Schriftgröße: + -
Home > Kultur entdecken > Kultur Digital > > Photosynthese einmal anders, "robotisch"

Kultur Digital

Transmediale Sk-interfaces Ars EMAF 2009 teil 3 teil 2 teil 1 Transmediale Article Ars electronica Tuned City Sonar Màtica oder das grosse Staunen (...)

Kultur Digital

Ars Electronica 2005 - "Hybrid - Living in Paradox" - 04/10/05

Hybrid Creatures: Photosynthese einmal anders, "robotisch"

Der Grower der amerikanischen Medientüftlerin Sabrina Raaf ist ein kleiner, metallerner mobiler Roboter, der über einen Sensor den CO2-Gehalt der Luft misst. In Abhängkeit von der festgestellten CO2-Menge zeichnet der Roboter eine dünne grüne Linie an die Wand des Raumes, bewegt sich einige Millimeter weiter und setzt den nächsten Messwert in eine weitere Linie um. So malt er nach und nach eine gezeichnete Grasfläche an die Wand, die im Laufe der Ausstellung wächst und wächst.

Der Künstlerin kommt es hier auf die symbiotische Beziehung zwischen Mensch, Maschine und (repräsentierter) Natur an, und bedient sich dabei der klassischen Metapher der Photosynthese: Grün-Pflanzen generieren unter Lichtbestrahlung aus Wasser und Kohlendioxid Kohlenhydrate und geben dabei Sauerstoff frei. Je mehr Besucher sich im Ausstellungsraum aufhalten und ausatmen, desto grösser spriessen die grünen Farbstreifen, die — zumindest symbolisch — die Menschen damit wieder mit Sauerstoff versorgen können. Der Roboter, Translator II, fungiert dabei als technologischer "Übersetzer" dieser Symbiose, in der Mensch, Maschine und Natur einander bedingen. "Die künstlerischen Resultate einer Maschine zu beobachten, die so sensibel auf ihre Umwelt reagiert, legt dem Besucher seinerseits nahe, sich mehr mit seiner eigenen Umwelt zu beschäftigen," meint Raaf. "Als Künstlerin will ich deutlich machen, wie Mensch und Maschine gegenseitig als lebensnotwendige Einheit voneinander abhängig sind."

Doch hinter der auf den ersten Blick poetisch und harmonisch anmutenden Heile-Welt-Vision tritt bei näherer Beschäftigung mit dem Beziehungsgeflecht Mensch-Maschine-Natur ein gravierender Denkfehler zutage, der den Grower als Beispiel bedenklich naiver Medienkunst entlarvt:

Zum einen braucht der sich bewegende und Gras malende Roboter zusätzlich Strom, um hin und her fahren zu können — und der kommt, wenn auch aus der Steckdose, indirekt dann doch von verschmutzenden Kohle- oder Radioaktivmüll produzierenden Atom-Kraftwerken. Auf keinen Fall jedoch fährt er mit dem ausgehauchten Kohlendioxid der Galleriebesucher, sondern, im Gegenteil, produziert noch mehr davon. Da hilft auch das verklärte Malen grüner Striche nicht viel. Und so erinnert der vierrädrige Roboter dann auch selbst an den Verursacher von CO2-Ausscheidung, Erderwärmung und Treibhauseffekt Nr. 1: das Auto.

Der sensible Betrachter kommt nicht umhin, bei dieser Installation an die Hartnäckigkeit zu denken, mit der sich die US-amerikanische Bush-Regierung gegen die Fakten der Klima-Forschung und gegen das Kyoto-Protokoll sträubt, und statt auf die allseits geforderte Reduktion der CO2-Emissionen auf den Ankauf von Verschmutzungslizenzen setzt, welche diejenigen Länder anbieten können, die durch das Anpflanzen von Bäumen und Grünpflanzen dafür sorgen, dass mehr Kohlendioxid aus der Atmosphäre absorbiert werden möge.

Dass weder diese Widersprüche noch die politischen Hintergründe in der Arbeit kritisch beleuchtet werden, lässt sich auch nicht mit dem Hinweis entschuldigen, es handele sich ja eben auch um eine Medienkünstlerin aus Übersee. Und zynischerweise erweist sich die Logik des Grower wohl entgegen der eigenen Intention in letzter Instanz als durchaus realitätsgetreu: Echt sind hier nur der Mensch, die Maschine und das Kohlendioxid. Auf real wachsendes Gras und auf frischen Sauerstoff wartet man vergeblich.
....................................................

Link
>> Sabrina Raafs offizielle Website

....................................................
Kultur Digital
Festival
Ars Electronica
Reportage von Jens Hauser
September 2005
....................................................

Erstellt: 14-09-05
Letzte Änderung: 04-10-05


+ aus Kultur entdecken