Summer of Love - Im Gespräch mit ... - 02/09/08
Hannes Rossacher
Interview mit dem Filmemacher und Produzenten Hannes Rossacher über die Hippie-Bewegung der sechziger Jahre.
ARTE: Herr Rossacher, waren Sie selbst einmal ein Hippie?
Rossacher: Ein wirklicher Hippie war ich nicht. Aber ich war natürlich in dieser Zeit auch Teil einer Jugendkultur oder Jugendbewegung, die viele neue Freiheiten ausprobierte. Wir sind also nach Griechenland getrampt, haben auf Kreta im Freien geschlafen und uns in München im Englischen Garten herumgetrieben, auch um zusammen Musik zu machen. Hippie hat man sich auch nicht gleich auf die Stirn tätowieren lassen, das war doch mehr ein amerikanisches Phänomen und zunächst eine Bezeichnung für jemanden, der eigentlich ein Totalaussteiger war. Wir sind doch letztlich alle zur Schule gegangen, haben später studiert usw., d.h. in meinem Umfeld haben wir zwar die neuen Ideen ausprobiert, sind aber in der Fahrspur geblieben.
Aber ein Teil der Hippiebewegung war sicher auch sehr stark mit diesen Freiheitsgedanken verbunden. Welche Erinnerungen verbinden Sie noch mit dem Beginn der Hippiebewegung um 1967?
Ich glaube die 60er haben prinzipiell eine ganz dramatische gesellschaftliche Umwälzung gebracht. Es gab mehrere Faktoren, die da eine Rolle spielten, z.B. auch, dass Anfang der 60er Jahre die Antibabypille verfügbar wurde. Dann ist eine junge Generation herangewachsen, die den Zweiten Weltkrieg nicht mehr erlebt hatte und dieses Trauma nicht mit sich herumtrug. Es gab den Rock´n´Roll der 50er und damit einhergehend ein neues Freiheitsbedürfnis, das die sogenannten Beat-Poeten, Jack Kerouac, William Burroughs, Allan Ginsberg und andere in ihren Büchern propagierten. Also rauszugehen in die Welt, unterwegs sein, alles zu hinterfragen, auch sich selbst und andere Werte zu entwickeln. Die Hippies haben sich zum Teil aus den Anhängern dieser Beat-Poeten in San Francisco entwickelt, die galten eben als hip, und ihre Anhänger waren dann die Hippies, und die Jugendlichen strömten nach San Francisco, um dort abzuhängen. Es ging ja nicht nur um freie Liebe in sexueller Hinsicht, es entstanden auch ganz neue Formen des Zusammenlebens, denn man wollte aus dem traditionellen Familienverband aussteigen. Wir leben jetzt in Kommunen, hieß es, wir wollen anders leben. Auch die Spiritualität spielte eine wichtige Rolle, die Entdeckung fernöstlicher Meditation, also die Suche nach spirituellen Erlebnissen. Das ist alles fast gleichzeitig aufgekommen und hat sich schnell verbreitet, parallel auch noch zu einer ungeheuer dynamischen Entwicklung in der Musikszene, und das hat sich gegenseitig stark beeinflusst.
Genau zu dieser Zeit gab es auch das erste große, mehrtägige Rock-Musikfestival, das legendäre Monterey Pop Festival im Juni 1967, schon zwei Jahre vor Woodstock. War das so eine Art Initialzündung für die Musikszene, die sich fortsetzte über „Woodstock“, „Fehmarn“ in Deutschland, „Roskilde“ in Dänemark, usw. bis hin zu den heutigen „Rock Am Ring“- oder „Rock im Park“-Festivals, die immer noch Hunderttausende versammeln?
Ja, das schon. Es gab zwar Musikfestivals auch schon vorher, man sollte auch an das ganz wichtige Newport Folk Festival denken, das seit 1959 stattfand, auf dem Joan Baez 1960 ihren ersten Auftritt hatte, und Bob Dylan 1965 ausgebuht wurde, weil er eine E-Gitarre spielte. Davon handelt ja auch der berühmte Dokumentarfilm von D. A. Pennebaker „Don’t look back“.. Also, es gab Musikfestivals in der einen oder anderen Form natürlich auch schon vorher, aber es war tatsächlich das Monterey Pop Festival, das gezeigt hat, dass diese neue Ideen jetzt die dominierenden Kräfte in der Jugendkultur sind. Das Monterey Pop Festival hat die verschiedenen Strömungen der Gegenkultur zum ersten Mal richtig zusammengeführt. Es war mehr als ein Musikfestival, mit dabei waren viele Künstler, die z.B. die schönen psychedelischen Poster gemacht haben. Das Catering wurde von Kommunen übernommen, die eben auch andere Lebensmittel mitbrachten, aus dem Eigenanbau und schon mit einem neuen Ernährungsbewußtsein. Es gab auch die ersten psychedelischen Lightshows und natürlich spielten die halluzinogenen Drogen dabei keine unwesentliche Rolle. Man darf ja nicht vergessen, dass bis 1967 die Einnahme von LSD straffrei war, das war eine zugelassene Droge. Marihuana kam immer mehr auf, man hat viel über Bewusstseinserweiterung gesprochen. Man könnte sagen, dass alles ab Mitte der 60er Jahre von Schwarz-Weiß auf Farbe umgesprungen ist. Es kam nicht nur das Farbfernsehen auf, sondern auch in die Pop- und Rock-Musik kam die Farbe ins Spiel. Während die Beatles 1964 gewissermaßen noch in schwarz-weiß spielten, waren sie 1967 in „Sgt. Pepper“ schon sehr farbig. Und so ist damals auch die ganze Jugendkultur plötzlich sehr bunt geworden.
Die Hippies von 1967 und danach wollten doch zunächst nur ihr eigenes Bewusstsein verändern und davon erhofften sie sich vielleicht auch eine bessere Gesellschaft, eine bessere Welt. Die politischeren 68er sahen das dann wohl eher umgekehrt: Zuerst die Gesellschaft, und dann die Menschen verändern. Richtig funktioniert hat wohl beides nicht. Aber warum spielte eigentlich die Musik für die Hippiebewegung eine so zentrale Rolle?
Die Entwicklung war zunächst in Amerika und Europa sehr unterschiedlich. In den USA hat die Jugend den Vietnamkrieg abgelehnt und der Protest dagegen vermittelte eine starke Einigkeit. Es gab ja noch die allgemeine Wehrpflicht, es konnte damals jeden treffen, jeder konnte eingezogen und nach Vietnam geschickt werden. Die Ablehnung des Krieges war sehr groß, die politische Seite der Jugendkultur hat gegen diesen Krieg vehement gekämpft. An diesem Protest haben sich die Musiker beteiligt, z.B. als Jimi Hendrix die amerikanische Nationalhymne in Woodstock gespielt hat und sie musikalisch total zerlegt hat, in atonale Riffs. Er hat die Nationalhymne dekonstruktivistisch zerlegt – auch wenn es den Begriff damals so noch nicht gab - und eigentlich ist es der Gesellschaft in Amerika damals so ähnlich ergangen. In Europa war es eher so, dass die stärker politisch engagierten Jugendlichen mit dem Teil der Jugend, der auch gesellschaftliche Veränderungen wollte, es aber nicht so stark politisch zum Ausdruck brachte, wenig zu tun hatten – diese Strömungen sind parallel gelaufen, hatten kaum Überschneidungen. Zugespitzt gesagt hatte die Dutschke-Fraktion überhaupt kein musikalisches oder hedonistisches Bewusstsein und hat permanent diskutiert. Die Leute, die Musik gemacht haben und Bewusstseinserweiterung auch auf dem Weg über Drogen suchten, und die sich für alternative Lebensformen interessierten, die waren ganz anderes darauf. Auch Feindschaft zwischen der Kommune 1 und innerhalb der Kommune wurden Langhans und Obermaier angefeindet, weil sie sozusagen die Aushängeschilder, weil sie so Pin-Ups waren und das wurde stark kritisiert, dass sie sich nackt für das Stern-Titelbild haben fotografieren lassen. Die einen waren eben ziemlich humorlose Politfritzen und andere, wie z.B. die Musikerkommune von Amon Düül in München, hatten mit der Politfraktion nichts am Hut. Prinzipiell muss man aber sagen, dass sowohl in Amerika wie in Europa eine große Naivität vorherrschte, hinsichtlich der Möglichkeit, die Gesellschaft wirklich zu verändern. Immerhin war es aber das erste Mal, dass sehr viele junge Menschen sagten, irgendwas stimmt nicht, es muss sich was ändern, obwohl sie auch keine Rezepte hatten, keine Lösungen. Man hat Musik gehört, es wurde Hermann Hesse gelesen und die Beatnick-Literatur, auch Wilhelm Reich und Herbert Marcuse. Man war auf einer großen Sinnsuche und hat vieles formuliert und ausprobiert, spontan, ohne zu wissen, wohin es führt, oder zu ahnen, dass es auch nur in die Katastrophe führt.
Aber Musik war doch schon ein wichtiges Transportmittel für dieses neues Bewusstsein?
Musik war immer die Gleitcreme in der ganzen Geschichte, so wie jeder Film einen guten Soundtrack braucht, und es war natürlich wunderbar, dass die Popmusik der 60er einen perfekten Soundtrack liefern konnte zu diesen neuen Ideen. In jedem Jahrzehnt gibt es die entsprechende Musik, und jedes Jahrzehnt hat dann auch die Musik, die es verdient.
Die Rock-Festivals von Monterey bis Woodstock sind zumindest als friedlich und harmonisch in die Musikgeschichte eingegangen. Es gab aber auch das Rolling Stones Konzert, in Altamont, im Dezember 1969, da wurde ein Afroamerikaner von einem Mitglied der Hells Angels bei einer Messerstecherei getötet. Spätestens mit diesem Vorfall verlor die Hippiebewegung ihre Unschuld und Unbeschwertheit, die Mordtaten der Manson-Kommune hatten zuvor schon einen Schock ausgelöst. Es gibt aber bis heute große, mehrtägige Rockfeste, die immer noch im Zeichen von Love and Peace stehen könnten. Aber was hat sich verändert, ist es eine ganz andere Szene geworden?
Natürlich ist das eine ganz andere Szene. Authentische Jugendbewegungen entstehen im subkulturellen Bereich, auf der Straße, ohne dass es von oben stimuliert wird. Das hat dann eine gewisse Wegstrecke, wo es wie ein Biotop unkontrolliert und frei von kommerziellen Aspekten vor sich hin wuchern kann. Das gibt es auch immer wieder, das ist bis heute so. Es waren ja eher die Jahre 1965 und 1966, in denen die Hippiebewegung entstand, als das noch eine wirklich authentische Bewegung war. 1967 hat eigentlich schon die Kommerzialisierung eingesetzt. Plötzlich sind die Medien weltweit aufmerksam geworden. Dann sind schon die Fernsehreporter hingereist und haben berichtet, und es gab die ersten Bustouren durch Haight-Ashbury – das Hippie-Viertel von San Francisco. Man konnte mit großen Reisebussen durch den Stadtteil fahren, wie durch einen Safaripark, und konnte sich Hippies anschauen. Das haben wir auch in unsere 4-teilige Doku-Reihe „Summer of Love“ aufgenommen. Die großen Plattenfirmen haben die San Francisco-Bands unter Vertrag genommen, „Jefferson Airplane“, „Quicksilver Messenger Service“ usw., da ist das ganze auch in San Francisco selbst schon bald ins Kommerzielle gekippt.
Heute leben wir in einer Zeit, in der alles noch viel schneller geht. Wenn irgendwo etwas passiert, oder sich ein neuer Trend zeigt, ob in Los Angeles oder in London, weiß man das über Internet, Fernsehen und andere Medien sofort in der ganzen Welt. Damals war es noch verzögert, als hätte jemand in Kalifornien einen Stein ins Wasser geworfen. Bis diese Wellen in Deutschland oder in Europa wirklich ankamen, hat es Monate, sogar eins, zwei Jahre gedauert. Da heißt also, dass die Hippiebewegung ihren Zenit schon im Sommer 1967 in San Francisco eigentlich überschritten hatte, während das in Deutschland und West-Europa erst 1969/1970 wirklich losging. Damals ist auch eine Platte von „The Doors“ oder „Grateful Dead“ nicht gleichzeitig auf der ganzen Welt erschienen. Da konnte jemand in den USA schon eine Nummer 1 sein, während man in Deutschland praktisch noch nichts davon gehört hatte.
Glauben Sie, dass von diesen damaligen Ideen, die ja nicht alle schlecht waren, etwas übrig geblieben ist, das bis in unsere Gegenwart hinein wirkt? Oder ist alles weg, nur noch nostalgische Reminiszenz?
Nein, ich glaube sogar, dass damals sehr vieles eine Art Grundsteinlegung erfahren hat. Eine gewisse Befreiung in der sexuellen Moral, ein freierer Umgang mit Sexualität, ist definitiv in dieser Zeit entstanden und wirkt bis heute nach. Auch das kritische Umweltbewusstein, die Abkehr von einem reinen Fortschrittsglauben, ist in dieser Zeit entstanden, fast das gesamte grüne Gedankengut hat in einer bestimmten Form seinen Ursprung in dieser Gegenkultur. Und natürlich der gesamte spirituelle Aspekt, dass man eine innere und äußere Balance finden muss, das ist doch aktueller denn je. Außerdem entstand damals ein neuer, alternativer Journalismus, gerade auch in der Musikszene. Man wollte weg von den Bravo-artigen Jubelzeitschriften, hin zu einem kritischen Musikjournalismus. Das Rolling Stone Magazin wurde 1967 in San Francisco gegründet, und es ist immer noch eine der wichtigsten Musikzeitschriften.
Also können wir heute noch von diesen Ideen profitieren?
Das spürt man jedenfalls bis heute, auch wenn nicht überall dran geschrieben steht „Copyright 1967“. Aber diese Entwicklungen und Veränderungen haben entscheidend dazu beigetragen, dass die Welt heute so ist, wie sie ist, dass vieles freier und selbstbestimmter ist. Die starren Familienstrukturen haben sich aufgelöst, die gesellschaftliche Struktur ist trotz allem durchlässiger geworden. Die damalige Elterngeneration war traumatisiert vom letzten Krieg, und war gelähmt vom andauernden Kalten Krieg und der nuklearen Bedrohung. Nachdem diese Generation alle Kriege erlebt hatte, haben sie auch es für wahrscheinlich gehalten, dass es zum Einsatz von Nuklearwaffen kommen wird. Jeder wollte nur schnell Geld verdienen, sich einen kleinen Luxus erwirtschaften und hat dafür den Kopf eingezogen. Mit den Hippies und der Gegenkultur der Jugend ist das alles aufgebrochen.
Also war die ganze Gegenbewegung, die Festivals, Be-Ins und der „Summer of Love“ auch ein gesellschaftliches Ventil. Haben Sie noch schöne Festivalerlebnisse in Erinnerung?
Ja, großartige, aber auch sehr chaotische Festivalerlebnisse, weil damals nichts und niemand pünktlich war. Die Verstärker haben gepfiffen, alles ist in einem Organisationschaos versunken. Gleichzeitig war es eine sehr intensive und authentische Kultur. Heute ist alles professionell vermarktet, es gibt natürlich „Rock Am Ring“ oder sonst was, aber das sind riesige Veranstaltungen, die perfekt durchorganisiert sind, von großen Konzernen geführt. Da findet ein geordneter Konsum von Pop- und Rock-Kultur statt. Die freien, anarchischen Elemente, die es in der Szene damals gab, die sind verloren gegangen.
Interview: Thomas Neuhauser (ARTE, Mai 2007)
Erstellt: 02-09-08
Letzte Änderung: 02-09-08