Der anschließende rasante Räumungsverkauf und Schnellwaschgang der DDR präsentiert sich uns als bizarre Nummernrevue. Und weil Mama dieser Anblick um jeden Preis erspart werden soll, muss eben die gute alte, intakte DDR wiederauferstehen. Komisch ist das schon, wie sich Alex bemüht, für seine Mutter aus Hollandgurken Spreewaldgürkchen zu machen, Coca-Cola als vom Westen geklaute und zurückeroberte DDR-Errungenschaft zu erklären und das DDR-Fernsehen mit Hilfe eines befreundeten Hobby-Filmemachers als Geschichtsklitteranstalt zu karikieren. Doch Becker hat leider öfter nur die ersten verschmähten, dann heiß geliebten Ost-Requisiten statt die viel tiefer blicken lassenden Ost-Gefühlswelten im Visier, wenn es um die Defintion der DDR geht. Und trotzdem will der Film mehr sein, als nur eine absurde Komödie. Auch das Melancholische des Untergangs wird im letzten Drittel des Films am Krankheitsfall der Mutter und der zugrundeliegenden Familientragödie illustriert.Hiermit aber führt der Film sein dramaturgisches Grundkonzept ad absurdum. Mutter Kerner nämlich gesteht, dass sie nie die überzeugte Sozialistin war, die sie ihren Kindern ein Jahrzehnt lang vorgespielt hat. Damit schließt sich zwar der Kreislauf der Täuschung, aber aus dem Rückblick ihres Geständnisses verliert auch die Figur und die für sie gestrickte Geschichte an Glaubwürdigkeit und Statur.
Martin RosefeldtEs sind schon viele Filme in Deutschland über die Wiedervereinigung gedreht worden, aber je mehr Zeit nach dem Fall der Mauer ins Land geht, desto einfacher wird es offenbar, die Ereignisse mit mehr Abstand und Sensibilität zu betrachten. Die ganzen Emotionen, die damals mitschwangen und in Dokumentationen oder Archivmaterial verewigt sind, lassen sich heute, aus der größeren zeitlichen Distanz, in der fiktiven Handlung eines Spielfilms vielleicht sogar noch eindrucksvoller aus der Gefühls- und Erlebniswelt der deutschen Bürger herausdestillieren. Schon mit seinem vor zwei Jahren auf der Berlinale präsentierten Film Berlin is in Germany hatte uns Hannes Stöhr vor Augen geführt, wie es einem jungen Mann ergeht, der einige Jahre nach der Wiedervereinigung aus dem Gefängnis entlassen wird und sich plötzlich in einer Stadt wiederfindet, die ihm völlig fremd geworden ist.
Die Grundidee von Good Bye, Lenin! ist ganz ähnlich: Das Koma, in das Alex' Mutter fällt, erinnert uns an das Schicksal der anderen, der sozialistischen "Mutter" DDR: Das Ende kam wie ein Schock, allzu schnell, um wirklich realisiert zu werden, dem instinktiven Jubel folgte bald das existenzielle Chaos und schließlich ein latentes Gefühl des Unwohlseins. Wolfgang Becker ist es gelungen, uns diese Befindlichkeiten mit bemerkenswerter Eindringlichkeit vor Augen zu führen und mitempfinden zu lassen. Hinter der "großen" Geschichte zeigt er uns immer wieder die kleine(n), menschliche(n) Geschichte(n) von Leuten wie Alex und seiner Mutter. Deren Missgeschicke, ausgelöst durch plötzliche Veränderungen ebenso wie durch zögerliches Stillhalten, inszeniert Becker sozusagen "auf Augenhöhe", aus dem menschlichen Blickwinkel - und macht sie damit emotional noch nachvollziehbarer, noch bewegender.Nicht zuletzt dank eines ausgezeichneten Darstellers, Daniel Brühl, der, manchmal etwas weltfremd wirkend, diesen unsicheren jungen Mann Alex mit einer menschlichen Wärme und Melancholie spielt, die der Figur eine lebensnahe Vertrautheit gibt. Good Bye, Lenin! spielt größtenteils in der Plattenbauwohnung der Kerners in der Karl-Marx-Allee - auch dies eine symbolträchtige Adresse - und zeigt in diesen vier Wänden die normalen, allzu normalen alltäglichen Probleme in Deutschland, was diesem Film exakt die intime und pittoreske Note gibt, die er braucht, um diese schöne Geschichte nicht in visionären Symbolismus oder karikaturhafte Überstilisierung abgleiten zu lassen. Good Bye, Lenin! überzeugt mit hervorragenden Drehbucheinfällen und einer sehr guten Regie. Eine stimmungsvolle Tragikkomödie, die melancholisch, geistreich und sehr bewegend ist.
Julien Welter








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