, Bob Hoskins, Asia Argento
Synopsis: Ray Ruby (Willem Dafoe) besitzt einen Nachtclub mit einem guten Dutzend Go-Go Girls. Er ist pleite, und sein Bruder und Finanzier mag nicht wieder aushelfen. Die Girls drohen mit einem Strip-Streik. Ray versucht ruhig zu bleiben.
Kritik: Der „King of New York“ Abel Ferrara überrascht mit einer für seine Verhältnisse freundlichen und braven Screwball-Comedy im Geiste Frank Capras oder Billy Wilders. Der Segen in Ray Rubys „Paradise“ hängt schief, denn die paradiesische Währung, der „Ruby“-Dollar lässt sich nicht mehr in harte Devisen tauschen, und die Tänzerinnen drohen deshalb zu streiken.
GO GO TALES konzentriert sich ganz auf seine Go-go-Girls, die sich leicht bekleidet in Ray Rubys Paradies räkeln. Kameramann Fabio Cianchetti setzt diese ausgiebig in Szene, genießt es, die langsamen, lasziven Bewegungen der Tänzerinnen einzufangen, die von cooler Musik angetrieben werden. GO GO TALES lebt von dieser schwülen, sexy Atmosphäre, Ferrara drehte fast ausschließlich im Club selbst, beziehungsweise baute er diesen in einem römischen Studio nach. Mehr als ein Dutzend Girls tanzen hier, fast jede kommt aus einem anderen Land. Erzählt wird der Film eindeutig aus männlicher Perspektive, was dazu führt, dass die Mädchen als rassige Dekoration ausgestellt und nicht als Charaktere eingeführt werden, mit einer einzigen Ausnahme: Asia Argento - eine langjährige Freundin Ferraras - spielt die Tänzerin Monroe. Sie arbeitet erst seit kurzem im Paradies, doch bereits bei ihrem ersten Auftritt wird klar, dass sie anders ist als die anderen: Sie lässt sich nichts gefallen und weiß genau was sie will. Begleitet wird sie stets von ihrem Hund, einem Rotweiler. Er darf sogar mit auf die Bühne und als Höhepunkt ihrer Show bekommt er einen Zungenkuss von ihr...
Inhaltlich ist der Film leider etwas flach geraten, die Akteure spielen sich zwar verbale Bälle hin und her, aber besonders komisch wird es nicht. Dramatisch auch nicht. Als Ray im Lotto gewinnt, ist dummerweise das Ticket spurlos verschwunden. Die Mädchen drohen mit Streik. Der Koch ist genervt, dass Monroe ihren Hund in seiner Küche deponieren will, weil dieser sich gern über seine Gourmet-Bio-Würstchen hermacht.
GO GO TALES ist eine Hommage an die Ensemble-Filme von Robert Altmann, speziell an seinen letzten A PRARIE HOME COMPANION, erinnert aber auch ein wenig an John Cassavetes legendären THE KILLING OF A CHINESE BOOKIE. Doch man vermisst die Energie, den wilden Drogenrausch, den Wahnsinn, der durch die früheren Filme von Abel Ferrara pulsierte und diese bisweilen an den Rand der Verständlichkeit brachte. Sein psychologischer Thriller NEW ROSE HOTEL (1998), in dem ebenfalls Willem Dafoe und Asia Argento – an der Seite von Christopher Walken – zu sehen waren, hinterließ ratlose Zuschauer. Unvergesslich ist Harvey Keitel als drogensüchtiger, tief gefallener Cop in BAD LIEUTENANT (1992), in seiner bisher besten Rolle, einer tief erschütternden Performance. GO GO TALES wirkt dagegen geradezu blutleer, als sei Abel Ferrara von Gitanes Mais auf Ultralight umgestiegen.
Nana A.T. Rebhan
Erstellt: 23-05-07
Letzte Änderung: 11-09-08