„Unser Schulbuchexperiment wird Schule machen“ Da sind sich die Historiker Horst Möller, Rudolf von Thadden und Pierre Monnet ganz sicher. Sie sind die Berater des neuen deutsch-französischen Geschichtsbuchs „Histoire/Geschichte. Europa und die Welt seit 1945“. Ironie der deutsch-französischen Geschichte ist es auf jeden Fall, dass ausgerechnet die Franzosen, die sich nicht unbedingt nach der Wiedervereinigung gesehnt oder darum bemüht haben, jetzt 16 Bundesländer an einen Tisch brachten und dadurch zum ersten Mal ein bundesweit zugelassenes Schulbuch vorliegt. Und auch bei Japanern und Koreanern sowie in Polen ist bereits Interesse für ein ähnliches Gemeinschaftsprojekt angemeldet worden.Fast zeitgleich mit dem Schulbuch ist Tony Judts „Geschichte Europas von 1945 bis zur Gegenwart“ herausgekommen. Claus Leggewie lobt in der „Zeit“, dass Judt „gelingt, woran die meisten scheitern: Über große Strecken liefert er eine wirklich paneuropäische Geschichte ... ein Panoramabild einer europäischen Gesellschaft, die den Nationalstaat keineswegs vernachlässigt.. „ Ähnlich könnte das Urteil über dieses Geschichtsbuch lauten: es erzählt zentrale Ereignisse und Entwicklungslinien europäischer Geschichte aus mehreren Perspektiven und lädt damit zum Relativieren und Differenzieren ein.
Gelungen ist auch der Versuch, zwei sehr unterschiedliche Unterrichtskulturen zusammenzubringen. Während in Frankreich der Schwerpunkt auf der Wissenssicherung liegt und dabei mit sehr viel Bildmaterial und Grafiken gearbeitet wird, misst man in Deutschland der eigenen Urteilsbildung und der Diskussion einen großen Stellenwert bei. So ist es für französische Schüler gewiss ungewöhnlich, wenn sie aufgefordert werden, für den Bürgermeister der Stadt Nürnberg eine Rede zu schreiben, in der an die Nürnberger Prozesse vor 60 Jahren erinnert wird.Ein großes Stück Normalität hat Einzug gehalten in das deutsch-französische Verhältnis: über Themen und Methoden sowie über die Darstellung unterschiedlicher Sichtweisen waren sich die für das Projekt zusammenberufenen Historiker diesseits und jenseits des Rheins auffallend schnell einig. Das lag nicht etwa daran, dass sie sich mit dem zuerst fertig gestellten dritten Band eine in der Erinnerung vergleichsweise unproblematische Epoche vorgenommen hatten. Nein, die drei Professoren aus Frankreich und Deutschland können sich nicht vorstellen, dass bei der Interpretation von Figuren wie Napoleon oder Phänomenen wie Erster Weltkrieg und Faschismus - Themen der noch zu erstellenden ersten zwei Bände – Streit zu erwarten ist. Im Gegenteil, man ist neugierig auf die Sicht des anderen und versucht bewusst, historische Tabus des jeweiligen Landes anzusprechen und den sich wandelnden Umgang damit aufzuzeigen.
Geschichte ist nicht nur das Geschehene, sondern auch wie wir es heute wahrnehmen und erinnern – ein großes und immer wiederkehrendes Thema in diesem Geschichtsbuch, für das im Französischen so treffend das Wort „memoire“ steht. Ein Begriff, der mehr ist als „Erinnerung“ und nicht ganz identisch mit dem eher passiv besetzten „Gedächtnis“. Sicher naheliegend, aber auch horizonterweiternd ist, dass bei einem deutsch-französischen Gemeinschaftswerk besonders intensiv um die richtigen Begriffe gerungen wird und dies auch für die Schüler transparent gemacht wird.Da bleibt nur abzuwarten, ob das Buch, das schon jetzt Schule macht, auch in die Schulen kommt.

Geschichte: Europa und die Welt seit 1945
Ernst Klett Verlag, 2006
ISBN 13-978-3-12-4165107
Das Geschichtsbuch wurde bei ARTE am 5.10.2006 auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt
Rezension:
Histoire! Geschichte! Europa und die Welt seit 1945






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