Schriftgröße: + -
Home > Kultur entdecken > Jahrhundertaufnahmen Jazz > 50 Jahrhundertaufnahmen des Jazz > Hancock, Herbie - Maiden Voyage

Jahrhundertaufnahmen Jazz

Ab sofort präsentiert ARTE-Online zusammen mit der SWR 2-Jazzredaktion in einer neuen Reihe die "Jahrhundertaufnahmen des Jazz" – von den Anfängen bis zur (...)

Jahrhundertaufnahmen Jazz

Jahrhundertaufnahmen des Jazz - 28/11/08

Herbie Hancock: Maiden Voyage

Blue Note (1958)


Experimentiergeist und Schönheit, Ruhe und Kraft in klassischer Balance
von Günther Huesmann

Die Auswahl im Überblick

Nichts deutete darauf hin, dass dieser Mittwoch ein besonderer Tag in der Karriere von Herbie Hancock werden sollte. Es gab kaum Zeit die Session am 17. März 1965 vorzubereiten. Alfred Lion war damals der Produzent der Plattenfirma Blue Note und auch bei dem Album „Maiden Voyage“ verfuhr man nach demselben Muster wie bei anderen Blue-Note-Produktionen auch. Nachts gab es eine kurze, zweistündige Probe in Lyn Oliver’s Studio in der Upper West Side von Manhattan. Gleich in der Früh, am nächsten Morgen ging’s dann ins Plattenstudio von Rudy van Gelder nach New Jersey, wo sofort aufgenommen wurde. Die Produktion schien anfangs unter keinem guten Stern zu stehen.
Anders als geplant, mußte Herbie Hancock sein „Maiden Voyage“-Material gleich zweimal in den Blue-Note-Studios ausprobieren. Die erste Session mit dem Schlagzeuger Stu Martin (dem Hancock eine Aufnahmesession versprochen hatte) ist auf Platte zwar nicht überliefert. Sie schien aber den Erwartungen des Pianisten - und wohl auch des Produzenten - nicht zu entsprechen. Gleich beim ersten Stück („Maiden Voyage“) ließ Hancock die Aufnahme stoppen und brach die Session ab. Alle Musiker wurden für den einen Tag ausgezahlt, und am nächsten Tag war man dann erneut im Studio – nun mit Tony Williams am Schlagzeug. Der Rest ist Geschichte. „Maiden Voyage“ gehört zu den originellsten und brilliantesten Jazzplatten der sechziger Jahre. Sie markiert einen Höhepunkt in Hancocks Karriere.

„Maiden Voyage“ ist ein grandioses Monument seines Experimentierwillens und seines herausragenden kompositorischen Könnens für kleine Jazzgruppen. Nichts hätte dagegen gesprochen, an den bluesigen, funkigen Erfolgsklängen seines ersten Blue-Note-Albums „Takin’ Off“ festzuhalten und die eingängigen Melodien seines Soul-Jazz-Hits „Watermelon Man“ weiterzuführen. Hancock tat das Gegenteil: er entwarf (in direkter Folge von „Empyrean Isles“) ein Konzeptalbum, welches die Welt des Meeres und das „Geheimnis, das die See umgibt“ in den Mittelpunkt stellte.
Mit den fünf Stücken von „Maiden Voyage“ wollte Herbie Hancock, wie er im Covertext schreibt, nichts anderes als, „die Weite und Majestät der See einfangen, die Pracht eines Schiffes auf seiner Jungfernfahrt, die anmutige Schönheit der spielenden Delphine, den permanenten Kampf selbst der kleinsten Kreaturen des Meeres ums Überleben und die Ehrfurcht gebietende, zerstörerische Kraft des Hurrikans”.

Joachim-Ernst Berendt hat dieses Album als eines der großen, zeitlosen programmmusikalischen Werke nicht nur des Jazz, sondern der Musikgeschichte insgesamt gepriesen – und auf eine Stufe mit Claude Debussys „La Mer“ gestellt. Doch „Maiden Voyage“ ist keine Programmmusik im engeren Sinne. In den fünf Stücken des Albums geht es den Musikern keineswegs darum, Naturphänomene musikalisch bloß zu illustrieren. Die Meeres-Metapher ist hier nur ein Anhaltspunkt – sie dient als Sprungbrett für grandiose, geniale Improvisationen.
Freddie Hubbard, der als Sideman schon immer überzeugender phrasiert hat als auf seinen eigenen Platten, erlebt hier einen Gipfelpunkt seiner Kunst. Insbesondere im Titelstück „Maiden Voyage“ und „The Eye of the Hurricane“ phrasiert der Trompeter gleißende, vor melodischen Mut nur so strotzende Linien. Es sind ideenfunkelnde Soli, die im Trompetensektor damals völlig unüblich waren. Denn Hubbard orientiert sich hier weniger an prominemtem Bläserkollegen als an den „sheets of sounds“ und den „multiphonics“ von John Coltrane.
Im modernen Saxofon-Kontinuum von Sonny Rollins-John Coltrane-Wayne Shorter gilt das Werk von George Coleman heute nur noch als eine Randnotiz. Auf dem Album „Maiden Voyage“ aber beweist der Tenorsaxofonist (der das Miles Davis Quintett ein Jahr zuvor verlassen hatte), warum er Mitte der sechziger Jahre zur Creme de la Creme des modernen Tenorspiels gezählt wurde. Seine Linien sind von runder Eleganz – und besonders in „The Eye of the Hurricane“ und „The Dolphin“ – liefert er Beweise seiner melodischen und harmonischen Eloquenz.

Auf seinem fünften Blue-Note-Album unter eigenem Namen spielt der 24jährige Herbie Hancock mit der Weisheit eines alten Hasen. An keiner Stelle pusht er die Musik; und würde man diese Session hören, ohne zu wissen, dass der Pianist der Leader ist – man würde kaum darauf tippen; so gruppendienlich phrasiert Hancock. Dabei ist er es, der konzeptionell alle Fäden in der Hand hält. Seine Kompositionen und seine Soli sind Meisterwerke der Eleganz und der raffinierten Melodik - vor allem aber bestechen sie durch eine für damalige Blue-Note-Verhältnisse ungewöhnlich offene, vielgestaltige Rhythmik.

Nicht weniger als zwei Jazzstandards sind aus dieser Session hervorgegangen. „Maiden Voyage“ ist ein brillantes Beispiel, wie der Komponist Hancock mit scheinbar einfachen Ostinato-Figuren und mit modaler harmonischer Weite die Phantasie von Improvisatoren immer wieder neu beflügeln kann. Das Titelstück des Albums ist zugleich sein bekanntestes. Es ist ein Leitbild musikalischer Aussparung. In dieser Ostinatokomposition wird das swingende, triolische Spiel subtil zugunsten einer zweischlägigen, binären Rhythmik zurück gedrängt. Das Rhythmusteam Ron Carter (Bass) und Tony Williams (Schlagzeug), das sich angesichts des Ebbe-und-Flut-Charakters der Rhythmen vor völlig neuen Herausforderungen gestellt sah, findet zu einem traumwandlerischen Zusammenspiel.
Das zweite zum Jazzklassiker avancierte Stück - das entspannt im mittleren Tempo swingende „Dolphin’s Dance“ - ist eine wunderschöne, traumverlorene Melodie, die mit außergewöhnlicher Raffinesse darüber hinweg täuscht, auf welch’ komplexem harmonischen Fundament sie gebaut ist. George Coleman sagte: “Maiden Voyage“ zu spielen war einfach, aber „Dolphin Dance“, Mann-o-Mann! Ich mußte all’ die A’s über die H’s erst mal auschecken. Man sieht sich die Akkorde an, und sagt sich: „Aber, aber, was ist das?” Dann hört man die Harmonien und sagt sich „Oh!, Okay!“ Dann weiß man, was man damit machen kann.“
„Maiden Voyage“ besitzt eine wunderbare – und seltene – Mischung aus Experimentiergeist und Schönheit, aus Ruhe und Kraft. Und so zählt diese Platte zusammen mit Miles Davis’ „Kind of Blue“ zu jenen Jazzalben, die eine wahrhaft klassische Balance ausstrahlen. Es ist jene vor glücklicher Perfektion glitzernde Ausgewogenheit wie sie sich Improvisatoren immer wünschen, wie es sie in spontaner Musik aber notwendigerweise nur ganz selten geben kann. Nichts ist hier zu viel, nichts zu wenig. Mehr als ein Klassiker, ein Jahrhundertwerk!
Text: Günther Huesmann

Herbie Hancock „Maiden Voyage“
Blue Note (1965)
Rudy Van Gelder Remasters

Erstellt: 07-10-08
Letzte Änderung: 28-11-08


+ aus Kultur entdecken