Lesen Sie hier einen Text von Herta Müller zur Entstehung des Projekts mit dem vorläufigen Titel "Atemschaukel"und Auszüge aus den Texten Herta Müllers und Oskar Pastiors:
"Man muss einen Schritt weg tun von der Realität"
In „Atemschaukel“ sind es die Erinnerungen an einzelne Gegenstände, die den Lageralltag vergegenwärtigen - ein schartiger Blechkamm etwa, an dem nur die Haare und nicht die Läuse hängen blieben, oder ein Kopfkissen, das tagsüber - zum Leinwandsack umfunktioniert - nützlich werden konnte, wenn sich Gelegenheit zum Stehlen oder Betteln ergab: diese und viele andere Gegenstände suchen den Protagonisten von "Atemschaukel" Jahre später nachts noch heim: „Sie wollen mich nachts deportieren. Ins Lager heimholen wollen sie mich nachts“.
Oskar Pastior selbst konnte sich noch nach Jahrzehnten an kleinste Details erinnern und an einem einzigen Gegenstand den Alltag im Lager mit dem ihm eigenen Wertesystem zum Leben erwecken. Seine Haltung in einer aussichtslosen Lage, die er als „Nullpunkt der Existenz“ empfand, bewundert Herta Müller: „Er machte etwas Eigenes daraus. Das war zwischen 1945 und 1950 sein Leben gewesen, dazu bekannte er sich, er ließ es sich nicht nehmen. Er zog nicht den Kopf ein. Er ließ nicht einfach alles mit sich geschehen, sondern setzte der Situation etwas entgegen.“ Eine Haltung, die auch bei Imre Kertész zu finden ist und sich in „Atemschaukel“ spiegelt. Oskar Pastiors und Helga Müllers Protagonist ist zufrieden, wenn der Keller nach jeder Schicht in der Fabrik wieder sauber ist, denn „jede Schicht ist ein Kunstwerk“.
Diese Genauigkeit der Wahrnehmung bei Oskar Pastior war zugleich ein Schutzmechanismus. Sie half, gefährliche Situationen zu erkennen und innerlich besser darauf vorbereitet zu sein: „Er konnte nicht mehr so von der Realität überrumpelt werden.“
Das Erfinden wurde zum Motor des Ganzen
Für Oskar Pastior war es eine ganz neue Erfahrung, von einer über 20 Jahre jüngeren Schriftstellerkollegin zu diesem Teil seines Lebens befragt zu werden und es mit ihr zusammen in einem autofiktionalen Text neu zu erfinden. Er hatte vorher nie darüber gesprochen und das Lager auch nicht zum Thema seines Werkes gemacht, selbst wenn es in seinen Texten und Sprachbildern präsent ist. „Da, wo ich früher nur das Badhaus aus Siebenbürgen sah, war auch der Duschraum aus dem Lager gemeint“ konstatiert Herta Müller.
Trotz aller Unterschiede in Alter, Herangehensweise ("Er Lyriker, ich Prosaschriftstellerin") und Temperament („Er implodierte, ich explodierte“): es wurde eine äußerst fruchtbare und experimentierfreudige Zusammenarbeit. Er erzählte, sie notierte und dann rekonstruierten sie gemeinsam: Das Erfinden wurde zum Motor des Ganzen, denn „sie mussten einen Schritt weg tun von der Realität“, um des Lagers habhaft zu werden.
Für Herta Müller war der für viele schwer zugängliche Oskar Pastior schon immer der „wunderbarste Realist“gewesen, dessen surreale Texte mit ihr sprachen, als sie – von der Securitate in Rumänien bedrängt - inneren Halt brauchte. Ein wunderbarer Realismus wohnt auch der fiktionalen „Atemschaukel“ inne.
Von Angelika Schindler, ARTE
- Zu Oskar Pastior
Sein Ruf als kühner Sprachexperimentierer war legendär: kaum einer hat in seinen Gedichten die Grenzen dessen, was man in der Sprache für möglich hält, so konsequent erweitert wie Oskar Pastior. Posthum hat er den Georg-Büchner-Preis, Deutschlands wichtigsten Literaturpreis, für sein außergewöhnliches Werk bekommen. Oskar Pastior ist am 4.10.2006 kurz vor seinem 79. Geburtstag gestorben.
Gebürtig aus dem siebenbürgischen Hermannstadt, demnächst auch europäische Kulturhauptstadt, lebte Oskar Pastior seit 1968 in Berlin; schrieb Lyrik, kurze Prosa und nahm Weltliteratur beim Wort, indem er sie übersetzte: Petrarca, Baudelaire, Chlebnikow, Gertrude Stein. Seine Texte sind hochartifizielle, exzentrische Sprachkunststücke in kondensierter Form, formstreng und verspielt zugleich. Dem Wortwitz Lichtenbergs, Carrolls und Queneaus gleichermaßen verwandt, gehörte er als einziger deutschsprachiger Schriftsteller zu OULIPO, der berühmt-berüchtigten Werkstatt für Potentielle Literatur, zu der u.a. auch Georg Perec, Italo Calvino oder Jaques Roubaud gezählt werden. Pastiors Lyrik lässt sich in keine Schublade zwängen. Er war gleichermaßen experimentierfreudiger Avantgardist und formenbewußter Traditionsbewahrer: jedes Mittel war ihm recht, so lange sich damit die Sprache beim Wort nehmen läßt.
Ernest Wichner (Literaturhaus Berlin) im Gespräch mit der Autorin Herta Müller am ARTE-Stand auf der Leipziger Buchmesse.(Real Video)






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