Lorenz Mohn heißt die Hauptfigur in dieser so genial ersonnenen wie versponnenen Geschichte. Gerade 40 Jahre alt ist Mohn geworden, als ihn der Anblick einer an einem Pullover häkelnden Pornokollegin dazu inspiriert, seinem Leben jene dramatische Wende zu geben, die ihn hineinreißen wird in einen Strudel, der alles andere ist als weich wie die Wolle, die Mohn an seine weibliche Kundschaft bringen will. Denn da man auch für einen Strickwarenladen ein gewisses Startkapital benötigt, schaut sich Mohn nach potenziellen Kreditgebern um - und gerät an eine geheimnisvolle Frau, die keine ganz unbedeutende Rolle in der Wiener Unterwelt zu spielen scheint. Sie leiht Mohn die gewünschten 200 000 Euro, zinslos, allerdings mit der Auflage, sie in exakt sieben Jahren auf einen Schlag zurück zu zahlen. Oder an eben jenem Tag ein Leben zu retten.
Mohn lässt sich auf den Deal ein und beginnt, einen angemieteten Laden zu renovieren, in dessen Hinterzimmer er auf einer Pritsche auch nächtigt. Was zu gewissen Unannehmlichkeiten führt, denn als er eines Morgens erwacht, tritt er beim Aufstehen in etwas Feuchtes, das sich als umfangreiche Blutlache herausstellt. Unter Mohns Bett liegt eine Leiche. Es ist der einstige Inhaber des Ladens, der dort früher eine Bäckerei betrieb - und sich als Hobby-Archäologe eingehend mit dem Urvogel, dem Archaeopteryx, beschäftigte.
Steinfest entwickelt in der Folge eine Geschichte, die ihresgleichen sucht: Der Tod des Ex-Bäckers hängt irgendwie zusammen mit der Suche nach dem urzeitlichen Vogel, der wiederum auch auf der Einkaufsliste ganz anderer Gestalten steht. Das sind schlicht Außerirdische, die ihren Heimatplaneten Pluto verlassen haben und seit Jahren unerkannt als unbescholtene Bürger auf der Erde leben, zum Beispiel als Herausgeber eines "Bürgerblatts für Verstand, Herz und gute Laune" im beschaulichen Schwaben. Da hilft Mohn auch nicht, dass er endlich die Liebe seines Lebens gefunden zu haben scheint: Mit diesen seltsamen Mächten gerät er mächtig in die Wolle. Und Heinrich Steinfest löst dieses komplexe Rätsel auf in einem flirrenden Spiel aus Wahn und Wahrheit und Dichtung.
Eigentlich sind die Bücher, die Steinfest schreibt, keine Kriminalromane, es sind philosophische Grotesken, verfasst in einem Stil, der souverän mäandert zwischen leichthändiger Eleganz und genial verschrobener Wucht. Nicht umsonst stand Steinfest mit seinem Roman "Ein dickes Fell" vor drei Jahren auf der Longlist für den Deutschen Buchpreis. Neben dem Wiener Wolf Haas und dem Briten David Peace zählt er fraglos zu den Neuerern des Kriminalromans. Sag einer, was er will: Heinrich Steinfest ist einer der großen deutschsprachigen Schriftsteller. Und "Gewitter über Pluto" ist sein erzählerisches Glanzstück.
Volker Albers/Hamburger Abendblatt 27.10.09
KrimiWelt-Bestenliste Dezember 2009
Erniedrigend und beleidigend geriet das Jahr 2006 für einen zuvor löblich bewährten Himmelskörper: Bei ihrem Jahrestreffen in Prag erkannte die Internationale Astronomische Union dem zuvor wirkungsmächtigen Pluto wegen dessen angeblicher Geringfügigkeit in Sachen Größe und Bedeutsamkeit den Planetenstatus ab – und degradierte ihn dafür zu einem „Zwergplaneten“ mit der beschämend profanen Ordnungsnummer 134340. Mit diesem herabwürdigenden Verwaltungsakt erledigte sich zweierlei: Zum einen: die volkstümlich und längst schulwissenpflichtig gewordene Rede von den neun Planeten in unserem alt gedienten Sonnensystem (nunmehr gibt es nur noch acht Statthalter: Merkur, Venus, Erde, Mars, Jupiter, Saturn, Uranus und Neptun). Zum anderen: die sagenumwobene Strahlkraft von Pluto als Gott des Schattenreichs in römischer Überlieferung (eine Adaption des griechischen Hades).
Pluto, so muss es aus heutiger Sicht leider erscheinen, ist zum geborenen Verlierer avanciert. Dies darum, weil dem notorisch Verschmähten selbst in der Mythologie keine lichte Göttin in seinen naturgemäß toten Bereich folgen will – und der glücklose Fürst der Finsternis erst die so leichtgläubige wie attraktive Proserpina (alias Persephone) rauben muss, um sich Gesellschaft im Untergrund zu ertrotzen.
Zu einer umfassenden Rehabilitation des so gründlich und ganzheitlich diffamierten Ex-Planeten Pluto setzt nun sinnigerweise und zudem innig ein Kriminalroman an: „Gewitter über Pluto“ heißt die jüngste kluge und eloquente Phantasmagorie des über alle Maßen produktiven Österreichers Steinfest, Jahrgang 1961, dem nichts Skurriles fremd ist in seinen atmosphärisch wie dramaturgisch dichten Geschichten über Zustände und Genealogie des Bösen (zuletzt „Die feine Nase der Lilli Steinbeck“, 2007, und „Mariaschwarz“, 2008).
Kaum etwas Menschliches fremd ist in dieser unerhörten interstellaren Begebenheit Heinrich Steinfests Protagonisten, Lorenz Mohn. Dieser stöhnenswert, pardon: staunenswert reflektierte und distinguierte Gesamtkünstler ist zu Beginn des in Rede stehenden Plots ein begehrter, lies: viel gebuchter Pornodarsteller – und insofern neben seiner professionell garantierten Ausdauer naturgemäß auf treffsichere Laute und Bewegungen abonniert, die seiner voyeuristischen Klientel im Idealfall zur Befriedigung gereichen sollen.
Eigentlich dürfte es folglich keine Stellung geben, die diesem Kerl von einem Mann fremd wäre. Plötzlich und unerwartet indes erscheint ihm die eigene existenzielle Stellung als suspekt bis verhasst: Mohn beschließt von jetzt auf sofort seinen beruflichen Ausstieg. Und somit eine neue Textur der ihm fad gewordenen Rein-und-Raus-Lebensform. Eventuell weil es sich so gut ins hermetische Metaphernfeld seines Erfinders fügt, fällt seine erste Eskapismuswahl auf die ihn fortan drängende Neueröffnung eines Handarbeitsladens, in dem Weben, Leben und Streben, Treiben, Schreiben und Bleiben zugleich keusch und lustbetont in eins fallen können – texttheoretisch, versteht sich. „Plutos Liebe“ soll sein bestrickendes Strickwarengeschäft heißen. Dazu hat der gewissenhafte Herr Mohn zweierlei vorbereitet: einen mephistophelischen Kreditpakt, geschlossen mit einer obskuren Unterweltpatin in Sachen Sex und Kriminalität, sowie die Anmietung von schäbigen Räumlichkeiten in einer Nebenstraße abseits des Wiener Zentrums. So weit, so gut.
So weit, so schlecht. Es kommt alsbald, wie es wohl zwangsläufig kommen muss in einem jener Steinfest-Romane, die schlimmstmögliche Wendungen aussenden und verschwenden wie sonst allenfalls der neuerdings ramponierte Pluto seinen weiland grandiosen Leumund. Mohn nämlich lernt schon bei seinem ersten Ortstermin eine Laden-Anrainerin kennen, die ihn unter einer heißen Dusche die Geheimnisse empfindsamer und empathischer Liebe lehrt; im verwinkelten Keller seines designierten Textur-Geschäfts findet er die Leiche des Ex-Besitzers Nix, eines Bäckers, der vor seinem Ableben fast alles gebacken gekriegt hat, sogar Planeten-Modelle; zudem ereilt Mohn ein harscher Drohbrief, der ihn barsch vor der Inbesitznahme der Nachbarin und des Ladens warnt.
Kurzum: Diese heikle Situation wäre zum, nun ja, Schwanzeinziehen. Doch der sympathische Simpel namens Lorenz Mohn, der deutlich strapaziösere Szenarien als die genannten gewohnt zu sein scheint, harrt hartleibig aus. Zum Lustgewinn seiner geneigten Leser, die lange, vielleicht ein bisschen zu lange im Unklaren darüber gelassen werden, ob der ihnen verheißene Hauptgewinn nun tumbe Romantik (schnöde bis abgelebt) lautet oder aber hoch gestimmte Neubestimmung des Kosmos (hehr bis triumphal).
Der hehre Herr Steinfest, immerhin, ist ein ungekrönter König der Abschweifung, ein wahrhafter Virtuose des Springens vom Hölzchen aufs Stöckchen (und retour).
Steinfests Kunst, das eine und das andere ausschweifende Aperçu punktgenau zu setzen, mag für eine gewisse Lektüredauer belustigen oder gar belehren; bisweilen auch beides. Diesmal indes lässt sich der notorisch verspielte Autor gegenüber früheren Krimis unüblich bis ungebührlich viel Zeit, um auf jenen Punkt zu kommen, der erforderlich wäre, um eine zwingende und nicht bloß gewitzte Perspektive auf das große Ganze zu gewinnen. Es braucht immerhin gut 200 Seiten, bis der sonst so wartenspädagogisch einfühlsame und also stringente Fabulierer seiner getreuen Fan-Gemeinde eine vage Idee gewährt, ob und inwiefern die Stränge seiner Sternen-Mär auch nur halbwegs stringent verbunden sind. Oder ob sein insgesamt wohl tönendes Textfutter zwischen Outsidern und Außerirdischen, zwischen Wolle und Wollust bloß angestrengt und also auf Spektakel versonnen über die Stränge schlägt.
Erst im zweiten Abschnitt dieses verqueren, ungeachtet dessen spannenden Epos zwischen Welt und Jenseits teilt nämlich ein angeblich mehr als 600 Jahre (!) alter extraterrestrischer Erzähler seinem Publikum zwecks schuldbewusster Läuterung mit, er hüte eine verstiegene Mission: als „Agent erster Klasse“ seinem schlicht „X“ genannten, von vehementen Vogel- und Vögelproblemen heimgesuchten Planeten zwei Dinge bald zuzuführen: ein Werk von Pablo Picasso. Und, viel wichtiger noch, die Nachbildung eines Archaeopteryx, diesem beachtlichen Bindeglied zwischen Menschheit und Flug-Zeug. Man ahnt: Hier geht es ums Ganze – in mehrerlei Hinsicht. Zwischen Homo Sapiens und Vogel, zwischen Intuition und Handwerk, Kunst und Können, zwischen Urbi et Orbi, Erde und Pluto, zwischen Linksgestrickten und Geradeaus-Charakteren. Der neue Roman von Heinrich Steinfest ist deshalb so unerhört lesenswert, weil er so klug, beredt und fliehend von von Alternativen kündet. Vor allem aber, weil er Pluto Gerechtigkeit widerfahren lässt.
Hendrik Werner/Die Welt 29.11.09
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