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Cannes 2008

Internationale Filmfestspiele Cannes 2008 - Im Wettbewerb - 01/12/08

Gomorrah

Ein Film von Matteo Garrone


Basierend auf dem gleichnamigen Tatsachenroman von Roberto Saviano, erzählt der italienische Regisseur Matteo Garrone fünf Geschichten aus den von der Camorra regierten Regionen Neapel und Caserta, deren Bewohner mit den Mafia-Werten Macht, Geld und Blut beherrscht werden.

Synopsis: 4000 Menschen hat die Camorra in den letzten 30 Jahren umgebracht, mehr als jede andere terroristische Gruppe oder kriminelle Organisation, wie Roberto Saviano in seinem beeindruckenden Tatsachenroman « Gomorrah » aus dem Jahr 2006 vorgerechnet hat. Basierend auf seinen Recherchen, webt Matteo Garrone fünf Schicksale aus dem Großraum Neapel und Caserta ineinander, um begreiflich zu machen, was es heißt, im Land der Mafia zu leben.

Im Gespräch mit dem Regisseur Matteo Garrone
Der Trailer zum Film
(Windows Media Video)


Kritik: Für seinen die unvermindert anziehungskräftigen Mythen der Mafia entzaubernden Film hat Matteo Garrone einen denkbar drastischen Beginn gewählt – einige prahlerische, junge Capos der Mafia bräunen ihre geölten Körper zu dröhnend lauter Schnulzenmusik im Ultraviolettlicht eines Solariums, als konkurrierende Clanmitglieder sie mit wenigen Kugeln hinrichten. So ungefähr kann man es sich - wie Roberto Saviano in seinem millionenfach verkauften Bestseller „Gomorrah“ recherchiert hat - vorstellen, wenn ein Mafiaclan implodiert, weil Familien- oder Revierstreitigkeiten dazu führen, dass sich besonders brutale Hinterbänkler vom Clan abwenden, um ihr eigenes Territorium samt Gefolgschaft zu gründen.

Ihr Revier liegt in dem im Norden von Neapel gelegenen Vorort Scampia, dem größten Drogenfreiluftumschlagplatz der Welt, wie Saviano recherchiert hat – hier werden pro Clan täglich bis zu eine halbe Million Euro umgesetzt. Ein heruntergekommenes Hochhaus, das mit seiner monströsen Scheußlichkeit an eine Kulisse aus einem apokalyptischen Science-Fiction-Film erinnert, ist ihr Rückzugsort. Dieses Haus wirkt wie ein Querschnitt durch die süditalienische Gesellschaft, die nach einem kurzen, im Zuge der Mafiaprozesse Ende der 90er Jahre entstandenen Aufatmen wieder fest im Griff der Mafia ist. Beunruhigend daran ist, dass im globalisierten, supermaterialistisch Zeitalter alte Mafiagesetze ihre Gültigkeit verlieren, weil Gier bedingt die alten, entlang der Clangrenzen aufgestellten Hierarchien und Loyalitäten auseinander brechen und daraus wie bei einem außer Kontrolle geratenen Krebsgeschwür immer neue, rücksichtslosere Strukturen hervorwachsen.

In diesem Hochhaus also kreuzen sich zwei der fünf ineinander verflochtenen Episoden von Garrones Momentaufnahmenfilm aus dem Land der Camorra. Hier lebt der 13-jährige Toto, der alles unternimmt, um Mitglied jener sezessionistischen Gruppe zu werden. Hier ist auch der Arbeitsplatz von Don Ciro, der noch aus der alten Mafiazeit stammt. Sein Beruf: mit buchhalterischer Strenge jene Familien des Clans mit Unterhaltszahlungen zu versorgen, deren Angehörige im Gefängnis einsitzen. Plötzlich gerät ist im Zuge des Clankrieges auch sein Leben in Gefahr. Auch das Leben anderer junger Menschen wird von der Mafia gelenkt: Wie das des Universitätsabsolventen Roberto, der endlich Arbeit findet – bei einem hochmafiösen Giftmüllentsorgungsunternehmen, das die Hinterlassenschaften der norditalienischen Chemieindustrie in stillgelegten Steinbrüchen versenkt. Und die beiden kaum erwachsenen Herumtreiber Marco und Ciro, die wohl nie eine Schulbank gedrückt haben, fühlen sich wie in einem Brian Di Palma-Film, als sie der Mafia heimlich Waffen stehlen und damit Unfrieden stiften. Was sie in ihrem jugendlichen Übermut niicht begreifen, ist, dass ihr Leben nun keinen Pfifferling mehr wert ist.

Es ist ein kluger, wenn auch pädagogisch offensichtlicher Versuch, Italiens Jugend vor dem Würgegriff der Mafia zu warnen, wenn vor allem die Gewissenskonflikte, vor die seine jungen Akteure gestellt werden, dramatisch ausgelotet werden. Gleichwohl findet Matteo Garrone sehr glaubwürdige, bedrückende realistische filmische Mittel, um den Alltag unter der Fuchtel der Camorra zu bebildern. Seine Kamera wirkt manchmal beinahe fassungslos angesichts der von seinen jugendlichen Laiendarstellern improvisierten Situationen, die uns vor Augen führen, wie weit sich diese Parallelgesellschaft bereits von unseren demokratischen Wertvorstellungen entfernt hat.

Martin Rosefeldt
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Gomorrah
Ein Film von Matteo Garrone
(Italien, 2008, 135’)
mit : Toni Servillo, Gianfelice Imparato, Maria Nazionale, Salvatore Cantalupo, Gigio Morra etc.
Wettbewerb

Erstellt: 16-05-08
Letzte Änderung: 01-12-08