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05/10/05

HOUELLEBECQ – eine Frage des Wertes

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Eine Rezension zu Michel Houellbecqs neuem Roman
"Die Möglichkeit einer Insel" von Christine Lecerf

Michel Houellebecq ist als Autor ganz auf der Höhe der Zeit. Er steht inzwischen einem Unternehmen vor, dessen Kapital auf mehrere Millionen Euro geschätzt wird und das seit rund zehn Jahren auf die Produktion von Büchern mit möglichst niedriger Investitionsanstrengung spezialisiert ist. Als gewiefter Geschäftsmann in Zeiten der Globalisierung hat er sein jüngstes Produkt, Die Möglichkeit einer Insel, in mehreren europäischen Ländern gleichzeitig auf den Markt geworfen, wohl zur Reduzierung der durch ernsthafte Kritiken entstehenden Kosten – doch um welchen Preis! Der Marketing-Fachmann Michel Houellebecq hat noch dazu eine neue Verkaufsstrategie erfunden: Promotion-Literatur, einzig zu dem Zwecke hergestellt, das Image seines Unternehmens zu fördern und zu festigen: «Wichtig ist der Stil. Ich mag Die Möglichkeit einer Insel sehr. Ich glaube, es ist mein bester Roman. Dafür gibt es ein sicheres Zeichen: wenn ich mir selber laut daraus vorlese, bin ich damit zufrieden», erklärte er vor der Markteinführung.
Seit der ehemalige Werbeexperte Frédéric Beigbeder, auch er Top-Manager eines vergleichbaren Unternehmens, das sich demnächst um Anteile desselben Marktes bemühen dürfte, wissen wir, dass Literatur ebenfalls ihr Preisschild hat. Michel Houellebecq erlaubt uns künftig, Literaturwerte zu kaufen. Die Einnahmen aus solchen Geschäften dürften bald die Kosten seiner Promotion-Aktion mehr als decken, die Literatur-Indizes der meisten europäischen Zeitungen und Zeitschriften sprechen da eine klare Sprache. Michel Houellebecq wird wohl den Verkaufsrekord seines Vorjahresproduktes Plattform von 500.000 Exemplaren brechen.
Mit knapp fünfzig ist Michel Houellebecq einer der Marktführer für literarische Produkte, unangefochten oder zumindest fast. Gewisse Unsicherheiten des Marktes erschweren es ihm, ausschließlich auf den Spitzenwert sämtlicher Börsenrankings zu spekulieren: die Unsterblichkeit. "Es hat etwas deprimierendes, ein (im Prinzip) literarisches Phänomen zu beobachten, das geradezu unausweichlich auf Erfolg programmiert ist. Doch so ist es", räumte er kürzlich ein. Die Möglichkeit einer Insel ist unbestreitbar ein Wendepunkt in seiner Karriere als Unternehmensmanager, dessen kaufmännisches Gespür ihn sehr früh sich abwenden ließ von Fehlinvestitionen in ungeeignete Produkte: Denn «nichts war heute mehr von dem literarischen und künstlerischem Schaffen übriggeblieben, auf das die Menschheit so stolz gewesen war».

Die Möglichkeit einer Insel erzählt die erbauliche Geschichte eines gescheiterten Schriftstellers. Mit einem Erlebnis in der Warteschlange am Frühstücksbuffet eines Ferienclubs beginnt der Geschäftssinn der Hauptfigur Daniel 1, damals noch Schüler: eine alte Engländerin hatte einem dicken Deutschen die letzten Würstchen des Buffets unter der Nase weggeschnappt. Der künftige Businessmann hatte die Szene sofort zu einem Sketch verarbeitet. Mit durchschlagendem Lacherfolg bei den anderen Feriengästen, besonders bei Sylvie. Damit hatte der junge Mann entdeckt, was später zu seiner ganz eigenen Wertschöpfungsmasche werden sollte: Leute wie sich selbst zum Lachen bringen mit lustigen Geschichten über Alltagsbegebenheiten und gescheiterte Schriftsteller. Von da an arbeitete er unablässig daran, ein Profi des Lachens zu werden. Stunden verbrachte er damit, seine Sätze zu spinnen, jedes Wort seines Sinns zu entleeren, bis auf den Gesichtern der Feriengäste jene «plötzliche, heftige Verzerrung des Gesichts, die ihm augenblicklich alle Würde nimmt» erschien. Der gerade geborene Geschäftsmann in ihm entdeckte Ruhm und Geld, Lachen für Millionen, in Einkaufszentren und in Fernsehstudios. «Das Gute an dem Beruf des Humoristen (…) ist, dass man sich völlig ungestraft wie eine Drecksau benehmen kann, sich noch dazu seine Bösartigkeit finanziell vergolden oder mit sexuellen Erfolgen vergüten lässt, und das alles mit Zustimmung der Öffentlichkeit».

Die so erzielte Performance überstieg alles, was es bis dato in diesem Bereich gab. Denn er spielte die Sketche nicht nur, nein, er schrieb sie sogar! Tatsächlich! Jahre hatte er daran gearbeitet, ein richtiger komischer Literat zu werden. Lachen, Geld, Erfolg – alles gelang. Er schrieb, und sein Touristenpublikum lachte. Eines Tages überfiel ihn ein schmerzlicher Gedanke, doch als pragmatischer Geschäftsmann der Zukunft konnte er ihn glücklicherweise schnell verscheuchen: war er jemals wahrhaftig gewesen? Verdiente auch nur einer seiner «billigen Sketche … die mit dem Know-how eines gewieften Profis zusammengebastelt waren, um ein Publikum von Arschlöchern und Affen zu belustigen», ihn zu überleben? Würde er nach all den Jahren, die er damit zubrachte, seinesgleichen zum Lachen zu bringen, immer noch ein Narr sein und als Narr sterben? «Meine Karriere war kein Misserfolg gewesen, zumindest kommerziell: Wenn man die Welt gewalttätig genug angreift, spuckt sie schließlich ihr dreckiges Geld aus; aber Freude kann sie einem nie wiedergeben, nie.»

Eine leichte Traurigkeit ergriff da unseren Komiker. Das Vermögen, das er sich aufgebaut hatte, machte ihm die Insel zur Möglichkeit für die Zukunft. Und doch! Wenn sie es hätten wissen können, sagte er sich bisweilen! Wenn sie hätten wissen können, wie sehr er doch scharfer Beobachter der Wirklichkeit war! Oft hatte man ihn mit den französischen Moralisten verglichen, doch nie kam jemand auf den Gedanken, den Vergleich zu Molière oder Balzac zu ziehen! Er wusste im Übrigen sehr gut, was er letzterem zu verdanken hatte für seinen Sketch, der ganz prosaisch Die Möglichkeit einer Insel hieß, ein realistischer Ansatz der neuen Techniken zur Erlangung der Unsterblichkeit. Mit diesem allerletzten Lebensbericht wollte unser Unternehmenschef den garantierten Lacherfolg bei seinem Publikum von Feriengästen erzielen, mit der lustigen Geschichte des gescheiterten Schriftstellers, der sich ein «beschissenes» Mausoleum für die Ewigkeit baut. Und als geschickter Geschäftsmann hatte er es auch nicht versäumt, vor der Markteinführung zu schreiben: «Es hatte schon viele Spione, viele Verräter in der Geschichte der Menschheit gegeben … aber ich war vermutlich der einzige, der in einer Zeit lebte, in der die technische Voraussetzungen es ermöglichten, meinem Verrat eine tragende Wirkung zu verleihen».

Die Möglichkeit einer Insel konnte nun gleichzeitig in Frankreich, Deutschland, Italien, Spanien und England erscheinen. Ein Kolloquium war für das Monatsende geplant, bei dem alle Touristik-Fachleute zusammen kommen sollten. Er wusste, dass er nun der gefeierte Mittelpunkt war: er hatte sich endgültig der Literatur als unwürdig erwiesen, für alle Ewigkeit.

Christine Lecerf




Michel Houellebecq
Die Möglichkeit einer Insel
Dumont Literatur und Kunst Verlag, August 2005
ISBN: 3832179283









La possibilité d'une île
Fayard, août 2005
ISBN : 2213625476

Erstellt: 05-10-05
Letzte Änderung: 05-10-05


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