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ARTE Journal - 13/01/12

Haiti zwei Jahre nach dem Beben

Zwei Jahre nach dem Erdbeben vom 12. Januar 2010, bei dem 200.000 Menschen starben, liegen in den Straßen der Hauptstadt Port-au-Prince noch immer 5 Millionen Kubikmeter Schutt. Ein Drittel der Obdachlosen, 500.000 Menschen, leben weiterhin in Notlagern. Fast 400.000 Gebäude sind damals eingestürzt oder wurden beschädigt, nicht einmal tausend Häuser wurden seither repariert.


Die Wahlen, die das Land stabilisieren und ihm eine zum Wiederaufbau fähige Führung geben sollten, endeten in einem Fiasko. Dabei hatte die Welt dem Land eine dem Ausmaß der Tragödie angemessene Hilfe zugesagt. Angesichts des miserablen Zustands, in dem Haiti sich schon vorher befand, konnte sie aber nicht mehr sein als ein Tropfen auf den heißen Stein.

Dazu kam eine Cholera-Epidemie, der mehr als 7.000 Menschen zum Opfer fielen. 520.000 Menschen sind noch immer infiziert. Laut der panamerikanischen Gesundheitsorganisation war es die schlimmste Epidemie der letzten hundert Jahre.


Die Republik der Nichtregierungsorganisationen

Die Erdbebenkatastrophe und die Epidemie zogen massive internationale Hilfsanstrengungen nach Haiti. Mehr als 1.000 Nichtregierungsorganisationenarbeiteten unmittelbar nach dem Erdbeben im Chaos von Port-au-Prince. Die solidarische Haltung der Weltgemeinschaft weckte Hoffnung in dem Land, das schon zuvor weitgehend von der Auslandshilfe lebte, mit 75 Prozent Arbeitslosigkeit und einem Staatshaushalt von zehn Milliarden Euro, die hauptsächlich aus Hilfsgeldern stammten.

Zwei Jahre später ist Haiti weit davon entfernt, auf die Arbeit der NGOs verzichten zu können. Die Bevölkerung bleibt auf sie angewiesen, weil der Staat unfähig ist, ihr zu helfen. Hervey Day, der Planungs- und Kooperationsminister der neuen Regierung von Präsident Martelly, der offiziell den Einsatz der Nichtregierungsorganisationenleitet, gesteht offen ein, dass „diese internationalen Organisationen ein Defizit des Staates ausgleichen“. „Wir sind noch nicht so weit, dass wir diese Organisationenersetzen könnten, aber wir müssen den Rahmen ihrer Tätigkeit neu definieren und ihre übermäßige Anzahl korrigieren.“ Sie zu ersetzen, wird wohl ein frommer Wunsch bleiben, in einem Land, das Naturkatastrophen besonders stark ausgesetzt ist, und in dem jeder zweite Bewohner mit weniger als zwei Dollar am Tag auskommen muss.


Die Auslandshilfe in Zahlen
Am 31. März 2010 haben 55 Geberländer Haiti auf lange Sicht insgesamt 10 Milliarden Dollar zugesagt. 5,57 Milliarden sollten innerhalb von zwei Jahren fließen, 1,11 davon in Form eines Schuldenerlasses. Für 2010 waren zusätzlich zu den Schuldentilgungen 2,01 Milliarden Dollar für den Wiederaufbau zugesagt worden.

Die UN-Mission
Die Vereinten Nationen sind seit 1990 auf Haiti präsent. Damals hatte die provisorische Regierung um eine Intervention gebeten. Da das Land seither zwischen Putsch und Diktaturen hin- und herschwankte, wurde die UN-Mission, inzwischen unter dem Kürzel Minustah, bis heute weitergeführt. Auch ihre Truppe wurde vom Erdbeben schwer getroffen, 102 Mitglieder starben beim Einsturz ihrer Gebäude. Trotzdem sichern die Blauhelme weiterhin zusammen mit den Hilfsorganisationen die Verteilung der Hilfsmittel an 4,3 Millionen Haitianer, und helfen beim Aufbau von Notunterkünften für 1,5 Millionen Menschen. Trotz der geleisteten Hilfe ist das Ansehen der Minustah bei der Bevölkerung miserabel: Die Haitianer hatten die UN-Soldaten sogar beschuldigt, sie hätten die Cholera eingeschleppt und an die Bevölkerung übertragen.

Das französische Engagement
Frankreich hat bereits fast drei Viertel der von ihm zugesagten bilateralen Hilfe ausgezahlt (326 Millionen) und arbeitet zusammen mit der EU und den USA am Wiederaufbau zweier Viertel und eines Krankenhauses in Port-au-Prince. Französische Hilfsorganisationen (darunter das rote Kreuz, Ärzte der Welt und Ärzte ohne Grenzen) arbeiten an gut zwanzig Projekten, die immer noch zur Nothilfe gezählt werden (medizinische und materielle Versorgung der Opfer und Abwasserreinigung). Weitere Projekte sollen die Wirtschaft ankurbeln, den Wiederaufbau insbesondere von Schulen voranbringen, und den Zugang zur Bildung verbessern.
Aktuelle Zahlen aus Deutschland liegen noch nicht vor. Private Spender zeigten sich dort aber großzügig: Allein das Deutsche Rote Kreuz erhielt bisher 33 Millionen Euro für die Haiti-Hilfe.


Erstellt: 11-01-12
Letzte Änderung: 13-01-12