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ARTE Journal - 14/09/11

"Griechenland ist de facto schon pleite"

Die Lage für Griechenland wird immer ernster. Die Ratingagentur Standard & Poor's hat das Land gleich um drei Noten auf "CCC" herabgestuft hat - auf Ramschniveau. Damit fehlen nur wenige Stufen bis zur Staatspleite. Die Euro-Länder wollen den Finanzkollaps des Schuldensünders mit einem neuen Rettungspaket abwenden. Nach bisherigen Spekulationen geht es nochmals um 90 bis 120 Milliarden Euro, nachdem Athen schon im vorigen Jahr Kredite von 110 Milliarden Euro zugesagt worden waren. Bereits vor dem Krisentreffen der Euroländer in Brüssel hat Bundesfinanzminister Schäuble die deutsche Position klar gemacht. Berlin verlangt eine Laufzeitverlängerung griechischer Anleihen um sieben Jahre. Zudem sollten private Banken und Versicherer bei dieser „weichen Umschuldung“ Athens mitmachen und ihre alten griechischen Staatsanleihen gegen neue mit längerer Laufzeit umtauschen.

Doch für Dr. Jürgen Gaulke hilft das alles nichts. Der Wirtschaftswissenschaftler am Münchener Ifo-Institut ist überzeugt: Athen sei schon lange Pleite, den Hellenen müsse der Geldhahn zugedreht werden, um sie zum Sparen zu zwingen. Sogar eine Rückkehr zur Drachme will Gaulke nicht ausschließen. Interview

ARTE Journal: Wie hoch ist das Risiko, dass Griechenland Pleite geht?

Dr. Jürgen Gaulke, Wirtschaftswissenschaftler am ifo-Institut in München: Das Risiko, dass Griechenland pleite geht, ist nicht so leicht einzuschätzen, weil Griechenland de facto pleite ist. Es wird nur noch im Moment finanziell gestützt von der Europäischen Union und solange diese Unterstützung da ist, ist Griechenland nicht pleite, sondern weiterhin zahlungsfähig.


ARTE Journal: Sollen die Länder der Eurozone Griechenland überhaupt noch unter die Arme greifen?

Gaulke: Nun, nachdem die unmittelbare Liquiditätskrise von Griechenland vorbei ist und in eine Strukturkrise gemündet hat, wäre es aus unserer Sicht geboten nun wirklich den Geldhahn allmählich zuzudrehen und mit Griechenland ein deutliches Signal zu vereinbaren, dass gespart wird, dass das Land – in dem vieles marode ist – neu strukturiert wird.


ARTE Journal: Ist es nicht gefährlich, Griechenland einfach pleitegehen zu lassen?

Gaulke: Wo ist da das Risiko? Wenn Sie die Finanzmärkte angucken: Gestern wurde Griechenland noch einmal herunter gestuft – auf den Ramsch-Status. Die Ratingagenturen sehen Griechenland praktisch schon als zahlungsunfähig an, jedenfalls in höchster Gefahr. Insofern ist da von Seiten der EU kein Risiko mehr vorhanden.


ARTE Journal: Aber eine Pleite Griechenlands könnte die anderen Mitglieder der Eurozone mit in den Abgrund reißen...

Gaulke: Ja, das wird immer von Seiten der Politik behauptet. Aber die sagen immer nur „Lehmann, Lehmann, Lehmann...“ – sprich: Eine Griechenland-Pleite hätte ähnliche Auswirkungen wie die damalige Pleite der Investmentbank Lehmann Brothers. Das ist aber auf keinen Fall mehr so. Denn die Finanzmärkte hatten nun Zeit genug, sich auf eine Pleite von Griechenland vorzubereiten. Das war bei Lehmann Brothers nicht so. Lehmann Brothers war, glaube ich, noch am Vortag der Pleite tatsächlich mit einem „A“ oder sogar mit einem „AA“ - also mit einem hohen Rating – eingestuft. Griechenland wird mittlerweile im „C“-Bereich bewertet, also mit der schlechtesten Stufe vor der Zahlungsunfähigkeit.


ARTE Journal: Bundesfinanzminister Schäuble hat vor dem Krisentreffen der Euro-Länder in Brüssel vorgeschlagen, die Laufzeit der griechischen Anleihen um sieben Jahre zu verlängern. Was halten Sie von diesem Vorschlag?

Gaulke: Das ist ein gut gemeinter Vorschlag, der aber in der Realität nichts bringt. Denn es verlängert nur das griechische Leiden. Und je länger die Reformen, die absolut notwendig sind in Griechenland und wo auch niemand daran vorbeikommt, aufgeschoben werden, desto mehr Geld wird auch in Griechenland hinein fließen. Eine Verlängerung dieser Kredite hat auch enorm rechtliche Probleme, weil das dann tatsächlich als Zahlungsunfähigkeit und Pleite zu werten sein könnte – je nachdem, wie man das konstruiert – so dass dann die befürchteten Auswirkungen dann doch noch größer sind als wie wenn man jetzt andere Wege beschreiten würde.


ARTE Journal: Und was wären diese Auswirkungen?

Gaulke: Es geht um diese Kreditausfallversicherungen, die regelmäßig am Markt abgeschlossen werden für solche Risiken wie Griechenland. Die würden bei einer unfreiwilligen Laufzeitverlängerung sofort gültig werden. Das würde dann tatsächlich am Markt für Turbulenzen sorgen.


ARTE Journal: Deutschland pocht darauf, den Privatsektor auf freiwilliger Basis an der Rettung Griechenlands zu beteiligen. Gebe es da überhaupt Banken, die dazu bereit wären?

Gaulke: Ja, aber natürlich nur in geringem Maße. Es gab heute den großen Beitrag von Bundesbankpräsident Weidmann in der Süddeutschen Zeitung, wo er gesagt hat, dass man die Erwartungen an einer Beteiligung der privaten Gläubiger wirklich nicht zu hoch ansetzen sollte. Die meisten privaten Gläubiger, vor allem die Versicherungen, haben sich von ihren Griechenland-Anleihen längst verabschiedet oder haben sie mit Kreditausfallversicherungen unterlegt. Da werden die Auswirkungen gering sein. Das trifft eigentlich vor allem die Banken, die sich verpflichtet haben ihre Griechenland-Anleihen zu halten. Davon ist in Deutschland der Großteil der schlechten Banken verstaatlicht, so dass der Steuerzahler auch da wiederum das Risiko trägt. Und es betrifft vor allem auch das griechische Bankensystem, denn die griechischen Banken konnten natürlich nicht alle loswerden. Das heißt, man müsste natürlich auch ein Rettungspaket für die griechischen Banken stricken.


ARTE Journal: Mit anderen Worten – selbst wenn sich der Privatsektor an der Rettung Griechenlands beteiligt, würde am Ende der Steuerzahler die Zeche zahlen?

Gaulke: Ja, der Steuerzahler zahlt auf jeden Fall die Zeche. Das ist im Moment das einzig Sichere an der Griechenlandkrise.


ARTE Journal: Was würden Sie von einem Rauswurf der Griechen aus der Eurozone halten?

Gaulke: Einen Rauswurf der Griechen aus der Eurozone wird es nicht geben. Das ist auch in den Verträgen gar nicht so vorgesehen. Das einzige Szenario, das möglich wäre, ist, dass Griechenland von sich aus den Wunsch äußert die Eurozone zu verlassen. Das ist ein Szenario, das zumindest aus ökonomischer Perspektive, einiges für sich hat. Denn dann könnte Griechenland unmittelbar wieder wettbewerbsfähig werden – allein schon dadurch, dass die Griechen die Drachme wieder einführen würden, die natürlich wesentlich weniger Wert ist als der Euro. Das heißt, dass dieses chronische Leistungsbilanzdefizit, das sich da aufgetürmt hat in den letzten Jahren und das durch den Euro finanziert wurde, schlagartig beseitigt werden könnte. Das könnte eine Menge von Strukturkrisen dadurch lösen. Man hätte auch endlich wieder die Griechen in der Selbstverantwortung. Das heißt, sie müssten tatsächlich das, was sie strukturell reformieren müssten, selbst angehen und eigenverantwortlich. In der ökonomischen Theorie ist das immer wesentlich effizienter, als wenn Mama und Papa vorschreiben, was man zu tun hat.

Erstellt: 14-06-11
Letzte Änderung: 14-09-11