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DVD-News - 15/03/05

Hundstage

Ein Film von Ulrich Seidl


etoile4.gif.imageDataWer diesen Film gesehen hat, wird ihn nicht mehr vergessen,
egal ob er ihn geliebt oder gehasst hat

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  • Synopsis
 
cover_hundstage.jpg.imageDataWochenende. Zeit der Hundstage*. Es ist drückend heiß, südlich von Wien, im Niemandsland zwischen Autobahnzubringern, Einkaufsmärkten und Einfamilienhaussiedlungen. Die Temperatur steigt, die Aggression steigt. Asphaltdecken brechen auf.In dieser Atmosphäre erzählen sechs Geschichten, denen Ort und Zeit des Geschehens gemeinsam ist, von Alltag und Aggression; von Nächten voller Spiele, Sex und Gewalt und von Tagen voller Einsamkeit und der Sehnsucht nach Liebe. Ein Film über das Leben in seiner Verletzlichkeit und Intimität.
 
*HUNDSTAGE: allg. gebräuchlicher Begriff für die Tage zwischen 24. Juli und 23. August. Das sind jene Tage, an denen es gewöhnlich sehr heiß ist. Der Name kommt daher, weil dieser Zeitraum unter dem Sternbild Canicola, dem Hund des Orion, steht. (Duden, Herkunftswörterbuch). 
 
  • Der Kommentar zum Film
 
Die Hundstage sind die heißesten Tage des Sommers, Ende Juli bis Ende August. Eine Zeit, in der es noch schwerer als sonst ist, die Fassung zu bewahren. Der Körper schwitzt und fließt und mit ihm die Grenzen der Zivilisation. Ulrich Seidl hat in Hundstage eine Handvoll Österreicher versammelt, deren Leben sich im industriellen Niemandsland vor Wien in den heißesten Tagen kreuzt.
 
Hundstage ist der erste fiktive Film des österreichischen Dokumentarfilmers, der durch seine schonungslosen Porträts wie Tierische Liebe oder Models von sich Reden machte. Da er stilsicher und bewußt seine Filme jenseits der Grenze des guten Geschmacks zu erzählen weiss, spaltet er die Zuschauer automatisch in Freunde und Feinde. Und genau das will er errreichen: Seidl macht Filme wider den Mainstream und das Mittelmaß. Er schafft Situationen voller Intensität und dichter Atmosphäre, die totale Verwirrung auslösen können. Diese Intensität, die auch im fiktiven Film extrem dokumentarisch und authentisch erscheint, gibt es sonst eigentlich nur im New British Cinema, etwa in den Filmen von Ken Loach. Auch dieser arbeitet wie Seidl mit vielen Laien und spornt diese zu Höchstleistungen an.
 
In Hundstage sind mehr als die Hälfte seiner Hauptdarsteller Laien, die nie zuvor vor der Kamera gestanden haben. Wie gelingt es Seidl, Menschen dazu zu bringen, sich so filmen zu lassen? Hier gibt es diverse nackte Körper, die sich sonst kaum vor die Kamera verirren würden. Einige Highlights sind da der Strip nach ‚orientalischer Art‘ der übergewichtigen Zugehfrau des verwitweten Rentners oder die Racheaktion an ‚Wickerl‘, der von Victor Hennemann, einem einschlägig bekannten Swingerclubbesitzer verkörpert wird. In dieser Szene wird er auf eine Art und Weise erniedrigt, wie es ihm hoffentlich noch nie in seinem Leben passiert ist.
 
Seine zwischenmenschlichen Schlachten packt Seidl in harmonische, tableauartige Bilder, die er extrem ästhetisch kadriert. Der Zuschauer hat somit die Chance, sich ganz in Ruhe das unruhige und beunruhigende Treiben anzusehen. Seine Charaktere sind dabei auch sehr ästhetisch anzusehen: Herr Ingenieur Walter (dargestellt von Erich Finsches, Ex-Buffetbesitzer, Marktfahrer, Taxifahrer, Marmeladen- und Getränkeerzeuger) etwa wirkt wie eine fleischgewordene Deix-Karikatur. In kurzen Hosen, von Hosenträgern gehalten, die sich über den prallen Bauch spannen, die Socken hoch nach oben gezogen, ein weißes Ripp-Achsel-Unterhemd steht er auf einer kleinen Gartenleiter und schneidet mit einer riesigen Gartenschere seine große grüne Hecke. Stilsicher stehen diverse Gartenzwerge im gepflegten Garten und im Keller verwaltet Herr Ingenieur Walter einen hauseigenen kleinen Supermarkt.
 
Seidls Welt ist ein perfekt gestylter inhaltlich intensiver und packender Alptraum. Und dennoch spürt man in jeder Minute seines Films, daß Seidl seine Figuren mehr liebt als hasst auch wenn einem als Zuschauer das des öfteren schwer fällt. 
 
  • Das Bonusmaterial
 
Im Trailer von Hundstage wird eine Zeitung zitiert: „Wer diesen Film gesehen hat, wird ihn nicht mehr vergessen, egal ob er ihn geliebt oder gehasst hat“. Ja, da ist was dran.
 
Im leider nur wenige Minuten dauernden Interview stößt Seidl thesenhaft Sätze aus, die sofort einen Eindruck von den nicht grade einfachen Dreharbeiten vermitteln. Seidl schafft eine extreme Ausgangssituation: Beim Dreh muss es unglaublich heiß sein. Ist es – obwohl Sommer – nicht heiß genug, wird entweder nicht gedreht oder innen eingeheizt, jawohl eingeheizt. Die Reaktion der zumeist Laiendarsteller: sie werden apathisch oder aggressiv. Die gewünschte Voraussetzung für Seidl. „Alle Dialoge sind improvisiert“ betont der Filmemacher, mit Laiendarstellern ist es auch kaum möglich, anders zu arbeiten. Wo er seine Darsteller gefunden hat? „Auf der Strasse. Man muss auf die Strasse gehen, Leute ansprechen.“ Viele Zuschauer fanden seinen Film schockierend, fast unzumutbar. Doch Seidl weiß: „Die Wirklichkeit ist immer schockierender, als es ein Film zeigen kann.“
 
Ein wirklich schönes Extra ist der umstrittene zweite Film Seidls an der Wiener Filmakademie, den er vor zwanzig Jahren drehte, und nach dem er vorzeitig die Akademie verließ. Er heißt Der Ball, ist knapp fünfzig Minuten lang und handelt vom jährlichen Schulabschlussball im ländlichen Niederösterreich. Die Filmakademie war „not amused“ und zog nach Beendigung des Films ihren Titel als Produzent zurück. Warum muss jeder selbst beurteilen, der den Film gesehen hat. Er zeigt die Vorbereitungen zum Ball und Seidl führt viele Interviews mit dem Bürgermeister, beteiligten Schülern und Lehrern. Schon damals kadrierte er sehr sorgfältig – seine Bildsprache hat er bis heute beibehalten. Über die Art der im Film gezeigten Personen lässt sich streiten – damals wie heute.
 
Mit seinem ersten Film an der Akademie Einvierzig, dem Porträt eines kleinwüchsigen Mannes, polarisierte der Filmstudent bereits sein Publikum. Er selbst sagte, er wolle „einen behinderten Mann als individuelle Persönlichkeit zeigen, über die man lachen kann, oder die man langweilig finden kann“. Kritiker beschimpften ihn als „zynischen Sozialpornographen“. So ist es bis heute geblieben, nur dass sich Seidl mittlerweile als Filmemacher etabliert hat. Mit Hundstage hat er auf dem Filmfest in Venedig 2002 gar den Großen Preis der Jury gewonnen.
 
Nana A.T. Rebhan
 
 
 Hundstage
(Österreich 2001)
Regie: Ulrich Seidl 
Produzent: Helmut Grasser, Philippe Bober 
Kamera: Wolfgang Thaler 
Drehbuch: Ulrich Seidl, Veronika Franz 
Darsteller: Alfred Mrva, Christian Bakonyi, Christine Jirku, Claudia Martini, Erich Finsches, Franziska Weiß, Gerti Lehner, Maria Hofstätter, René Wanko, Victor Rathbone
 
 Bild 
Format: Widescreen (1.78:1 - anamorph) 
System: PAL 
 
 Ton / Sprachen 
Tonformate / Sprachen: Dolby Digital 2.0 (Stereo) in Deutsch 
Untertitel: Deutsch 
 
 Ausstattung 
Medientyp: DVD-5 
Medienanzahl: 1 
Verpackung: Amaray
DVD Art: Kauf-DVD 
Kapitelanzahl: 
Besonderheiten: 
Bonus-Matrial: - Kurzfilm Der Ball
- Interviews
- Trailer
 
 Angaben zum Vertieb
EAN-Nummer: 4042564012583
Genre: Drama 
Studio: Alamode Film
Vertrieb: Al!ve AG
Veröffentlichung: 21.02.2005 [Kauf-DVD]
Altersfreigabe: ab 16 Jahren 
Ländercode: 2
Filmlänge: 121 min

Erstellt: 15-03-05
Letzte Änderung: 15-03-05