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Nordirland: Im Gespräch mit Richard Deutsch - 03/09/08

Hautnah dabei

Richard Deutsch Der französische Historiker Richard Deutsch hat den Nordirland-Konflikt im wahrsten Sinne des Wortes am eigenen Leib erfahren. Er wurde von einer Autobombe schwer verletzt. Aber er war nicht nur Opfer, sondern begegnete auch zahlreichen Akteuren des Konflikts.

Was sind die wichtigsten Etappen und Hauptakteure des Konflikts in Nordirland?
Sinn Féin ist eine nationalistische Partei, die die bewaffnete Untergrundorganisation IRA unterstützt. Sie ist die Stimme der katholischen, republikanischen und nationalistischen Gemeinschaft, die für den Abzug der Briten und die Wiedervereinigung der Insel kämpft. Die Unionisten sind für den Verbleib bei Großbritannien, sie werden von einer illegalen bewaffneten Miliz, den Loyalisten, unterstützt und sind überwiegend protestantisch. 1969 verstärkten sich der Nationalismus und die Ablehnung gegenüber den Briten. In den Stadtvierteln schlossen sich die Menschen zusammen, in den großen Städten wurden Barrikaden aufgebaut. Die Einwohner zogen sich in die Viertel zurück, in denen sie sich sicher fühlten. Milizen wurden gegründet. So begann ein Konflikt, der dreißig Jahre dauern und 3 770 Tote sowie 20 000 Verletzte fordern sollte. „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ – so war die Devise. In absoluten Zahlen mag das nicht sehr viel sein, aber für ein relativ kleines Gebiet wie Irland durchaus. Jeder kennt dort mindestens ein Opfer des Konflikts. Die terroristischen Anschläge richten sich gegen Personen oder Geschäfte; es handelt sich um Einschüchterungs- oder Bestrafungsmaßnahmen und nicht um einen Massenterrorismus, der den Sturz einer Regierung zum Ziel hat.

Lässt sich die Dauer des Konflikts auf eine besondere politische Kultur zurückführen?
In Irland gab es keine richtige Revolution. Man ist beim Modell der Französischen Revolution stehen geblieben, das sich natürlich nicht auf die heutige Zeit anwenden lässt. Irland ist eine „Insel hinter der Insel“, neue Ideen dringen nur schwer bis dorthin vor. Irland ist ein Auswanderungsland, ein Land, das man verlässt.

Auf welche Probleme trifft der Historiker, der den Konflikt erklären und verständlich machen möchte?
Die Voraussetzungen für eine fundierte historische Analyse sind ungünstig: Die britischen Archive werden erst 30 bis 50 Jahre nach einem historischen Ereignis geöffnet. Was verfügbar ist, wurde zensiert. Die nordirischen Historiker jedoch arbeiten an einem neuen Geschichtsbewusstsein. Sie suchen nach neuen Wegen, um Kindern die Geschichte objektiv nahezubringen. Dies verlangt einen Konsens in der Bevölkerung, den man in einer so kleinen Region relativ leicht erzielen kann.

Haben die Iren das Bedürfnis, sich mit ihrer Geschichte auseinanderzusetzen?
Zum Zeitpunkt des Karfreitagsabkommens von 1998, das die Grundlage für einen langsamen Friedensprozess bildete, den bewaffneten Kampf beendete und die Amnestie einleitete, verlangten die Iren nicht nach Wahrheit, wie es zum Beispiel die Südafrikaner getan hatten. Heute jedoch wollen sie wissen und verstehen, was war, und sie wollen verschollene Personen wieder finden. An Vergeltung denken Sie nicht. Man muss den Menschen Zeit lassen zu trauen, zu akzeptieren, zu verstehen und zu vergeben – oder auch, nicht zu vergeben. Ich kenne Nordiren, die nicht vergeben wollen, obwohl sie verstanden haben und bereit sind, ein neues Kapitel aufzuschlagen. Ein Beispiel: Man möchte ein Denkmal für die Toten errichten. Aber für welche Toten? Für die Zivilisten, die Polizisten, die Milizionäre? Soll man ein gemeinsames Denkmal errichten oder eines für jede Gruppe?

Was hat Sie dazu gebracht, Krimis zu schreiben, die in Nordirland spielen?
Meine Studenten fanden meine Vorlesungen dermaßen kompliziert und abstrus, dass ich mich entschloss, Romane zu schreiben. Die sind ihnen viel lieber als meine Vorträge! Es handelt sich um eine Trilogie mit dem Titel „Du sang sur la paix“. Sie erzählt, wie Rebellen den Friedensprozess in Irland zu boykottieren versuchen. Dabei ergreife ich für niemanden Partei. Ich habe beide Seiten erlebt und kann nicht behaupten, dass ich die eine oder andere besonders schätze.

Sind Sie den Akteuren des Konflikts begegnet, mit denen Sie sich als Historiker beschäftigen
Begegnungen sind das, was mich am meisten interessiert! Zumal diejenigen, die in den 1960er-Jahren am Nordirlandkonflikt beteiligt waren, heute den Friedensprozess mitgestalten. Im Gefängnis hatten sie genug Zeit, etwas hinzuzulernen.

Fiel es den Menschen leicht, über den Konflikt zu sprechen? Haben Sie die Gespräche aufgezeichnet?
Sie sprachen mit einem Fremden. In ihrer Insulanermentalität waren sie wohl verblüfft über mein Interesse an ihren Geschichten – aber sie redeten mit mir. Oft hatten sie zwei verschiedene Versionen anzubieten, einerseits die kämpferische der Partisanen und andererseits eine subtilere Version für den fremden Zuhörer. Sie zeigten, dass sie nachdachten. Ich sprach mit Leuten aus allen Lagern, und sie wussten alle darüber Bescheid. Diese Offenheit war zugleich meine Überlebensgarantie. Ich habe Bobby Sands im Maze Gefängnis besucht, kurz bevor er an den Folgen seines Hungerstreiks starb.

Richard DeutschWarum haben Sie ihn besucht?
Man kann Dinge nicht begreifen, die man nicht mit eigenen Augen gesehen hat. Es vermittelt ein anderes Verständnis für politisches Engagement in einem Konflikt.

Hat sich durch diese Begegnungen Ihre Sichtweise des Konflikts geändert?
Ich habe dadurch verstanden, dass alles viel komplizierter ist, als es scheint. Der Konflikt betrifft 1,5 Millionen Menschen. Diese Geschichte muss die Bevölkerung als Ganzes schreiben. Jeder muss erzählen, was er erlebt hat. Dazu sind die Iren heute bereit.

Sie haben die Ereignisse selbst miterlebt. Waren Sie auch direkt in den Konflikt verwickelt? Haben Sie dadurch einen besonderen Bezug zu seiner Geschichte?
Man kann nicht objektiv bleiben, wenn man von einer Explosion getroffen wurde. Ich wurde von einer Autobombe schwer verletzt und habe den Konflikt somit im wahrsten Sinne des Wortes am eigenen Leib erfahren. Deshalb fällt es mir sehr schwer, von Objektivität zu sprechen. Eine solide argumentierte Subjektivität ist mir wesentlich lieber. Dazu stehe ich auch.

Kann man den Nordirlandkonflikt mit einem Religionskrieg vergleichen?
Nein, es kam dabei kein einziger Kirchenvertreter ums Leben.

Carole TréborWarum macht man sich oft ein so düsteres Bild von Nordirland?
Der Konflikt brach aus, als die Europäischen Gemeinschaften gerade aufgebaut wurden. Das verzerrte hier das Bild völlig. Man hatte hier den Eindruck, als sei Irland im Mittelalter stecken geblieben, während wir doch die Zukunft aufbauten. Deshalb sprach man lange recht verächtlich über Irland. Gleichzeitig hat Europa Irland aber auch stark finanziell unterstützt, und das trägt heute seine Früchte.

Stimmt es, dass die Katholiken lange ärmer waren als der Rest der irischen Bevölkerung?
Man darf nicht vergessen, dass sich die Katholiken 1921 selbst ausgeschossen haben, indem sie das System und die Institutionen boykottierten. Die französische Geschichtsschreibung neigt dazu, den Katholiken die Opferrolle zuzuschreiben, aber das stimmt so nicht ganz. Warum wählen die Katholiken nicht? Weil sie die Wahlen boykottiert haben.

Ich habe das Gefühl, dass die Massaker ihrer Geschichte die Iren heute noch belasten und auch das Bild beeinflussen, das sich die Franzosen von Irland machen.
Irland ist für die Franzosen immer noch entweder ein armes Land oder die Heimat fröhlicher, trinkfester Gesellen. Für die Iren selbst beschränkt sich die Geschichte auf das 16., 17. und 18. Jahrhundert. Eine Familienfeier ohne Lieder gegen die Invasoren ist unvorstellbar. All das ist sehr tief verwurzelt. Den Kindern ist das „Monster Cromwell“ vertrauter als Figuren aus der jüngeren Geschichte.

Sind Sie optimistisch, was die Zukunft Nordirlands betrifft?
Ich bin absolut optimistisch. Nordirland war ein riesiges Labor für politische und militärische Fragen sowie für die Überwachung der Bevölkerung. Es wird nun zu einer widersprüchlichen Situation kommen. Während der Rest der Welt der Gefahr des latenten Terrorismus ausgesetzt ist, wird in Nordirland wieder Frieden einkehren, und mit ihm ein wirtschaftlicher und kultureller Aufschwung. Nordirland wird zu einem Paradies werden.
Das Gespräch führte Carole Trébor, Historikerin und Journalistin, freie Mitarbeiterin von ARTE France.
Januar 2006

Erstellt: 26-01-07
Letzte Änderung: 03-09-08