Herta Müller und Oskar Pastior - 08/10/09
Atemschaukel
Ein Text von Herta Müller aus dem Jahr 2007 über die Entstehung ihres Buches "Atemschaukel", der 2009 erschienen ist.
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Seit ich denken kann, sagt meine Mutter: Kälte ist schlimmer als Hunger. Oder: Wind ist kälter als Schnee. Oder: Eine warme Kartoffel ist ein warmes Bett. Von meiner Kindheit bis heute seit über fünfzig Jahren hat meine Mutter diese Sätze um kein Wort geändert. Sie werden immer einzeln gesagt, weil jeder dieser Sätze für sich genommen 5 Jahre Arbeitslager beinhaltet. Es ist ihre geraffte Sprache, die das Erzählen vom Lager ersetzt.
Ich hatte diese kryptischen Sätze ziemlich satt. Ihr Sinn war versteinert, sie klangen schon so unerschütterlich leer wie dreimal-drei-ist-neun. Ich wollte endlich wissen, was hinter diesen Sätzen steht. Ich wußte zwar, daß im Dorf alle Frauen im Alter meiner Mutter „nach Rußland verschleppt“ waren und alle Männer, die damals zu jung oder zu alt für den Krieg waren. Aber geredet wurde über die Lager nur in Andeutungen.
In Rumänien war das Thema tabu, weil Rumänien im Zweiten Weltkrieg mit seinem faschistischen Diktator Marschall Antonescu an der Seite Hitlers war. Trotzdem machten die Sowjets aber nur die deutsche Minderheit für die Nazi-Verbrechen verantwortlich. Und auf sowjetische Anordnung hin wurden noch während des Kriegs im Januar 1945 alle Rumäniendeutschen im Alter zwischen 17 und 45 in Arbeitslager zum „Wiederaufbau“ deportiert. Es gab Listen, jeder wurde polizeilich zuhause „ausgehoben“, zu den Sammelstellen und dann zum Bahnhof gebracht. Der Transport im Viehwaggon dauerte mehrere Wochen. Niemand wußte, wohin die Fahrt geht.
Die Lager waren in den Kohlegebieten zwischen Dnjepropetrowsk und Donetzk, im Donbass, in der heutigen Ukraine. Der Alltag bestand aus Arbeitskolonne, Schuften, Abendappell, chronischem Hunger. Das Sterben hieß Verhungern und Erfrieren.
Ich wollte einen Roman über diese Deportation schreiben. 2001 begann ich, Gespräche mit ehemals Deportierten aus meinem Dorf aufzuzeichnen. Ich wußte, daß auch Oskar Pastior deportiert worden war und erzählte ihm von meinem Vorhaben. Er wollte mir helfen „mit allem, was ich erlebt habe“, sagte er.
Wir trafen uns regelmäßig. Er erzählte und ich schrieb es auf. Er raffte die Sprache anders als meine Mutter. Er redete vom „Nullpunkt der Existenz.“ Sein Erinnern lebte von den Einzelheiten, war kompliziert, denn seine lebenslange Beschädigung bekannte sich zu einer lebenslangen Nähe zum Lager. Er sagte ohne zu erschrecken: „Meine Sozialisation ist das Lager.“ Den gerafftesten Satz aller Sätze hat er als nackte Rechung formuliert: „1 Schaufelhub = 1 Gramm Brot.“ Wir begannen bald, im Aufschreiben zu erfinden, zu „flunkern“, wie Oskar Pastior es nannte.
Im Juni 2004 fuhren wir zusammen mit Ernest Wichner, dessen Großeltern und Vater auch in diesen Lagern waren, in die Ukraine. Wir blieben zehn Tage dort und suchten die Orte der verschiedenen Lager auf. Manches Backsteingebäude war noch intakt da, der Basar war heute noch der Basar, doch von den Baracken war nichts mehr zu sehen. Nur ein verwilderter, zu grüner Garten. Oskar Pastior meinte, erst jetzt, nach diesem Besuch könne sich einer seiner vielen Lebenskreise schließen. Er wisse nicht welcher, aber es sei ein zentraler. Am ersten Abend sagte er schmunzelnd, wie immer wenn er wußte, daß Sprache beim Erinnern auch süßlich werden kann: „Ich habe meine Seele gefüttert.“ Wir saßen draußen in einem Gartenlokal und am Himmel wechselten die Schwalben wie irr geworden die Richtungen und Oskar Pastior fielen immer neue russische Wörter ein.
© Herta Müller, 2007.
Erstellt: 21-03-07
Letzte Änderung: 08-10-09