- Lesen Sie ein Porträt zu Hans Scholl von Ulrich Chaussy aus dem Buch "Sophie Scholl - Die letzten Tage"
Hans Fritz Scholl wurde am 22. September 1918 in Ingersheim bei Crailsheim geboren. Er war, nach seiner ein Jahr zuvor geborenen Schwester Inge, das zweite Kind von Robert und Magdalene Scholl, ihr ältester Sohn.
Es gibt eine von ihm verfasste Passage im ersten Flugblatt der Weißen Rose, die man zweimal lesen muss. Denn was zunächst nur nach einem allgemeinen politischen Pamphlet klingt, das spiegelt präzise auch seine ganz persönliche Entwicklung: »Goethe spricht von den Deutschen als einem tragischen Volke, gleich dem der Juden und Griechen, aber heute hat es eher den Anschein, als sei es eine seichte, willenlose Herde von Mitläufern, denen das Mark aus dem Innersten gesogen und die nun ihres Kernes beraubt, bereit sind, sich in den Untergang hetzen zu lassen. Es scheint so - aber es ist nicht so; vielmehr hat man in langsamer, trügerischer, systematischer Vergewaltigung jeden einzelnen in ein geistiges Gefängnis gesteckt, und erst als er darin gefesselt lag, wurde er sich des Verhängnisses bewusst. « (1)
Die Flugblatt-Sätze schildern Hans Scholls Leben im Telegrammstil. Denn während seine späteren Gefährten in der Weißen Rose, Alexander Schmorell, Christoph Probst und Willi Graf, sich schon als Jugendliche dem Zugriff der Hitlerjugend entzogen, begeisterten sich Hans Scholl und seine Geschwister in Ulm von 1933 an zunächst durchaus für die »Neue Zeit«, die sie mit Hitler gekommen sahen. Hans war damals gerade 15 Jahre alt. Die langsame, trügerische, systematische Vergewaltigung« hatte auch ihn zeitweise »in ein geistiges Gefängnis gesteckt«. Viele Jugendliche in Deutschland erlebten HJ und BDM als die ersten Gelegenheiten, sich dem bestimmenden elterlichen Einfluss zu entziehen. Was die Jugendbewegung zu Beginn des Jahrhunderts mit ihrem Ausbruch »aus grauer Städte Mauern« als bündische Protestbewegung gegen die Welt der Erwachsenen begonnen hatte, schien nun von der staatlichen Macht akzeptiert. Die schiefe Gleichung lautete: Im Konflikt der Generationen stehe der neue NS-Staat auf Seiten der Jungen gegen die Alten. Diese schiefe Gleichung galt für die Scholl-Geschwister Inge, Hans, Elisabeth, Sophie und Werner bis etwa 1936.Dass ihr Vater Robert Scholl von Anbeginn in der Familie vehement kritisch gegen den Nationalsozialismus auftrat, passte dabei ins Bild der Jungen. Die Argumente des liberal gesinnten Mannes stießen über drei Jahre hinweg bei seinen Kindern auf taube Ohren. Robert Scholl hatte schon im nationalen Taumel der Kriegsbegeisterung von 1914 einen kühlen Kopf bewahrt und mit pazifistischer Entschlossenheit den Kriegsdienst verweigert. Ebenso kühl widerstand er dem Begeisterungstaumel für Hitler. Inge Scholl berichtet in ihrem Buch >Die Weiße Rose<, wie ihr Vater dem Argument seiner Kinder begegnete, Hitler habe ja sein Versprechen gehalten und die Arbeitslosigkeit abgeschafft:
»Das bestreitet ja niemand. Aber fragt nicht, wie! Die Kriegsindustrie hat er angekurbelt, Kasernen werden gebaut... Wisst ihr, wo das endet? ... Er hätte es auch auf dem Wege der Friedensindustrie schaffen können, die Arbeitslosigkeit zu beseitigen - in der Diktatur ist das leicht genug zu erreichen. Wir sind doch kein Vieh, das mit einer vollen Futterkrippe zufrieden ist. Die materielle Sicherheit allein wird nie genügen, uns glücklich zu machen. Wir sind doch Menschen, die ihre freie Meinung, ihren eigenen Glauben haben. Eine Regierung, die an diese Dinge rührt, hat keinen Funken Ehrfurcht mehr vor dem Menschen. Das aber ist das erste, was wir von ihr verlangen müssen.« (2)
Es vergehen Jahre, bis Hans Scholl im Sommer 1942 mit den einleitenden Passagen des von ihm verfassten ersten Flugblattes der Weißen Rose zum öffentlichen Echo der Gedankengänge seines Vaters Robert Scholl werden wird. Dann aber ist die Ähnlichkeit der Grundsatzpositionen nicht mehr zu verkennen. »Ist es nicht so, dass sich jeder ehrliche Deutsche heute seiner Regierung schämt, und wer von uns ahnt das Ausmaß der Schmach, die über uns und unsere Kinder kommen wird, wenn einst der Schleier von unseren Augen gefallen ist und die grauenvollsten und jegliches Maß unendlich überschreitenden Verbrechen ans Tageslicht treten? Wenn das deutsche Volk schon so in seinem tiefsten Wesen korrumpiert und zerfallen ist, dass es, ohne eine Hand zu regen, im leichtsinnigen Vertrauen auf eine fragwürdige Gesetzmäßigkeit der Geschichte das Höchste, das ein Mensch besitzt und das ihn über jede andere Kreatur erhöht, nämlich den freien Willen, preisgibt, die Freiheit des Menschen preisgibt, selbst mit einzugreifen in das Rad der Geschichte und es seiner vernünftigen Entscheidung unterzuordnen - wenn die Deutschen, so jeder Individualität bar, schon so sehr zur geistlosen und feigen Masse geworden sind, dann, ja dann verdienen sie den Untergang.« (3)
Hans Scholl hatte es in der HJ von 1933 bis 1936 bis zum Fähnleinführer von somit 160 Hitlerjungen gebracht. In dieser Zeit beeindruckten ihn die Argumente des Vaters nicht. Hans musste erst auf ganz eigene Widersprüche und Konflikte mit der Bewegung stoßen, der er sich verschrieben hatte. Er versuchte, anfänglich noch geduldet, innerhalb der HJ die Traditionen der bündischen Gruppe »deutsche jungenschaft« — abgekürzt: »d.j.i.n.« weiterzuführen. (4) Die bestanden in einer eigenartigen Mischung: Zu ihnen gehörte, wie in der HJ, uniformiertes und militärisches Gehabe. Zu ihnen gehörte weiter die Verehrung elitärer Dichter-Priester wie Stefan George. Zu diesen Traditionen gehörte aber auch die Begeisterung für die Moderne der Weimarer Zeit.
Beeinflusst vom Bauhaus schrieb man in Kleinschrift. Man verknüpfte die auf Fahrten ausgelebte Natursehnsucht mit der Begeisterung für die expressionistische Malerei eines Franz Marc. Hans Scholl und seine Freunde zeigten nicht nur für die mittlerweile von den Nazis als »entartet« diffamierten Maler Interesse, sondern auch für verfemte Dichter wie Stefan Zweig oder Thomas Mann. Und zu alledem wurden auf Fahrten und Gruppenabenden keineswegs nur deutsche, sondern auch russische oder skandinavische Volkslieder gesungen. Diese Aktivitäten wurden innerhalb der HJ durch die übergeordneten Führer Zug um Zug verboten. 1936 war Hans Scholl noch als Vertreter seines HJ-Standorts zum Nürnberger Reichsparteitag geschickt worden. Doch von der mit hoher Erwartung angetretenen Reise kehrte er völlig desillusioniert zurück. Die Erfahrungen der letzten Jahre hatten sich in den Marschblöcken und Lichtdomen des Zeppelinfeldes zur Gewissheit verdichtet: Die neue Gemeinschaft, die die Nationalsozialisten anstrebten, sollte durch die systematische Auslöschung von Individualität erreicht werden. Angeekelt und resigniert teilt er diese für ihn neue Erkenntnis seinen Eltern in einem Brief mit. »Mir ist der Kopf schwer. Ich verstehe die Menschen nicht mehr. Wenn ich durch den Rundfunk diese namenlose Begeisterung höre, möchte ich hinausgehen auf eine große einsame Ebene und dort allein sein.« (5)
Immer mehr entwickeln sich bei Hans Scholl Distanz und Wut. Nach dem Abitur absolviert er gerade die ersten Monate seines Wehrdienstes, da werden er und seine Geschwister im Spätherbst 1937 wegen so genannter »bündischer Umtriebe« - das heißt, wegen der Fahrten und Treffen außerhalb der Hitlerjugend, in Untersuchungshaft genommen und angeklagt. Nur eine Amnestie nach dem Anschluss von Österreich rettet die Geschwister vor einem Gerichtsverfahren. In seiner Untersuchungshaft entschließt sich Hans Scholl, Medizin zu studieren. Die Skepsis dem herannahenden Krieg gegenüber, die aus vielen Briefen und Tagebuchnotizen spricht, der Unwille, als kämpfender Soldat zum Werkzeug in den Händen Hitlers und der Nazis zu werden, dürften diese Entscheidung mit beeinflusst haben. Als der Krieg dann im September 1939 mit dem Überfall auf Polen beginnt, notiert Hans Scholl in seinem Tagebuch: »Mich verlangt es nicht nach einem >Heldentum< im Kriege. Ich suche Läuterung. Ich will, daß alle Schatten von mir weichen. Ich suche mich, nur mich. Denn das weiß ich: Die Wahrheit finde ich nur in mir.« (6)
Der Rückzug aus dem von den Nationalsozialisten bestimmten Alltag ist für Hans Scholl nur eine erste Reaktion. Im Kreis der Geschwister und der engsten Freunde beginnt die Suche nach eigenen Orientierungen. Bücher, von Hand zu Hand gegeben, gemeinsam gelesen und diskutiert, spielen dabei eine entscheidende Rolle. Otl Aicher, der Freund und spätere Ehemann von Inge Scholl, ist der literarisch-philosophische Pfadfinder des Freundeskreises. In seiner Autobiographie >innenseiten des krieges< beschreibt er die mühsame Suche nach lesenswerten Büchern: »Politische Literatur gab es für uns nicht. Alles, was dem Staat nicht passte, wurde weggeräumt, zum Teil öffentlich verbrannt. Aber gelegentlich geht auch der Zensur etwas durch die Lappen. Ein Buch mit dem Titel: >Die Zukunft der Christenheit< musste offensichtlich ein religiöses Buch sein, auch wenn darin die Demokratisierung der Wirtschaft durch Mitbestimmung und Mitverwaltung gefordert wird, um die Macht des Kapitals einzudämmen. Maritain war ein französischer Philosoph. Ich kam auf ihn über meine Thomas-Studien. [...] Von Jacques Maritain übernahmen wir den Begriff der pluralistischen Demokratie. Atheisten werden neben Christen leben, Sozialisten neben Liberalen, und keine utopische Ideologie, sei es die der Rasse oder die der Klasse, kann Herrschaft über andere legitimieren.« (7)
Der evangelisch getaufte Hans Scholl entdeckte mit seinen Freunden die Schriften des französischen Zeitgenossen George Bernanos, etwa sein >Tagebuch eines Landpfarrers<. Bernanos war ein führender Kopf des »Renouveau Catholique«, einer Erneuerungsbewegung des Katholizismus, in der der Versuch unternommen wurde, religiöse Spiritualität und politisch-soziales Engagement zu verbinden. Hatte sich Hans Scholl ab 1936 zunächst den politischen Zumutungen des Nationalsozialismus entzogen, um zu sich selbst zu finden, beginnt er diesen Rückzug ins Private seit dem Beginn des Krieges kritisch zu sehen:
»Soll man hingehen, ein kleines Haus bauen mit Blumen vor den Fenstern und einem Garten vor der Tür und dort Gott preisen und danken und der Welt mit ihrem Schmutz den Rücken kehren? Ist nicht Weltabgeschiedenheit Verrat, Flucht? Das Nacheinander ist zu ertragen. Aus den Trümmern steigt der junge Geist empor zum Licht. Aber das Nebeneinander ist Widerspruch. Trümmer und Licht zur gleichen Zeit. Ich bin klein und schwach, aber ich will das Rechte tun.« (8) Nicht nur dieser Brief an die Freundin Rose Nagele belegt, dass allein die innere Abkehr vom Nationalsozialismus Hans Scholl nicht zufrieden stellen konnte. Aber: Sollte, durfte, musste er aktiv Widerstand leisten? Diese Frage trieb Hans Scholl noch im Winter 1941/42 um, und er hatte sich noch nicht entschieden. In dieser Zeit traf er, vermittelt durch die Schwester Sophie, mit dem Ulmer Schüler Hans Hirzel zusammen. »Hans Scholl hat mir im Winter Anfang 42 schlimme Dinge erzählt, dass die Nazis Anstalten treffen, die gesamte polnische Intelligenz auszurotten und auch die Juden. Dabei wussten wir nur von 300 000. Hätten wir die wahren Zahlen gewusst, hätte das uns viel Gewissensqualen erspart. Das war schwerwiegend, ging es doch um die Frage, dagegen anzugehen. Und es verdichtete sich der Eindruck, dass man es tun muss. So war das im Frühjahr 1942.
Hans Scholl war da noch dagegen. Aus religiösen Gründen. Und zwar wegen der enormen Unterschiede der Größenordnungen: Hier das große mächtige Reich mit seinen Hilfsmitteln, dort eine kleine Gruppe von jungen Leuten ohne Macht und Erfahrung, ohne wichtige Stellung. >Steht's uns denn zu?<, fragten wir uns, im Sinne unserer Meinung zu handeln.
Mögen die Gründe dafür so zwingend sein, wie sie wollen. Verstößt man da nicht gegen eine universelle Ordnung? Es wäre Sache der Bischöfe, Richter etc. Die sind dafür berufen. Die müssen ihr Leben einsetzen. Ist das nicht überheblich, wenn wir eingreifen? Ist nicht Demut richtiger? Das war Hans Scholls Meinung damals. Er gebrauchte den Ausdruck >nicht eingreifen in das Rad der Geschichten Das war bei uns verbreitet.« (9)
»Selbst mit einzugreifen in das Rad der Geschichte.« Als Hans Hirzel in Ulm wenige Monate später im Juni 1942 die ihm anonym per Post zugesandten Flugblätter der Weißen Rose liest, entdeckt er darin diesen Halbsatz wie ein Kennwort. »Wenn das deutsche Volk schon so in seinem tiefsten Wesen korrumpiert und zerfallen ist, dass es, ohne eine Hand zu regen, im leichtsinnigen Vertrauen auf eine fragwürdige Gesetzmäßigkeit der Geschichte das Höchste, das ein Mensch besitzt und das ihn über jede andere Kreatur erhöht, nämlich den freien Willen, preisgibt, die Freiheit des Menschen preisgibt, selbst mit einzugreifen in das Rad der Geschichte [Kursivierung von Ulrich Chaussy] und es seiner vernünftigen Entscheidung unterzuordnen - wenn die Deutschen, so jeder Individualität bar, schon so sehr zur geistlosen, und feigen Masse geworden sind, dann, ja dann verdienen sie den Untergang.« (10)Der Autor dieser Sätze kann nur Hirzels vor kurzem noch zweifelnder Gesprächspartner Hans Scholl sein. Er hat sich, wie er später in seiner Vernehmung bei der Gestapo bekennen wird, für den aktiven Widerstand entschieden, »[...] weil ich bestrebt sein wollte, als Staatsbürger dem Schicksal meines Staates nicht gleichgültig gegenüberzustehen, entschloss ich mich, nicht nur in Gedanken, sondern auch in der Tat meine Gesinnung zu zeigen. So kam ich auf die Idee, Flugblätter zu verfassen und zu verfertigen.
Als ich mich zur Herstellung und Verbreitung von Flugblättern entschlossen habe, war ich mir darüber im Klaren, dass eine solche Handlungsweise gegen den heutigen Staat gerichtet ist. Ich war der Überzeugung, dass ich aus innerem Antrieb so handeln musste und war der Meinung, dass diese innere Verpflichtung höher stand, als der Treueid, den ich als Soldat geleistet habe. Was ich damit auf mich nahm, wusste ich, ich habe auch damit gerechnet, dadurch mein Leben zu verlieren.« (11)
"Sophie Scholl - Die letzten Tage"Sophie Scholl
Die letzten Tage
Von Fred Breinersdorfer
Fischer Taschenbuch
ARTE Edition 2005
ISBN-10: 3596166098
ISBN-13: 978-3596166091
Das Buch zum Film mit zahlreichen bisher unveröffentlichten Dokumenten, u.a. den Verhörprotokollen
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1 - Flugblätter der Weißen Rose, I, siehe S. 11 ff.
2 - Inge Scholl, Die Weiße Rose, a.a.O., S. 18/19.
3 - Flugblätter der Weißen Rose, I, siehe S. 11 ff.
4 - So benannt nach dem Datum ihrer Gründung am 1. November 1929.
5 - Brief an die Eltern. Bad Cannstatt, 14.3.1938, in: Hans und Sophie Scholl, Briefe und Aufzeichnungen, a.a.O., S. 16.
6 - Tagebuch Hans Scholl, 20.9.1939, in: Hans und Sophie Scholl, Briefe und Aufzeichnungen, a.a.O., S. 26.
7 - Otl Aicher, innenseiten des krieges, Frankfurt 1985, S. 71.
8 - Brief an Rose Nägele, in: Hans und Sophie Scholl, Briefe und Aufzeichnungen, a.a.O., S. 53/54.
9 - Hans Hirzel, Interview mit dem Verfasser, 15.7.1990.
10 - Flugblätter der Weißen Rose, I, siehe S. 11 ff.
11 - Vernehmung Hans Scholl, BA ZC 13267, Bd. 2.







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