05/11/08
Günter Grass (Deutschland)
nach seinem verspäteten Eingeständnis
Günter Grass, der 1927 in Danzig geboren wurde, war zum Zeitpunkt der nationalsozialistischen Machtübernahme ungefähr so alt wie sein Held in dem 1959 geschriebenen (und 1979 von Volker Schlöndorff hervorragend verfilmten) Roman Die Blechtrommel. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Grass Mitglied der Gruppe 47. Für sein literarisches Werk wurde der Schriftsteller 1999 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet. Als langjähriger Freund Willi Brandts unterstützte Grass bis 1991 die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD). Sein 1995 veröffentlichter Roman "Ein weites Feld" löste in Deutschland erbitterte Polemik aus, weil Grass darin die Wiedervereinigung einer kritischen Betrachtung unterzieht. Günter Grass’ Enthüllungen über seine Vergangenheit im Sommer 2006 schlugen in Deutschland wie eine Bombe ein und lösten Verwirrung und Bestürzung aus. Der engagierte Intellektuelle hatte stets eine wichtige Rolle im politischen Leben gespielt und galt seit fünfzig Jahren als „moralisches Gewissen“ der Republik. In seinem autobiografischen Werk Beim Häuten der Zwiebel sowie kurz vor dessen Erscheinen in einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ, 12.08.2006) hatte Grass zugegeben, gegen Ende des Zweiten Weltkriegs als Siebzehnjähriger in der Waffen-SS gedient zu haben. Dieses Bekenntnis löste eine heftige Kontroverse aus. Wie hatte der bedeutende Schriftsteller, der sich unablässig für die Wahrheit eingesetzt und den Kampf für eine offene Diskussion über das Dritte Reich geradezu verkörpert hatte, selbst so lange mit einer Lüge leben können? Vor allem diese Unaufrichtigkeit machte man ihm nun zum Vorwurf: Günter Grass hatte erst nach sechzig langen Jahren die Worte gefunden, um sein schmerzliches Geheimnis einzugestehen.
Die Autoren
- Andruchowytsch, Juri (Ukraine)
- Ben Jelloun, Tahar (Frankreich)
- Delmas-Marty, Mireille (Frankreich)
- Eco, Umberto (Italien)
- Gelassimow, Andrej (Russland)
- Globalisierungskritiker, die
- Grass, Günter (Deutschland)
- Habermas, Jürgen (Deutschland)
- Jeremy Rifkin (USA)
- Laidi, Zaki (Frankreich)
- Malley, Robert (USA)
- Michnik, Adam (Polen)
- Nyssen, Hubert (Frankreich)
- Pleşu, Andrei (Rumänien)
- Rocard, Michel (Frankreich)
- Savater, Fernando (Spanien)
- Sontag, Susan (USA)
- Zizek, Slavoj (Slowenien)
- Zourabichvili, Salomé (Georgien)
„[…] Was ich mit dem dummen Stolz meiner jungen Jahre hingenommen hatte, wollte ich mir nach dem Krieg aus nachwachsender Scham verschweigen. Doch die Last blieb, und niemand konnte sie erleichtern.
Zwar war während der Ausbildung zum Panzerschützen, die mich den Herbst und Winter lang abstumpfte, nichts von jenen Kriegsverbrechen zu hören, die später ans Licht kamen, aber behauptete Unwissenheit konnte meine Einsicht, einem System eingefügt gewesen zu sein, das die Vernichtung von Millionen Menschen geplant, organisiert und vollzogen hatte, nicht verschleiern. Selbst wenn mir tätige Mitschuld auszureden war, blieb ein bis heute nicht abgetragener Rest, der allzu geläufig Mitverantwortung genannt wird. Damit zu leben ist für die restlichen Jahre gewiß.“Beim Häuten der Zwiebel
Zweite Auflage September 2006
Steidl Verlag, Göttingen, 2006
ISBN 3865213308
Erstellt: 22-04-04
Letzte Änderung: 05-11-08