01/10/02
Graham Harwood
Graham Harwood / Mongrel
Make-World Festival - Oktober 2001 München
In der rassistischen angelsächsischen Terminologie bedeutet Mongrel 'Bastard'. Mongrel ist ein multikulturelles, äußerst produktives Kollektiv, das Mitte der 90er Jahre in London entstand. Als Ergebnis seiner Aktivitäten entstanden Spiele, eine Suchmaschine, eigene Inhaltsumgebungen (umgeleitete Websites), Softwareprogramme, eine CD-Rom, eine Zeitschrift und eine Posterserie. Die Akteure bewegen sich zwischen Kunst, IT-Bereich, Management ihrer Gruppe und Straßenaktivismus, sie tun sich sprachlich keinerlei Zwang an und machen nie Konzessionen. Wir trafen Graham Harwood, einen der Mongrel-Begründer.
Wie habt ihr euch getroffen und wie ist Mongrel entstanden?
"Damals arbeitete ich bei Artec (Arts Technology Centre, London), das Langzeitarbeitslose beschäftigte, fast alles Schwarze. Das war in den Anfängen des Internet. Die Studenten fanden kaum für sie interessante Sachen im Net - wenn sie das Wort 'Jamaica' in eine Suchmaschine eingaben, kam so gut wie keine Antwort. Ein Mitglied der Gruppe, Richard Pierre Davis, Mitbegründer von Mongrel, interessierte sich ganz besonders für die Sites der Rechtsextremisten. Er schickte ihnen mails und legte sie den anderen als Lesezeichen auf die Rechner, um Polemik zu provozieren.
So wurden wir uns der Dringlichkeit bewusst, das Netz nach rassistischen Merkmalen zu durchforsten, die sich im Internet breitmachten - und das Ganze wurde dann ein Projekt. Zu diesem Zeitpunkt entwickelten wir die Suchmaschine Natural Selection, die einen Nutzer auf eine von uns produzierte Website umleitet, wenn er ein rassistisches Wort, wie z.B. 'Nigger' oder ‚Paki' eingibt."
Die mit der Suchmaschine Natural Selection aufgeworfene Rassen-Problematik und die Hierarchisierung von Daten scheint euch am Herzen zu liegen. Kannst du uns sagen, warum?
"Ein anderes Mitglied von Mongrel, Matsuko (Yokokoji), ist Japanerin. Für sie ist es fast nicht nachzuvollziehen, ab wann jemand als ‚Mensch anderer Hautfarbe' angesehen wird. Das bezieht sich ja auf keinerlei geografische oder nationale Gegebenheit, wie z.B. eine Grenze. Für sie ist diese Klassifizierung völlig undurchsichtig. Ist ein Italiener mit seinem im Vergleich zu anderen Leuten dunkleren Teint schon ein ‚Mensch anderer Hautfarbe'? Mervin Jarman, ein weiteres Mitglied des Kollektivs jamaikanischer Herkunft, verwischt gern die Grenzen: 'Wenn es um Kricket geht, bin ich Jamaikaner, im Fußball gelte ich als Engländer, und wenn ich zu meiner Bank gehe, bin ich alles, was man dort sein muss.' Derartige Überlegungen brachten uns zu der gemeinsamen Erkenntnis, dass uns keine Theorie oder Rassenklassifizierung zufriedenstellen konnte. Es gibt eben eine Vielzahl von Identitäten.
All unsere Erkenntnisse beruhten natürlich auf dem britischen - in unserem Fall auf dem Londoner - System, denn als wir unser Projekt in Frankreich vorstellten, wurde uns klar, dass man in Frankreich keineswegs genauso dachte. Dort ist man zunächst einmal Franzose, und erst dann kommt die Hautfarbe. Da gibt es übrigens auch einen Witz: Die ganze Welt ist im Grunde französisch, nur haben viele das noch nicht gemerkt.
Nach drei Jahren kamen wir am Ende des Projekts zu dem Schluss, dass es von dem Begriff der Rasse weltweit unterschiedlichste Versionen gibt. Rassismus gibt es auf der Strasse, bei den Nachbarn, bei den Menschen in unserer Umgebung, und alles ist in einen Kontext eingebunden, was die Sache so schwierig macht. Für uns hat das Projekt viel gebracht, weil dabei jeder in sich hineinschauen, seinen Kopf erforschen und sich nach seiner Geschichte fragen musste. Weil deine Art zu denken und zu leben nämlich von deiner Hautfarbe abhängt oder von der Gemeinschaft, mit der du dich identifizierst. Allem anderen verschliesst du dich, deine Entwicklung verläuft in engen Bahnen. Eine anti-rassistische Haltung ist immer etwas sehr Persönliches und daher kompliziert, sie verlangt Distanz zu sich selbst, zur eigenen Geschichte und den eigenen Mustern. Unsere Schlussfolgerung aus dieser Erfahrung war, dass man sich irgendwie von sich selbst freimachen muss, um das machen zu können, was man am liebsten will."
Das Linker-Projekt ist eng mit diesem Begriff der persönlichen Umstände, dem inneren Wissen verbunden. Kannst du uns erklären, worin es besteht und wie es entstanden ist?
"Das Linker-Projekt ist ein ganz einfach zu gebrauchendes Multimedia-Tool, mit dem die Menschen eine Karte von ihrer Umgebung zeichnen können. Wir haben Linker aus zwei Gründen entwickelt. Erstens wollten wir die Gewohnheiten und Gefühle von Menschen auf den Wegen, die sie zurücklegen, zusammentragen und kartografieren. Viele haben Angst, schlecht beleuchtete Straßen zu betreten, bestimmte Stadtviertel werden als gefährlich angesehen etc., das sind alles Informationen, die zur mündlichen Kommunikation gehören. Wir wollten sie gern zusammenstellen, ihnen eine Form geben. So werden diese Angaben publizierbar und können Druck auf die politische Ebene ausüben. Diese Art Kartografie ist auch vom künstlerischen Standpunkt aus höchst interessant.
Zweitens ging es uns um die Software. Wir wollten eine Software entwickeln, die den Nutzer nicht einengt, sondern ihm die Freiheit lässt, seine eigene Struktur aufzubauen, was zum Beispiel bei Word keineswegs der Fall ist. Bei Word hat man es mit allen möglichen Einschränkungen zu tun, das Ergebnis ist keineswegs das, was wir uns unter Schreiben, unter Literatur vorstellen.
Damals sammelte Mervin (Jarman) alte Computer, er wollte sie nach Jamaika schicken, um dort Workshops zu organisieren (das Projekt nannte sich
Container). Es war für Leute gedacht, die keinen Zugang zu den neuen Technologien haben. Solche Gruppen gibt es überall in der Welt, in Indien, Australien, Europa. Sehr schnell aber wollten die Gruppen miteinander kommunizieren, sich ihre Arbeiten zeigen, und da stellten sie fest, dass es jede Menge Hindernisse gab, wie die Sprache und die Unterschiede bei der Organisation der Inhalte. Also haben wir Linker gemacht, mit dem man sich ausdrücken konnte und vom anderen verstanden wurde und mit dem die Datenelemente wandern konnten."
Das Department of National Heritage (ihm unterstehen im Vereinigten Königreich die nationalen Denkmäler) und die Tate Gallery haben eure Projekte finanziert, von denen einige jedoch nicht immer im Sinne der Geldgeber waren. Kannst Du uns das erklären?"Das Projekt mit der Tate Gallery (Uncomfortable Proximity - eine 'harwoodisierte' Version der offiziellen Museums-Website) war schon eine etwas besondere Geschichte. Die versuchten damals so zu tun, als ob sie am Internet interessieret wären. Das war der ideale Zeitpunkt, um sich bei ihnen einzunisten und irgendwas zu machen.
Das Projekt mit National Heritage war langfristig geplant. Es gehörten verschiedene Sachen dazu, wie etwa die Suchmaschine Natural Selection. Wir erhielten dafür von der Abteilung für nationales Kulturerbe Subventionen, die wir unter anderem dazu verwendeten, uns über sie lustig zu machen. Wir haben ihr Logo umgebaut. Das war schon witzig, denn sie haben dafür, dass wir sie kritisierten, auch noch bezahlt. Es ist in Großbritannien schwierig, ein Projekt durchzusetzen. Unsere Förderanträge wurden oft abgelehnt.
Das Erste, was wir mit den Geldern gemacht haben, war Colour Separation, dazu haben wir Freunde eingeladen, haben von ihnen Aufnahmen gemacht, Charaktere festgelegt und eine Software (Heritage Gold ) erstellt, mit der Porträts generiert werden können. (Es gibt 8 Stereotypen: Mann/Frau, schwarz, gelb braun oder weiß)."
Ihr arbeitet mit Institutionen zusammen, in denen ihr euch dann als Parasit festsetzt, ihr greift von innen an. Wie seid ihr zu dieser 'Methode' gekommen?
"Das ist Taktik. Mich hat eine australische Frauengruppe fasziniert, VNS MAtrix , die während der 80er Jahre in den Verwaltungen aktiv war. Sie haben sich in der Hierarchie hoch gearbeitet und dann Förderprojekte durchgebracht. Wenn sie da angekommen waren, kündigten sie ihre Jobs, machten die von ihnen initiierten und geförderten Projekte selbst und gründeten ein Kollektiv, mit dem sie das System angriffen. Sie organisierten Veranstaltungen und bauten Netze auf. Das ist ein Ansatz, der mir gut gefällt. Wenn man von innen her kommt, hat man mehr Macht.
Ich glaube, dass zwischen Parasit und Host eine wichtige Verbindung besteht. Manchmal braucht der Host einen Parasiten, um sich andere Parasiten vom Leibe zu halten, er erwirbt dadurch eine Art Immunität, das gehört zu den Spielregeln. Manchmal verliert man, manchmal gewinnt man, das Wichtigste aber ist, zu spielen und nicht seine Würde auf Kosten der Würde eines anderen zu verlieren."
Mongrel
http://www.mongrelx.org/
Projekt Natural Selection
http://www.mongrelx.org/Project/Natural/index.html
Videospiel Blacklash
http://www.mongrelx.org./Project/Natural/BlackLash/index.html
Linker
http://www.linker.org.uk/Linker/index.html
Natural Heritage
http://www.mongrelx.org/Project/projects.html#nh
Ein für die Tate Gallery London durchgeführtes Projekt
http://www.tate.org.uk/webart/mongrel/home/default.htm
Graham Harwood allein
http://www.scotoma.org/
TextFm (in Zusammenarbeit mit Matthew Fuller)
http://www.scotoma.org/TextFm/
Erstellt: 22-04-04
Letzte Änderung: 01-10-02