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Hofer Filmtage

arte.tv war live bei den Hofer Filmtagen und berichtete exklusiv fürs Netz vom Festival.

Hofer Filmtage

06/11/09

Hofer Tendenzen

Von Regieduos, Leben mit Leichen und anderen Trends der diesjährigen Hofer Filmtage

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43 Jahre lang schon beweist Festivalchef Heinz Badewitz sein Gespür für neue Talente. Er setzt auf Kontinuität und seinen eigenen mutigen Geschmack, sowohl bei seiner Frisur, die sich den Trends der Jahrzehnte widersetzt hat, wie auch bei der Auswahl der Filme, die das Bild der Hofer Filmtage prägen.

Dieses Jahr hat er u.a. die erst vor einem Jahr gegründete Produktionsfirma "Zum Goldenen Lamm" entdeckt, deren beide erste Filme er prominent ins Programm geholt hat. "Parkour", das Spielfilmdebüt des Ludwigsburger Filmhochschulabsolventen Marc Rensing, durfte die Filmtage eröffnen. "Parkour" widmet sich - wie auch die gleichnamige Sportart - ganz dem Überwinden von Hindernissen, was mal mehr und mal weniger gelingt. Gerüstbauer Richie (Christoph Letkowski) verbringt seine Freizeit mit seinen besten Kumpels Nonne (Marlon Kittel) und Paule (Constantin von Jascheroff), mit denen er waghalsige Parkours startet. Er ist der Anführer des Trios, und das Überwinden von Hindernissen fällt ihm sichtlich leicht, was die Kamera von Ulle Hadding eindrucksvoll zu zeigen weiß. In seiner Beziehung zu seiner hübschen Freundin Hannah (Nora von Waldstätten) scheint Richie allerdings innerlich blockiert und gefangen: er ist (wahrscheinlich) unbegründet eifersüchtig und setzt durch sein stetiges und zunehmendes Misstrauen seine Beziehung aufs Spiel. Rensings Kurzfilme "Willkommen in Walhalla" und "Alles in Ordnung" liefen bereits in Hof, so ist es nur konsequent, dass auch sein erster langer Film hier Premiere hatte und gleich den Eastman-Förderpreis gewann: Er bekommt Filmmaterial im Wert von 4.000 Euro.

Ein weiterer mutiger Debütfilm des Produzenten Rüdiger Heinze, der gemeinsam mit seinem Partner Stefan Sporbert Kopf des „Goldenen Lamms“ ist, ist die ARTE-Koproduktion "Die beiden Leben des Daniel Shore". In der Hauptrolle glänzt Nikolai Kinski, Sohn des unsterblichen Klaus Kinski, und weiß mit minimalem Spiel die Aufmerksamkeit des Zuschauers in seinen Bann zu ziehen. Daniel Shore lebt zwei Leben - das vor und das nach dem Tod des kleinen Jungen seiner Geliebten in Marokko. Er trägt Mitschuld an dem mysteriösen Mord und beschäftigt sich so intensiv mit den Bildern in seinem Kopf. Drehers Film distanziert sich von den Produktionen anderer deutscher Filmemacher, die sich momentan sehr häufig stark an Realem orientieren. Er sucht seine Vorbilder - die er gerne auch zitiert - in Filmen wie "Shining", "Der Mieter" und ähnlichen Klassikern des psychologischen Horrorfilms.

Kontrastiv dazu beeindruckt der Debütfilm von Andreas Arnstedt. Mit "Die Entbehrlichen" liefert er ein schonungsloses Porträt der Armut einer chancenlosen deutschen Familie: Vater und Mutter sind Alkoholiker, ihr zehnjähriger Sohn Jacob bleibt vom Elend nicht verschont. Schon die 180 Euro für die anstehende Klassenfahrt sind ein riesiges Problem. Oma (Ingeborg Westphal) spendiert zwar das Geld, doch Vater Jürgen (Andrè Hennicke) gibt es gleich wieder aus, für Nahrung und anderen Krimskrams. Nach viel Alkohol kommt es zu einem "Unfall" und Mutter Silke (Steffi Kühnert) wird mit starken Verbrennungen ins Krankenhaus eingeliefert. Währenddessen begeht Jürgen Selbstmord und Jacob bewacht die Leiche. Er traut sich nicht, irgendwem vom Tod seines Vaters zu erzählen, aus Angst, dann in ein Heim zu kommen. Andreas Arnstedt, der selbst Schauspieler ist, gelingt es, seine sehr passend gewählte Besetzung gut zu führen. Die einfühlsame Kameraarbeit von Patricia Lewandowska und die melancholischen, zurückgenommenen Klänge von Contriva & Masha Qrella tragen ebenfalls dazu bei, ein atmosphärisch dichtes Drama entstehen zu lassen, das noch lange nachwirkt.

Ebenfalls um soziale Außenseiter geht es in "Zarte Parasiten" von Christian Becker und Oliver Schwabe. Jakob (Robert Stadlober) und Manu (Maja Schöne) sind ein Pärchen, das gemeinsam im Wald campiert. Um zu überleben, gehen sie seltsamen Beschäftigungen nach: sie heuern bei Menschen an, um deren Sehnsüchte zu stillen. Doch als die alte Dame, die Manu betreut, plötzlich stirbt und Jakob die neue Familie, in der er den verlorenen Sohn ersetzt, noch nicht verlassen will, führt dies zu einem Beziehungsproblem zwischen ihnen: so hat sich das Manu nicht vorgestellt, und sie stattet Jakob einen Besuch in seiner neuen "Familie" ab. Ihren Kurzfilm "Egoshooter" stellten die beiden Regisseure vor fünf Jahren ebenfalls in Hof, ebenfalls in Co-Regie vor.

Ein weiteres erfolgreiches Ergebnis von Co-Regie ist die ARTE-Koproduktion "66/67" von Carsten Ludwig und Jan-Christoph Glaser. Für ein halbes Dutzend Freunde ist der Fanclub des Fußballvereins Eintracht Braunschweig der Mittelpunkt ihres Lebens. Florian (Fabian Hinrichs), Otto (Christoph Bach), Henning (Maxim Mehmet), Christian (Christian Ahlers), Tamer (Fahri Ogün Yardim) und Mischa (Aurel Manthei) sind Träger eines Brandings, mit dem sie sich geschworen haben, bedingungslos füreinander einzustehen. Koste es, was es wolle. Das Versprechen hat Priorität vor Beziehungen oder Arbeit. Die dritte Halbzeit, in der es deftige Kloppereien mit Fans von anderen Vereinen gibt, ist obligat. Ärger ist natürlich programmiert. Ein spannender Film um eine bedingungslose Clique.

Eine interessante Mischung aus Dokumentar- und Spielfilm ist Asli Özges "Men on the Bridge". Er erzählt die Geschichte von drei jungen Männern, deren Alltag ständig von der Bosporusbrücke gekreuzt wird. Diese berühmte Brücke in Istanbul verbindet zwei Kontinente - Asien und Europa. Der gutaussehende Fikret verkauft dort illegal im Stau Rosen, Umut fährt Sammeltaxi und passiert mehrmals täglich die Brücke, und Murat ist ein auf der Brücke stationierter Verkehrpolizist. Das Besondere des Films ist es, dass sich die Darsteller selbst spielen. Ursprünglich wollte die Regisseurin einen Dokumentarfilm drehen. Doch die fiktive Verdichtung der real passierten Erlebnisse der Protagonisten erwies sich als eine gute inszenatorische Idee, mit der Asli Özge die Grenzen zwischen "real und unreal" brechen will.

Ein global wichtiges Thema behandelt der Dokumentarfilm "Plastic Planet", an dem der österreichische Regisseur Werner Boote mehr als zehn Jahre arbeitete. Er betrifft jeden, denn Plastik ist aus unseren Leben einfach nicht wegzudenken. In bewährter Michael-Moore-Manier tritt Boote selbst im Film auf - als Interviewer seiner Protagonisten und als Meinungsmacher. Dies ist ein dominantes und leider sehr nerviges Element seiner ansonsten thematisch höchst brisanten und gut recherchierten Dokumentation, die mit diversen liebevollen Animationen und Musik von "The Orb" bestückt ist.

Nein, es liefen nicht nur deutschsprachige Produktionen auf den Filmtagen, auch wenn die hier selektiv erwähnten Filme den Eindruck erwecken könnten. Bei den mehr als hundert gezeigten Produktionen überzeugte u.a. auch der Debütfilm des schwedisch-japanischen Autors, Regisseurs und Kameramannes Joji Fukunaga, der die Flucht mehrerer junger Mexikaner nach Amerika erzählt. Zur Recherche fuhr Fukunaga selbst hunderte von Kilometern auf dem Dach eines Güterzuges mit, den Flüchtlinge illegal dazu nutzen, Mexiko zu durchqueren - eine gefährliche Aktion. "Sin Nombre" wurde von Diego Luna und Gael Garcia Barnal koproduziert. Fukunaga ist ein Name, den man sich unbedingt merken sollte.

Nana A.T. Rebhan

Erstellt: 05-11-09
Letzte Änderung: 06-11-09