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Im Gespräch mit... - 12/06/09

Hans Steinbichler

Autor und Regisseur von "Hierankl"


Samstag, 14. Juni 2008, um 22.15 Uhr auf ARTE

"Heimat ist da, wo es wehtut"


Mit seinem Erstlingswerk „Hierankl“ erweitert Regisseur Hans Steinbichler das Genre Heimatfilm: Die scheinbar heile Welt einer Familie zerbricht an ihren eigenen Lügen und Geheimnissen.

Hans Steinbichler ist ein „Natur-Talent“. Im Chiemgau aufgewachsen, liegen ihm Natur und Landschaft seiner Heimat sehr am Herzen. Mit „Hierankl“, seinem ersten Langspielfilm, zeigte er mit Erfolg, dass der Heimatfilm noch nicht ausdefiniert ist. „Hierankl“ wurde 2003 auf dem Münchner Filmfest mit dem „Förderpreis Deutscher Film“ ausgezeichnet. Johanna Wokalek bekam für ihre Darstellung der Lene den Preis als beste Schauspielerin sowie den Bayerischen Filmpreis.

ARTE: In „Hierankl“ brechen Sie mit den Klischees des deutschen Heimatfilms und schauen hinter die Fassade des Alpenglücks. Was bedeutet für Sie Heimatfilm?
Hans Steinbichler: Der Begriff Heimatfilm bedeutete lange Zeit, dass glückliche Leute mit niedlichen Problemen auf grünen Wiesen ein Happy End erleben. Für mich aber bedeutet Heimatfilm den Anfang einer neuen Entwicklung. Denn Heimat hat immer mindestens zwei Seiten, eine gute und eine schlechte. Mir geht es darum, dass man sich ehrlich mit seiner Vergangenheit und mit seiner Heimat auseinandersetzt. Das kann auch durchaus schmerzhaft sein und Konflikte hervorrufen. Ein Satz aus Chris Kraus’ Film „Scherbentanz“ bringt es auf den Punkt: „Heimat ist da, wo es wehtut.”

ARTE: Haben Sie deshalb dieses Genre gewählt?
Hans Steinbichler: Ich habe tatsächlich einen großen Bezug zu meiner Heimat und zu ihrer sagenhaften Landschaft. Im Chiemgau kenne ich jeden Stein. Die Schauplätze des Films entsprechen einer emotionalen Landkarte meines Inneren: ein erster Kuss, ein Ort, an dem ich eine bestimmte Musik gehört habe – diese Gefühle waren für mich und meinen Film ausschlaggebend. Ich möchte die Klischees aus dem Weg räumen. Heimatfilm kann mehr bieten als heile Welt.

ARTE: In „Hierankl“ bricht Lene aus der Enge des Weilers aus und zieht weit weg in die Metropole Berlin. Haben Sie einen ähnlichen Loslösungsprozess erlebt?
Hans Steinbichler: Meine Kindheit habe ich ohne Fernseher in einem Kuhdorf verbracht und das auch sehr genossen. Erst für mein Studium habe ich mein Zuhause verlassen und bin nach Passau gegangen. Mich interessiert der Konflikt des Loslösens. Ich kenne viele Leute, die eine extreme Distanz zu ihrem Zuhause suchen und möglichst weit weg ziehen. Für die persönliche Entwicklung ist dies sicherlich nur gesund. Jeder muss für sich klären: An welchem Punkt frisst mich die Familie auf? Wo beginnt eigentlich meine eigene Identität?

ARTE: „Alles verändert sich, sogar der Hund, nur du nicht“. Mit diesem Satz beschreibt Lenes Vater seinen Sohn Paul, der die Familie unbedingt zusammenhalten will. Was bedeuten Ihnen Veränderungen?
Hans Steinbichler: Veränderungen bringen einen im Leben weiter. Man kann nicht krampfhaft an Gehabtem festhalten, auch wenn man es manchmal gerne tun würde. Ganz plakativ stellt sich Lene ja am Anfang des Films ihre Grundfragen des Lebens: Hast du Sex? Hast du Familie? Bist du in Bewegung? Auch wenn dieses Dreigestirn sehr konstruiert wirkt, macht es letztlich alle Faktoren aus, die einen glücklich machen. „In Bewegung sein“ heißt eben auch, sich Veränderungen gegenüber zu öffnen. Lene hat sich gelöst, fährt aber zurück zu ihrer Familie, aus Abhängigkeit, aus Tradition.

ARTE: In „Hierankl“ kommt eine Familie zusammen, die ihre wahren Probleme lange verdrängt hat. Finden Sie es typisch für Bayern und insbesondere für das Landleben, Probleme unter den Tisch zu kehren?
Hans Steinbichler: Tatsächlich ist Bayern geradezu prädestiniert für diese Kommunikationsunfähigkeit und Verdrängung. Entscheidungen werden gerne „nach oben“ abgegeben, an Gott, den Staat oder Institutionen. Die Bayern, insbesondere die Leute auf dem Land, schweigen lieber anstatt zu sprechen. Auf dem Land funktionieren Konventionen und Rituale noch so, dass Menschen daran zerbrechen können. Neben der engen sozialen Kontrolle hat die katholische Kirche dort einen starken Einfluss auf die Menschen.

ARTE: „Hierankl“ ist ein Autorenfilm. Welche Vorbilder haben Sie?
Hans Steinbichler: Pedro Almodóvar ist ein großartiger Filmemacher, der dem Heimatfilm gänzlich neue Aspekte abgewonnen hat. Faszinierend ist auch Claude Chabrol. In seinen Nouvelle Vague-Filmen zeigt er die dunklen Seiten der Menschen, ihre Konflikte. Diese Dinge interessieren mich auch. Deswegen habe ich im Film typische Merkmale unserer Zeit wie Drogen, Autos oder Technik weggelassen. Ich wollte die Geschichte auf das Wesentliche beschränken. Ideal ist ein Film, wenn er die Prinzipien der antiken Tragödie beherzigt und sich die Geschichte immer wieder übertragen lässt.

ARTE: Was sind Ihre aktuellen Projekte?
Hans Steinbichler: Gerade drehe ich „Winterreise“ mit Sibel Kekilli, Josef Bierbichler und Hanna Schygulla. Der Film erzählt die Geschichte eines Eisenwarenhändlers, der einem angeblich lukrativen Deal mit einem afrikanischen Geschäftsmann aufsitzt. Inmitten der afrikanischen Wildnis findet er schließlich seine emotionale Heimat. Sie sehen, das Thema lässt mich nicht los.

Das Gespräch führte Christine Bücken für das ARTE Magazin


HANS STEINBICHLER
Der Regisseur (geb.1969) wuchs am Chiemsee auf. „Hierankl“ ist sein Abschlussfilm an der Münchner Hochschule für Film und Fernsehen.


FILMOGRAFIE HANS STEINBICHLER
Spielfilme:
„Winterreise“ (im Dreh); „Hierankl“ (2003)
Dokumentarfilme:
„Inseln im Chiemsee“ (2003); „Der Moralist – Vittorio Hösle entdeckt Amerika“ (2003);
„Die Germaniker – Römisch-Deutsche Karrieren“ (2000); „Das Auge der Erinnerung – Ansichten von Slawomir Idziak“ (2000);
„Verspiegelte Zeit – Erinnerungen von Angelika Schrobsdorff“ (1999)
Kurzfilme: „Mono“ (1998); „Abstieg“ (1996)

Erstellt: 04-04-05
Letzte Änderung: 12-06-09