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Zitaten - Ballade

„Europa – was ist das eigentlich?“, so fragen sich viele Europäer seit den Anfängen des Aufbaus eines gemeinsamen Europas. Die Definitionen von Historikern, (...)

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05/11/08

Hubert Nyssen (Frankreich)

Volksbefragung am 29. Mai 2005 in Frankreich: Chirac stellt den Franzosen eine Falle


Hubert Nyssen ist nicht nur Verfasser eines Dutzends von Romanen, mehrerer Gedicht- und Essaysammlungen, sondern auch Gründer des Verlags Actes Sud, den er 1978 in einem Schafstall in der Vallée des Baux in der Provence einrichtet. Der ursprünglich aus Belgien stammende Hubert Nyssen hatte sich bereits zehn Jahre zuvor in dieser Region niedergelassen. In einem zentralistisch aufgebauten Land wie Frankreich, wo praktisch alle Verlage am schicken linken Seineufer angesiedelt sind, war es ein gewagtes Unterfangen, einen Verlag in Südfrankreich zu gründen! 1983 zog das Unternehmen nach Arles an einen Platz, der später wieder nach Nina Berberova umbenannt wurde, als Hommage an die russische Schriftstellerin, die Hubert Nyssen mit der Veröffentlichung ihres Romans L’Accompagnatrice 1985 bekannt machte. Ein großer literarischer Erfolg, dem die Veröffentlichung ihrer weiteren Erzählungen folgte. Ebenfalls Hubert Nyssen ist es zu verdanken, dass Paul Auster und Nancy Huston in Frankreich gelesen werden konnten. Über fünftausend Werke insgesamt finden sich im Katalog, insbesondere ausländische Literatur, darunter das gesamte Werk von Imre Kertész, der 2002 den Literaturnobelpreis erhielt. So weit nicht überraschend. Nyssen hat die fünf Kontinente bereist. Er veröffentlichte 1973 seinen ersten Roman Le Nom de l’arbre. L’Italienne au rucher (1995) erhielt den Grand prix der Académie française. Lira bien qui lira le dernier ist sein letztes Werk, das 2005 erschien. Er ist Doktor der Philologie der Universität Aix-en-Provence und seit 1999 Mitglied der Académie royale de langue et de littérature françaises von Belgien - nach Colette und Jean Cocteau. In Anbetracht seiner Titelfülle hat die Tageszeitung Libération ihn gebeten, mit fünfzig weiteren Autoren für die Woche vom 9. bis 15. April 2005 sein „Tagebuch“ zu schreiben. Am Donnerstag brachte er dort einige Zeilen über die kommende Volksbefragung am 29. Mai 2005 zu Papier:  Wird das nicht zu einer „Falle" werden? Schriftsteller sind häufig scharfsinnige Beobachter des politischen Lebens...

Ich erinnere  mich daran, dass mein Großvater im Sterben noch traurig darüber war, dass er nicht die Gründung der Vereinigten Staaten von Europa miterleben durfte, die er sich so sehr gewünscht hatte. Ich erinnere mich auch daran, dass sich mein Vater kurz vor seinem Ableben mit Bitterkeit darüber ausließ, dass der europäische Eifer sich auf ein Stückchen „Binnenmarkt" reduziert habe, der nichts mit den kulturellen Werten zu tun hätte. Und so sage ich mir, dass wenn im Mai die Gegner siegen, wir dann durch die Schuld mittelmäßiger Beschwörungen erneut zehn Jahre verloren haben, und dass auch ich dieses herbeigesehnte Europa nicht erleben werde. Und wie mein alter Meister Albert Ayguesparse es im Titel einer seiner Romane formulierte, wird das dann wieder Une génération pour rien, eine verschenkte Generation gewesen sein.
Aber wie kann es sein, dass Chirac nicht verstanden hat, dass das Referendum eine Falle ist, die über ihm zusammenschlagen wird, eine Einladung an die Launenhaften, ein Aufruf zur Abrechnung, zur Missbilligung, zur Rachlust und Frustration? Wenn es bei Umfragen ein „Stimmungsbarometer“ gibt, dann misst es Unsicherheit und Wankelmut. Gewiss ließ sich aus den Zuckungen und dem Auf und Ab der öffentlichen Meinung ablesen, dass ein Erwachen eines politischen Bewusstseins letztlich den pragmatischen Brüsseler Bürokratismus stören würde. Aber das ist eher tröstlich als als erwiesen. Hätte man 1981 die Frage der Abschaffung der Todesstrafe einer Volksbefragung unterzogen, dann hätten die Gegner gewonnen (Umfragen belegten dies) und Frankreich hätte noch lange Zeit diese schändliche Last tragen müssen, von der Robert Badinter das Land durch sein Plädoyer vor dem Parlament befreit hat".

Hubert Nyssen
Cent jours captifs, c’est cent ans
Vom 9. bis 15. April 2005
Donnerstag
"Référendum baromètre"

Auszug aus dem Roman des Jahres 2005
Semaine après semaine, le journal de 51 écrivains
Beilage der Tageszeitung Libération vom Donnerstag, den 29. Dezember 2005.

Erstellt: 19-06-06
Letzte Änderung: 05-11-08