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Maestro - 19/01/12

Godela Orff

von Teresa Pieschacón Raphael


ARTE zeigt am Sonntag, den 22. Januar 2012, um 16.20 Uhr in der Reihe "Große Werke entdecken" die Enstehungs- und Wirkungsgeschichte des Hauptwerkes von Carl Orff: "Carmina Burana". Teresa Pieschacón sprach mit der einzigen Tochter von Carl Orff, der 90-jährigen Godela Orff.

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Was bedeutet es Ihnen, die Tochter, das einzige Kind von Carl Orff zu sein?

Namen sind Schall und Rauch. Ich glaube, dass ich nicht so wichtig war für meinen Vater. Er hatte so wenig Zeit für mich.

Aber er hat Ihnen sehr viel bedeutet

Ja. Ich wuchs mit ihm auf, da meine Mutter ging, als ich ganz klein war. Mein Vater war eine Bereicherung. In unseren Höhen und Tiefen. Ich fühlte mich für ihn verantwortlich. Seine Stücke stießen oft auf Ablehnung, ich konnte auf die Barrikaden für ihn gehen.

Sie wollten Medizin studieren.

Ja. Ich wollte Tiermedizinerin werden, mit Viechern gehe ich leichter um, als mit Menschen. Man muss sie sehr lieb haben, ich glaube, ich habe bis zu vierzig Katzen gehabt.

Viecher sind viel gescheiter als die Menschen. Da braucht man nicht reden, sie fühlen es einfach. Aber es gab kein Geld.

Dann sind Sie Schauspielerin geworden

Ja. Mein Vater sagte mir, ich solle mich um ein Stipendium an der Staatlichen Schauspielschule bemühen. Es fiel mir nicht schwer, ich hatte als Kind an vielen Schulen Theater gespielt

Was ist denn schwerer für einen Schauspieler, leise oder laut zu sein?

Beides. Eine gewisse Lautstärke können viele Leute heute nicht mehr. Aber dafür gibt es ja Mikrophone.

Sie gingen an die Staatliche Schauspielschule in München

Ja. Mein Vater fragte mich, was ich gerne spielen wollte. Ich sagte die Julia. Er bat mich den ersten Monolog vorzutragen und unterbrach mich. ‚Du musst die aufeinanderfolgenden Vokale hören – das ist Musik!’ Ich habe mit ihm die Sprache gelernt, mein Empfinden für Musik entwickelt, mein Gehör, mein Gefühl. Die Freude am Klang, am Rhythmus. Er konnte Menschen beflügeln und über sich hinausheben lassen. Ich habe durch ihn gelernt, was Atem heißt, was Sprache ist.  Das ist gar nicht so einfach. Ja, ja.

Und umgekehrt?

Die Frauen, die seinen Weg kreuzten waren Menschen, die ihn inspirierten.

Irgendwo war ich auch eine Muse für ihn, weil er ja ‚Die Bernauerin’ für mich geschrieben hat.

Er schuf damit eine neue Theaterform

Ja. Musik und Sprache verschmelzen.

Sie schreiben in Ihrem Buch „Die Bernauerin“ sei Ihnen in Ihrem „Lebensausdruck“ sehr nahe. Was meinen Sie damit?

Von uns Darstellern wurde rhythmisches Sprechen verlangt. Er wollte die Figur ganz aus dem „Sein“ entwickeln und nicht aus dem äußerlichen „Schein“. Das aber versteht heute keiner mehr, dieses „Da“-Sein, wie mein Vater sagte. Diese Stunden, in denen wir zusammengearbeitet haben gehören zu den schönsten Stunden meines Lebens. Das ist vielleicht das Wichtigste gewesen. Ein Gleichklang.

Die Uraufführung fand 1947 statt: Ein Stück im alten bayerischen Dialekt uraufgeführt im schwäbischen Stuttgart

Die Sorge war, dass man das dort nicht versteht. Ich habe gekämpft und so wurde das Stück kein absoluter Misserfolg.

Er schenkte Ihnen eine Hölderlin-Ausgabe mit der Widmung „Der einzigen Bernauerin“

Beide haben absolut geliebt. Das Schwierigste und Schönste. Vielleicht kannte mein Vater mich ja doch.

Im Prolog Ihres Buches fragen Sie als Kind Ihren Vater

„Was bist Du von Beruf?“

Und er antwortet ...

„Das siehst Du doch, ein Düpferlscheißer.“

„Aha“ sagen Sie, und dann: „Verdienst du denn etwas damit?“

„Vorläufig noch nicht. Aber wenn ich gestorben bin, wirst Du vielleicht einmal ganz gut verdienen“. Und ich sage: „Schad’, dass Du erst sterben musst.“

Hatten Sie das Gefühl, Sie müssten für das Werk Ihres Vaters eintreten?

Ja.

1969 bekamen Sie vom Mozarteum den Auftrag, am Orff-Institut eine Abteilung „Sprecherziehung und Sprachgestaltung“ in Verbindung mit dem Schulwerk aufzubauen.

Plötzlich war ich Dozentin. Meine Theaterlaufbahn half mir da sehr. Schon vorher hatte ich mit Gunild Keetman Ende der Fünfziger eine Kinderfernsehreihe über das Orffsche Schulwerk gemacht. Es war ein solches Vergnügen! Musik für Kinder gehört in die Schule, sagte mein Vater.  Man muss fühlen, dass Musik und Sprache eins sind, dann öffnet sich das Herz.

Als Ihr Vater älter wurde gab es wieder eine Annäherung

Ja. Wir ‚sprachen’ endlich wieder miteinander, und nicht mehr nur ausschließlich über Kunst. Wir kamen uns wieder näher. Ich besuchte ihn oft. 1982 schlief er für immer ein.

Sie sind jetzt 90 Jahre alt. Wie sehen Sie Ihr Leben?

Mein Leben war kein Verhängnis, man muss sich nur anständig benehmen und es aushalten. Manchmal ist das schwer.

©2012 Teresa Pieschacón Raphael

Große Werke Entdecken
Donnerstag 9. Februar 2012 um 05.00 Uhr
Keine Wiederholungen
(Deutschland, 2011, 52mn)
ZDF

Erstellt: 13-01-12
Letzte Änderung: 19-01-12